Paulo, der kleine Kürbis, und das Licht im Dunkeln

5 Minuten Vorlesezeit

Im Gemüsebeet hinter dem alten Holzzaun wuchs in diesem Herbst ein ganzes Feld voller Kürbisse, dicke und dünne, runde und ovale, und mittendrin, etwas kleiner als alle anderen, wuchs Paulo. Er war stolz auf seine leuchtend orange Schale, aber seit die Tage kürzer wurden und die Dunkelheit schon kam, während die Kinder aus dem Haus nebenan noch draussen spielten, wurde ihm jeden Abend ein bisschen mulmiger zumute. Die anderen Kürbisse schienen es nicht zu stören, aber Paulo zog seine Blätter enger um sich, sobald die Sonne hinter dem Nachbarhaus verschwand.

„Was ist denn mit dir los, kleiner Freund?", fragte eine raschelnde Stimme aus dem Beet neben ihm, eines Abends, als die letzten rosa Streifen am Himmel gerade verblassten. Es war Igelin Mathilde, die zwischen den Kürbisranken ihr Nachtquartier hatte und schon viele Herbste hier verbracht hatte. Paulo gestand ihr leise, dass ihm die Dunkelheit Angst machte, dass er nicht verstand, wie alle anderen einfach so ruhig dalagen, während um sie herum alles schwarz wurde.

Mathilde schnaubte freundlich und schüttelte sich ein wenig, wie sie es tat, wenn sie nachdachte. „Dann komm mit mir, ich zeig dir was." Natürlich konnte ein Kürbis nicht einfach mitkommen, aber Mathilde trottete so nah an seinem Rand entlang, dass Paulo alles genau sehen konnte, was sie ihm zeigte. Zuerst wies sie mit der Nase auf einen Tautropfen, der an einem Kürbisblatt hing und im letzten Licht wie ein winziger Diamant funkelte. „Siehst du, das Dunkle macht das Kleine erst sichtbar. Bei Tag würdest du diesen Tropfen nie so bemerken."

Dann führte sie ihn, Stück für Stück am Beetrand entlang, zu der Stelle unter dem alten Apfelbaum, wo in den warmen Herbstnächten manchmal noch ein paar Glühwürmchen unterwegs waren. Zwei kleine grüngelbe Lichter tanzten zwischen den Grashalmen, verschwanden, tauchten wieder auf, als würden sie sich gegenseitig ein Geheimnis zublinken. Paulo beobachtete sie mit offenem Mund, so gebannt, dass er für einen Moment ganz vergass, sich zu fürchten.

„Und da oben,", sagte Mathilde und blickte hoch, während sich über dem Beet der erste blasse Mond zeigte, „da kommt gleich das grösste Licht von allen. Das war schon da, lange bevor du gewachsen bist, und es wird noch da sein, wenn du längst geerntet bist." Paulo fand das nicht besonders tröstlich, bis Mathilde hinzufügte, dass der Mond genau deshalb jede Nacht wiederkam, weil die Dunkelheit ihn brauchte, um überhaupt gesehen zu werden. Ohne die Nacht, sagte sie, gäbe es gar kein Licht, das man bewundern könnte.

Paulo dachte darüber nach, während die Grillen im Beet ihr leises, gleichmässiges Zirpen begannen, ein Geräusch, das er plötzlich gar nicht mehr unheimlich fand, sondern eher wie eine Melodie, die ihn in den Schlaf wiegen könnte. Er merkte, wie seine Blätter sich ein kleines bisschen entspannten, und wie die Dunkelheit um ihn herum nicht mehr ganz so schwer wirkte wie noch vor einer Stunde.

Am nächsten Abend kamen die Kinder aus dem Haus mit einer kleinen Kerze und einem Löffel zum Beet, und Paulo spürte, wie man ihn behutsam von seiner Ranke trennte und ins Haus trug. Er verstand erst nicht, was mit ihm geschah, bis er in der warmen Küche auf dem Tisch lag und die Kinder ihm vorsichtig, mit vielen Ohs und Ahs, einen sanften Mond und zwei runde Augen in seine Schale schnitten, nicht scharf oder gruselig, sondern rund und freundlich wie das Gesicht eines schlafenden Freundes.

Als die Kerze in seinem Inneren angezündet wurde, spürte Paulo eine warme, weiche Wärme von innen, und als man ihn ans Fenster stellte, sah er zum ersten Mal von aussen, wie sein eigenes Licht in den Garten hinausfiel, sanft und golden, genau wie die Glühwürmchen, die Mathilde ihm gezeigt hatte. Draussen huschte gerade Mathildes Schatten am Zaun entlang, und Paulo hätte schwören können, dass sie kurz stehen blieb und zu ihm herüberblinzelte, bevor sie zufrieden weitertrottete, ihrem eigenen Nachtlager entgegen.

Paulo leuchtete die ganze Nacht ruhig vor sich hin, kein bisschen mehr ängstlich, sondern voller Stolz darüber, dass aus seiner Angst vor der Dunkelheit ein kleines, warmes Licht geworden war, das jetzt selbst jemandem den Weg erhellte. Und irgendwann, während die Kerze in ihm langsam kleiner wurde, schlief auch er zum ersten Mal seit Tagen tief und friedlich ein.

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