Gespenst Wilma und die Kerze fürs Kürbisfest

9 Minuten Vorlesezeit

Wilma war ein kleines Gespenst, so weiss wie frisch gewaschene Bettwäsche, und sie wohnte in einem Dachboden über der Bäckerei. Heute war ein besonderer Abend: das Kürbisfest im Garten des alten Gärtners. Alle Kinder aus dem Dorf kamen, und Wilma durfte zum ersten Mal die Kerze bringen, die den grossen Kürbis zum Leuchten brachte.

„Pass gut auf“, hatte die Mutter gesagt und ihr eine kleine Kerze in die Hand gedrückt, mit einer winzigen Flamme obendrauf. „Die Flamme muss bis zum Kürbis brennen, sonst bleibt er dunkel.“

Wilma nickte so heftig, dass ihr Tuch hin und her flatterte. Den ganzen Tag hatte sie geübt, mit einem Stück Kreide statt einer Kerze, über den Dachboden hin und zurück, ohne es einmal fallen zu lassen. Nur Wind hatte der Dachboden keinen.

Wilma schwebte los, die Kerze mit beiden Händen vor sich. Der Weg zum Garten führte über den Hof, durch das Gartentor und dann zwischen den Beeten hindurch. Es war nicht weit, nur ein paar Dutzend Meter, aber der Abend war windig.

Schon am Hoftor kam der erste Windstoss und blies die Flamme aus.

„Oh nein“, flüsterte Wilma und starrte auf den dünnen Rauchfaden. Sie schwebte zurück, hielt die Kerze an den warmen Backofen der Bäckerei und wartete, bis sie wieder brannte. Diesmal nahm sie ihr Tuch, das sie als Kragen trug, und hielt es wie einen Schutz um die Flamme.

In der Backstube sass Mimi, die dicke Bäckerskatze, auf dem Mehlsack und beobachtete die Flamme mit grossen runden Augen. Kaum schwebte Wilma zur Tür, sprang Mimi herunter und tappte hinter dem flatternden Tuch her. Mit jedem Schritt wurde die Katze schneller, und die Flamme zitterte.

„Nein, Mimi, das ist kein Spielzeug“, flüsterte Wilma. Sie zupfte ein Stück Teig vom Brett, rollte es zu einer Kugel und warf sie in die andere Ecke der Backstube. Mimi schoss hinterher, und Wilma schlüpfte durch die Tür, bevor die Katze merkte, dass die Kugel nach Teig schmeckte und nicht nach Maus.

So ging es besser. Sie schwebte durch das Tor, an den Kohlköpfen vorbei und an den Bohnenstangen entlang. Doch als sie um die Ecke bog, wurde es dunkel. Der Gärtner hatte alle Lampen im hinteren Teil ausgemacht, damit der Kürbis später besser leuchten würde. Ohne Licht erkannte Wilma die Beete nicht mehr, und dann blies der Wind erneut und löschte die Flamme noch einmal.

Jetzt stand sie ganz im Dunkeln. Die Kerze rauchte, das Tuch war nass vom Tau, und von weitem hörte sie schon Kinderstimmen und das Klirren von Bechern. Das Fest hatte fast angefangen.

Mit ausgestreckten Armen tastete sie sich vorwärts und stiess gegen etwas Hohes, Weiches. Es war eine Gestalt mit weitem Mantel und Hut, die reglos mitten im Beet stand. Wilma zuckte zurück, bis sie merkte, dass es nur die Vogelscheuche des Gärtners war, in deren Hut ein Spatz schlief. „Entschuldigung, Herr Strohmann“, flüsterte Wilma, und der Spatz piepste verschlafen. Sie musste kichern, obwohl ihr eigentlich zum Weinen war, und tastete sich weiter, bis sie nicht mehr wusste, in welcher Richtung das Gartentor lag.

„Ich schaffe es nicht“, sagte Wilma leise. Ein Gespenst, das weint, ist ein seltsamer Anblick, aber sie hatte ein paar Tränen in den Augen.

„Pssst“, machte es neben ihr. „Was ist denn los?“

Wilma schaute auf. Zwischen den Bohnenblättern leuchteten kleine gelbe Punkte, erst einer, dann fünf, dann ein ganzer Schwarm. Glühwürmchen, die auf den späten Bohnen schliefen und von ihrem Schluchzen wach geworden waren.

„Ich muss die Kerze zum Kürbis bringen“, erklärte Wilma, „aber der Wind hat sie ausgeblasen, und es ist zu dunkel, um den Weg zu finden.“

„Wir haben Licht“, sagte das grösste Glühwürmchen. „Ein bisschen leihen können wir dir.“

„Ihr seid doch keine Flamme“, sagte Wilma und blinzelte.

