Es war einmal ein kleiner Spielzeugladen in einer schmalen Gasse, mit einer Glocke über der Tür und einem Schaufenster voller Holzeisenbahnen. Im Regal neben der Kasse sass ein Teddybär namens Augustin. Er war der älteste Teddy im ganzen Laden, hatte honigbraunes Fell, das an den Ellbogen schon ein wenig dünn geworden war, eine rote Fliege und zwei schwarze Knopfaugen. Augustin war schon so lange im Laden, dass er jedes Spielzeug beim Namen kannte. Viele Kinder hatten ihn angeschaut, doch gekauft hatte ihn noch nie jemand. Trotzdem gab Augustin die Hoffnung nicht auf, denn er wünschte sich nichts mehr als ein Kind, mit dem er jede Nacht kuscheln konnte.
Seit ein paar Wochen kam jeden Nachmittag ein Mädchen namens Elif am Laden vorbei. Sie drückte die Nase an die Scheibe und schaute ganz genau zu Augustin. Heute war sie mit ihrem Papa sogar hereingekommen, und Augustin hatte gehört, wie der Papa zur Ladenbesitzerin sagte: „Morgen hat Elif Geburtstag. Dann kommen wir gleich am Morgen und sie darf sich einen Teddy aussuchen.“
Als die Ladenbesitzerin am Abend das Licht löschte und die Tür abschloss, wurden die Spielzeuge wach, so wie jede Nacht. Die Holzeisenbahn rollte gähnend aus dem Bahnhof, die Puppen streckten sich, und ein kleiner Doppeldecker namens Wilbur drehte seinen Propeller warm.
Augustin war viel zu aufgeregt, um still zu sitzen. „Ich muss morgen besonders ordentlich aussehen“, sagte er und strich sich das Fell glatt. Er zupfte an seiner Fliege, setzte sich ganz gerade hin und streckte sich so hoch er konnte. Da machte es leise plopp. Etwas Kleines, Schwarzes sprang von seinem Gesicht, hüpfte über das Regal, kullerte über die Kasse und fiel auf den Boden.
Es war sein linkes Knopfauge. Der alte Faden war gerissen.
„Mein Auge!“, rief Augustin. Mit nur einem Auge sah er alles ein bisschen schief, und ihm wurde ganz bang ums Herz. „So wird mich morgen niemand nehmen.“
Er kletterte vorsichtig am Regal hinunter und sah gerade noch, wie das Knopfauge über den Holzboden rollte und in den Tunnel der grossen Spielzeugeisenbahn verschwand. Der Tunnel war aus Pappe und Holz, lang und dunkel. Augustin holte tief Luft und kroch hinein.
Drinnen war es so finster, dass er seine eigene Pfote nicht sah. Er tastete sich voran, Schritt für Schritt über die Schienen. Plötzlich wippte direkt vor ihm etwas mit einem fröhlichen „Huiii!“ in die Höhe. Augustin plumpste vor Überraschung auf seinen weichen Hosenboden.
Vor ihm wippte ein Schachtelteufel auf seiner Sprungfeder hin und her, mit einer bunten Zipfelmütze und einem breiten Grinsen. „Entschuldigung!“, kicherte er. „Ich heisse Hupf, und hier drin ist mein Lieblingsplatz zum Springen. Ich wollte dich nicht erschrecken.“
Augustin musste selbst ein bisschen lachen, als sein Herz wieder ruhiger klopfte. „Hast du hier einen schwarzen Knopf gesehen?“, fragte er. „Es ist mein Auge.“
Hupf machte ein betretenes Gesicht. „So einen Knopf? Der ist vorhin auf meinen Deckel gerollt, gerade als ich gesprungen bin. Er ist hoch in die Luft geflogen, aus dem Tunnel hinaus.“ Er zeigte mit seiner Mütze nach oben. „Ich glaube, er ist ganz oben gelandet, auf dem höchsten Regal.“
Augustin kroch aus dem Tunnel und schaute hinauf. Das höchste Regal reichte fast bis zur Decke. Ganz oben, am Rand, glänzte etwas Schwarzes im Mondlicht, das durch das Schaufenster fiel. Daneben sass Clementine, die alte Nähpuppe, die ein Nadelkissen am Arm trug und jedes Loch im Laden flicken konnte.
„Da komme ich nie hinauf“, sagte Augustin leise. Seine Pfoten waren weich und rund, zum Kuscheln gemacht und nicht zum Klettern.
Da surrte es über ihm. Wilbur, der kleine Doppeldecker, kreiste einmal um ihn herum und landete neben seinen Füssen. „Steig auf“, sagte Wilbur. „Ich bringe dich hin.“
„Bin ich nicht zu schwer für dich?“, fragte Augustin.
„Das finden wir heraus“, sagte Wilbur tapfer.
