Geisterchen Pip und die Kürbis-Laternen-Nacht

8 Minuten Vorlesezeit

In einem kleinen Dorf, in dem im Herbst die Kürbisse so rund wie Monde in den Gärten lagen, lebte ein winziges Geisterchen namens Pip. Er war weiss wie frische Milch, trug immer ein bisschen Kürbisduft an sich und war so schüchtern, dass er sich bei jedem Rascheln hinter einem Blatt versteckte. Doch Pip hatte eine Gabe: Wenn er sich freute, leuchtete er von innen wie eine Laterne, sanft und gelb. Deshalb hatte ihm der alte Kürbisbauer Ulf eine Aufgabe gegeben. In der Halloween-Nacht sollte Pip die Kürbislaternen im Dorf zum Leuchten bringen.

Am Morgen dieses grossen Tages stand Pip auf der Gartenmauer und übte. Er dachte an sein Lieblingsessen, Kürbissuppe mit Brot, und an die Kinder, die lachend durch die Strassen rannten. Doch diesmal blieb er blass. Er strengte sich an und zwinkerte, aber kein einziger Funke kam. Sein Leuchten war weg.

„Nein, nein, nein“, flüsterte Pip und schwebte aufgeregt im Kreis. „Wie soll ich ohne Leuchten die Laternen anzünden?“

Er musste es wiederfinden, noch vor Sonnenuntergang. Pip schwebte zum Kürbisfeld und fragte den ersten Kürbis, einen dicken, orangefarbenen, der schief im Gras lag.

„Hast du mein Leuchten gesehen?“

„Nur wer sich etwas zutraut, kann leuchten“, sagte der Kürbis ernst. „Frag den Kürbis am Zaun.“

Pip schwebte weiter und fand den zweiten Kürbis, einen grünen mit gelben Streifen. Der räusperte sich. „Ich habe es nicht gesehen, aber ich weiss, dass es bei Nacht stärker wird. Geh zur alten Eiche.“

Pip flog zur alten Eiche am Dorfrand, wo ein dritter Kürbis lag, so klein, dass er fast zwischen den Wurzeln verschwand. „Dein Leuchten ist da, wo Freude ist“, murmelte der kleine Kürbis. „Such dort, wo etwas gefeiert wird.“

Pip zog die Stirn kraus. Er hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte. Da kam ein Windstoss durch die Äste, so stark, dass er sich an einem Blatt festhalten musste. Der Wind fegte durch das Dorf und blies die Kerze in der ersten Laterne aus, die schon am Gartenzaun hing. Pip erschrak, doch er flog hin und versuchte, sie zu schützen, indem er sich mit ausgebreiteten Armen davorstellte. Er zitterte, aber er blieb stehen.

Danach musste er durch eine dunkle Gasse, in der ein altes Gartentor quietschte. Pip hielt sich die Ohren zu und wollte umkehren, aber das Quietschen kam näher. Zwei grüne Augen leuchteten im Dunkel auf, und aus dem Schatten trat die Nachbarskatze Mimi, die sich am Tor die Pfote gestossen hatte. „Du bist ja ein Gespenst“, miaute sie. „Wunderbar, dann kannst du mich nach Hause begleiten, ich habe mich verlaufen.“ Pip atmete auf, begleitete sie bis zu ihrer Haustür und merkte, dass er dabei kaum Angst gehabt hatte.

Von der Strasse kamen lachende Stimmen. Eine Gruppe Kinder in Kostümen zog durch die Gasse, ein Drache, eine Fee, ein Pirat und ein kleiner Kürbis mit Hut. Sie sahen das Geisterchen vor der Laterne stehen und blieben stehen.

„Schau mal, ein echtes Gespenst!“, flüsterte die Fee.

Pip erstarrte, denn er hätte sich am liebsten sofort in Luft aufgelöst. Er war doch viel zu schüchtern für so viele Gesichter, doch die Kinder rannten nicht davon. Der Pirat kniete sich hin und sagte freundlich: „Hast du keine Kerze? Wir haben Streichhölzer, aber wir dürfen sie nicht allein anzünden.“

Pip nahm allen Mut zusammen. „Ich bin Pip“, sagte er leise. „Ich sollte die Laternen anzünden, aber mein Leuchten ist weg.“

„Dann machen wir es zusammen“, sagte die Fee. „Wir halten die Laterne, und du sagst, wie es geht.“

Pip merkte, wie ihm warm wurde. Er sah, wie die Kinder die Laterne vorsichtig zusammen hielten und den Wind mit ihren Körpern abschirmten. Etwas begann in seinem Bauch zu kribbeln, erst winzig, dann stärker. Seine Wangen färbten sich gelb. Dann spürte er, wie sein ganzer Körper leuchtete, warm und gleichmässig wie ein Kerzenschein.

„Er leuchtet!“, rief der kleine Kürbis mit Hut begeistert.

Pip blinzelte und sah an sich hinunter. Tatsächlich, er strahlte, heller als je zuvor. Sein Leuchten kehrte zurück, nicht weil er sich angestrengt hatte, sondern weil er nicht mehr allein gewesen war. Er schwebte zur Laterne, und das Licht sprang vom Geisterchen auf die Kerze über. Die Flamme stieg ruhig und golden auf.

Die Kinder klatschten leise, und Pip flog Dutzende Laternen entlang, von Haus zu Haus, immer mit den Kindern im Schlepptau. Die Gärten füllten sich nach und nach mit einem warmen Schimmer, und aus den Fenstern strömte der Duft von Kürbissuppe und frischem Brot. Hier und da lugte ein Nachbar heraus und lächelte.

Zum Schluss erreichte Pip das Haus von Ulf, dem alten Kürbisbauern, wo die grösste Laterne im Vorgarten stand, ein riesiger Kürbis mit freundlichem Gesicht. Ulf sass auf seiner Bank und hielt eine warme Tasse in den Händen. Er nickte Pip zu.

„Ich wusste, dass du es schaffst“, sagte er und zwinkerte.

Pip dachte an die drei Kürbisse vom Morgen und verstand endlich, was der kleine unter der Eiche gemeint hatte. Das Leuchten hatte nie fortgehen können, es war nur versteckt gewesen, bis er es mit anderen teilte. Er wollte den Kürbissen morgen unbedingt davon erzählen.

Pip leuchtete so hell, dass die Blätter am Baum golden schimmerten. Er fühlte sich leicht und zufrieden. Der Wind hatte sich gelegt, und über den Dächern stieg der Mond hoch, rund und gelb wie ein Kürbis.

Die Kinder zogen weiter, ihre Beutel gefüllt, und verabschiedeten sich winkend. Das Dorf wurde ruhiger, die Stimmen leiser, und eine Laterne nach der anderen flackerte noch ein wenig, bis sie nur noch glimmte. Pip schwebte auf die Gartenmauer und setzte sich neben die grosse Laterne. Ulf brachte ihm eine Schale mit warmem Kürbisbrei, und Pip schlürfte sie in kleinen Schlucken, den Kopf müde zur Seite geneigt.

Die Nacht war klar und still. Hin und wieder knackte ein Ast, aber Pip fürchtete sich nicht mehr. Sein Leuchten pulsierte leise, im Takt seines Atems, wie ein kleines Nachtlicht für das ganze Dorf. Er rollte sich auf der Mauer zusammen, wickelte sich in ein Stück Stoff, das Ulf ihm gegeben hatte, und seine Augen fielen zu. Draussen glommen die Kürbisse, und das Geisterchen Pip schlief mit einem sanften, goldenen Schimmer ein.

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