„Nein“, sagte das Glühwürmchen. „Wir können dir zeigen, wo es langgeht, und für dich ein Dach machen, damit der Wind nicht herankommt.“

Die Glühwürmchen schwebten auf und führten sie zum Gartenhaus, wo eine Laterne am Haken hing. Wilma hielt den Docht an die Flamme, und mit einem leisen Fauchen fing die Kerze wieder Feuer. Dann bildeten die Glühwürmchen einen Kreis um Wilma und ihre Kerze und flogen dicht an dicht, flügelschlagend, sodass ein warmer, windstiller Raum entstand.

„Jetzt“, sagte das grösste Glühwürmchen. „Folge uns.“

So gingen sie los, ein kleiner leuchtender Zug mitten durch die Beete. Die Käfer flogen voraus und zeigten den Weg, Wilma schwebte in der Mitte, die Kerze fest in beiden Händen. Der Wind pfiff um sie herum, aber er kam nicht durch.

Auf halbem Weg kam der stärkste Windstoss des Abends. Er fuhr zwischen die Bohnenstangen, riss an Wilmas Tuch und drückte die Flamme so flach, dass sie nur noch ein blauer Punkt war. Die Glühwürmchen wackelten, der Kreis bekam eine Lücke, und der Wind schlüpfte hindurch.

„Haltet zusammen!“, rief das grösste Glühwürmchen.

Das kleinste Glühwürmchen, kaum so gross wie ein Reiskorn, flog ohne zu zögern in die Lücke und breitete die Flügel aus. Es zitterte am ganzen Körper, aber es blieb dort, und die anderen rückten enger zusammen. Wilma beugte sich über die Kerze und schützte die Flamme mit beiden Händen, bis sie sich wieder aufgerichtet hatte. Der blaue Punkt wurde gelb und wuchs zu einer kleinen, ruhigen Flamme.

„Geschafft“, flüsterte Wilma. „Danke, du Kleiner.“

„Gern“, piepste das kleinste Glühwürmchen und leuchtete vor Stolz doppelt so hell.

Am Ende des Gartens stand der Kürbis, riesig und orange, mitten zwischen den Kindern. Gesichter wurden geschnitzt, Kinder tuschelten, und der alte Gärtner stand mit einem Feuerzeug da und wollte schon aufgeben.

„Warte!“, rief Wilma.

Alle drehten sich um. Wilma schwebte nach vorn, die Kerze brannte ruhig, und die Glühwürmchen löschten ihr Licht im selben Moment. Sie stellte die Kerze in den Kürbis. Das Licht flackerte durch Augen, Nase und Mund und malte ein breites, warmes Lächeln in die Dunkelheit.

Die Kinder staunten. „Das ist der schönste Kürbis, den ich je gesehen habe“, sagte ein Mädchen.

Der Gärtner nahm seine Mütze ab und verbeugte sich vor Wilma. „Seit vielen Jahren leuchtet dieser Kürbis“, sagte er, „aber noch nie hat ihm jemand die Kerze mit so viel Mühe gebracht.“ Hinter dem Zaun stand Wilmas Mutter, hatte alles gesehen und nickte stolz.

Wilma strahlte, so gut ein Gespenst strahlen kann. Die Glühwürmchen blinkten fröhlich und setzten sich auf die Hüte der Kinder. Es gab warmen Apfelsaft und Kekse in Kürbisform.

Wilma bekam gleich zwei Kekse, einen für sich und einen für die Mutter, die ihn stolz entgegennahm.

Die Kinder wollten wissen, wie sie den Weg durch die dunklen Beete gefunden hatte, und Wilma erzählte von dem Wind, dem Tuch und der Katze, die dem Teig hinterhergejagt war. Der Gärtner holte Decken, und bald sassen alle im Kreis um den Kürbis, die Glühwürmchen oben auf den Hüten wie kleine Laternen.

Das kleinste Glühwürmchen bekam den grössten Krümel Kürbiskeks, den die Kinder finden konnten, und trug ihn mit beiden Beinchen davon wie einen Schatz.

Später, als das Fest ruhig wurde, sass Wilma auf dem Zaun, die Kinder summten ein Lied, und der Kürbis leuchtete immer noch. Ihre Augen wurden schwer. Das grösste Glühwürmchen kuschelte sich in ihr Tuch.

Sie spürte, wie die Mutter sie auf den Arm nahm, wie sie über den Hof getragen wurde und wie das Licht des Kürbis allmählich kleiner wurde. Es schimmerte noch einmal durch das Gartentor, golden und friedlich, und Wilma schlief tief und warm, als hätte sie jemand in frische Bettwäsche gewickelt.

Schlummerpiraten-Maskottchen mit Buch
Sonntagspost

Jeden Sonntag die schönsten Geschichten der Woche

Trag dich ein und bekomm jeden Sonntag eine kurze Post von uns, mit den Geschichten, die diese Woche am besten ankamen. Als Willkommensgeschenk gibt es gratis Ausmalseiten und das erste Kapitel eines Schlummerpiraten-Buchs.

Ähnliche Gute-Nacht-Geschichten