Augustin kletterte auf die Tragfläche und hielt sich an den Streben fest. Wilbur liess seinen Propeller drehen und rollte an, doch er kam nur eine Handbreit in die Höhe, bevor er mit einem Hopser wieder auf dem Boden landete. Augustin war zu schwer für einen Start vom Boden.
„Ich helfe euch!“, rief Hupf. Er stellte sich unter Wilburs Räder und drückte seine Sprungfeder ganz tief zusammen. „Bei drei! Eins, zwei, drei!“
Hupf schnellte nach oben, und mit diesem Schwung hob Wilbur ab. Er wackelte und schwankte, denn ein Teddy ist schwerer als ein Bleisoldat, doch Stück für Stück stiegen sie höher, am ersten Regal vorbei, am zweiten und am dritten. Kurz vor dem obersten Brett sackte Wilbur ein wenig ab, und alle Spielzeuge unten hielten den Atem an. Mit einem letzten Ruck zog der kleine Doppeldecker die Nase hoch und setzte Augustin sanft auf dem höchsten Regal ab.
Clementine hielt das Knopfauge schon in der Hand. „Das habe ich aufgefangen“, sagte sie freundlich. „Setz dich, ich nähe es dir an.“
Sie fädelte einen festen, schwarzen Faden ein und begann zu nähen, Stich um Stich, sorgfältig und ruhig. Draussen wurde der Himmel schon heller, und die ersten Vögel begannen zu zwitschern. Plötzlich hörten alle ein Geräusch an der Ladentür. Die Ladenbesitzerin steckte ihren Schlüssel ins Schloss.
„Schnell, Clementine“, flüsterte Augustin.
Clementine machte den letzten Stich und zog den Knoten fest, genau als sich der Schlüssel im Schloss drehte. Alle Spielzeuge erstarrten an ihren Plätzen, und auch Augustin sass ganz still, oben auf dem höchsten Regal, mit zwei glänzenden Knopfaugen.
Kurz darauf bimmelte die Glocke, und Elif kam mit ihrem Papa herein. Sie schaute zum Regal neben der Kasse, wo Augustin sonst immer sass, und machte ein erschrockenes Gesicht. Dann hob sie den Kopf, und ihr Gesicht begann zu strahlen. „Da oben ist er!“, rief sie. „Den will ich und keinen anderen.“
Die Ladenbesitzerin holte ihn mit einer Leiter herunter, und Elif drückte ihn fest an sich.
In der nächsten Nacht lag Augustin zum ersten Mal in einem richtigen Kinderbett. Es roch nach frischer Wäsche und ein bisschen nach Geburtstagskuchen. Elif hatte ihn in den Arm genommen, und ihr Atem ging schon langsam und gleichmässig. Augustin schaute mit seinen beiden Knopfaugen an die Zimmerdecke, dachte an Wilbur, an Hupf und an Clementine und fühlte sich so warm wie noch nie. Dann schloss er die Augen, so gut ein Teddy das eben kann, und schlief ein, ganz dicht an seinem Kind.

Jeden Sonntag die schönsten Geschichten der Woche
Trag dich ein und bekomm jeden Sonntag eine kurze Post von uns, mit den Geschichten, die diese Woche am besten ankamen. Als Willkommensgeschenk gibt es gratis Ausmalseiten und das erste Kapitel eines Schlummerpiraten-Buchs.
Ähnliche Gute-Nacht-Geschichten
8 Min. VorlesezeitDer kleine Drache Funkel und das Laternenfest
Funkel kann nur kleine Funken spucken, doch mit Marmeladengläsern und Freunden zündet er beim Laternenfest alle Laternen im Dorf an.
8 Min. VorlesezeitNomi und die Wolkenpost
Wolken-Briefträgerin Nomi jagt einen verwehten Gute-Nacht-Brief durch den Nachthimmel und lernt unterwegs, auch einmal zu warten.
8 Min. VorlesezeitGeisterchen Pip und die Kürbis-Laternen-Nacht
Das schüchterne Geisterchen Pip hat sein Leuchten verloren und bekommt es in der Halloween-Nacht mit Hilfe von Kindern zurück.
10 Min. VorlesezeitFee Mara und das verschwundene Abendrot
Fee Mara holt das Abendrot aus einem verschlossenen Glas zurück, mit Hilfe eines Glühwürmchens, das den Schlüssel verschluckt hat.
9 Min. VorlesezeitGespenst Wilma und die Kerze fürs Kürbisfest
Das Gespenst Wilma bringt die Kerze zum Kürbis, trotz Wind und Dunkelheit, mit Hilfe der Glühwürmchen, die ihr den Weg zeigen.
9 Min. VorlesezeitSchneiderin Fenja und der Mantel aus Nebel
Schneiderin Fenja näht dem frierenden Wind einen Mantel aus Nebel, mit einem Faden aus Tau, den eine Spinne für sie spinnt.
