Lio war noch nicht lange Ritter, und heute Nacht hatte er zum ersten Mal Wache. Er stand im Wachturm der Burg, mit einem Schild, das fast so gross war wie er selbst, und einer kleinen Laterne in der Hand. Unten im Hof schliefen die Pferde, und im grossen Saal brannte nur noch ein einziges Kaminfeuer.
„Eine Wache muss aufmerksam sein“, hatte der alte Hauptmann gesagt. „Hör auf jedes Geräusch.“
Lio hatte die Worte den ganzen Nachmittag geübt, vor dem Spiegel in der Rüstkammer. Er wusste, was ein Ritter tut, wenn Feinde kommen. Er wusste nicht, was ein Ritter tut, wenn nur ein Geräusch kommt. Mit klopfendem Herzen stieg er auf den Turm, stellte sich an die Zinne und sah in die Dunkelheit.
Lio hörte aufmerksam. Zuerst hörte er den Wind. Dann hörte er seinen Magen. Dann hörte er etwas, das nicht der Wind und nicht sein Magen war: ein leises Klimpern, wie von winzigen Glöckchen, gefolgt von einem Rascheln.
Lio spitzte die Ohren. Es kam von unten, aus dem Turm selbst.
„Wer da?“, rief er so tief, wie er konnte. Es kam keine Antwort. Das Klimpern verstummte, und dann begann es wieder, noch leiser.
Aus dem Boden kam ein ganz leises Pssst, dann ein Rascheln, dann nichts. Lio musste sich auf die Lippe beissen, um nicht laut zu lachen, so komisch klang es.
Lio schluckte. Dann nahm er seinen Schild unter den Arm, hob die Laterne und stieg die Wendeltreppe hinunter, Stufe für Stufe, ganz vorsichtig. Auf halbem Weg hörte er ein Tuscheln. Auf dem nächsten Treppenabsatz roch er Käse.
Auf dem Treppenabsatz stand eine leere Rüstung, die im Licht seiner Laterne wie ein riesiger Mann aussah. Lio blieb stehen und hob den Schild. Dann erkannte er, dass der Helm schief auf dem Brustpanzer sass und dass jemand ihm einen Strohhalm als Federbusch hineingesteckt hatte. Er musste grinsen und ging weiter, und hinter ihm klirrte der Helm leise im Luftzug.
Käse? Lio blieb stehen. In der Kammer unter dem Turm stand eine alte Truhe, und daneben lag eine Falltür im Boden. Sie wackelte. Von drunter kam wieder das Klimpern, jetzt ein bisschen lauter, ein bisschen schiefer.
„Im Namen der Burg“, sagte Lio mit klopfendem Herzen. „Ich befehle, dass ihr herauskommt!“
Die Falltür blieb zu. Lio nahm all seinen Mut zusammen, kniete sich hin und zog sie auf.
Unter der Tür führte eine winzige Treppe in einen runden Raum, nicht grösser als eine Brotdose. In der Mitte stand eine Maus mit einem Taktstock, und um sie herum sassen zwanzig weitere Mäuse, jede mit einem Instrument: eine mit einer Triangel aus einer Gabel, eine mit einer Flöte aus einem Strohhalm, eine mit einer Pauke aus einem Fingerhut. Sie hielten mitten im Spiel inne und starrten Lio an, mit grossen, erschrockenen Augen.
„Oh nein“, flüsterte die Dirigentenmaus. „Wir sind entdeckt.“
„Was macht ihr hier?“, fragte Lio. Er vergass ganz, tief zu sprechen.
Die Maus räusperte sich. „Wir sind das Burgorchester“, sagte sie. „Morgen hat der Burgherr Geburtstag, und wir wollten ihm ein Ständchen bringen. Wir haben leider nur nachts Zeit, und es klingt noch nicht richtig. Immer wieder kommt die Flöte zu früh.“
Sie zeigte mit dem Taktstock auf die Instrumente. Die Triangel war eine Gabel, die Flöte ein Strohhalm, die Pauke ein Fingerhut, auf dem sie mit zwei Zahnstochern trommelten. Die Lieder hatten sie sich selbst ausgedacht, nach den Geräuschen der Burg: dem Knarren der Tore, dem Plätschern des Brunnens, dem Seufzen der Pferde im Stall.
„Wegen eurer Musik hätte ich fast den Hauptmann geweckt“, sagte Lio und musste lachen. Seine Knie waren noch weich.
„Ich bin Pippa“, sagte die Dirigentenmaus und verneigte sich. „Das ist Triangel-Tom, die Flöte heisst Fina, und der Mäuserich an der Pauke ist Brummel.“ Lio verbeugte sich ebenfalls, auch wenn er dabei fast die Laterne fallen liess. „Ich bin Lio. Ich bin erst seit drei Wochen Ritter.“
Pippa rollte ein winziges Notenblatt aus, das auf ein Stück Brotpapier gekritzelt war. Die Noten waren Punkte aus Tinte, und darüber stand mit Pfotenschrift: Für den Burgherrn. Lio konnte keine Noten lesen, nickte aber ernst, als wäre er Fachmann.
„Schon auf Wache“, sagte Pippa anerkennend. „Das ist nicht schlecht.“
„Wir wollten niemanden erschrecken“, sagte die Flötenmaus beschämt. „Wir fangen immer an, wenn die Glocke schlägt, aber manchmal verhört sich einer.“
Lio setzte sich auf den Boden und überlegte. Dann zog er sein Schwert, das er noch nie gebraucht hatte, und hielt es hoch, wie einen Taktstock.
„Ich helfe euch“, sagte er. „Ich bin Wache, ich kann das Zeichen geben. Wenn ich mit dem Schwert nicke, fängt die Flöte an.“
Die Mäuse sahen sich an. Dann nickten sie alle gleichzeitig. Lio hob das Schwert, senkte es langsam, und das Orchester spielte. Zuerst die Triangel, dann die Flöte, dann die Pauke, leise und ganz genau im Takt. Es war eine kleine, zarte Melodie, die sich wie ein Faden durch die Kammer zog. Lio hörte zu und merkte, dass ihm dabei die Augen zufielen.
Beim zweiten Versuch war es die Pauke, die zu laut wurde. Sie dröhnte durch den Raum und rollte als Echo die Treppe hinauf, bis oben in der Wachstube ein Stuhl knarrte. Alle erstarrten. Lio hielt den Atem an und lauschte, ob der Hauptmann kam. Nichts. Dann zog er das weiche Polster aus seinem Schild, riss einen kleinen Streifen ab und band ihn um den Fingerhut. Die Pauke klang jetzt weich und rund wie ein Herzschlag, und die Mäuse stiessen kleine, begeisterte Pieper aus.
Sie probten dreimal. Beim vierten Mal sassen alle Mäuse ganz ruhig da, die Köpfe geneigt, und Lio gähnte, so weit er konnte.
„Das war schön“, sagte die Dirigentenmaus. „Danke, Wachritter. Dürfen wir morgen früh auf dich zählen?“
Pippa nahm den kleinsten Fingerhut vom Taktstock und setzte ihn Lio feierlich auf den Daumen. „Ehrenmitglied des Burgorchesters“, sagte sie. „Du darfst ihn behalten.“
„Ich komme mit dem Schild“, versprach Lio, „und halte den Takt.“
Bevor er ging, schob er die Falltür so zurecht, dass sie einen Spalt offen blieb, gross genug, damit die Melodie hindurchkam, aber zu klein für neugierige Katzen.
Neben der Treppe hingen die Schlüssel des Hauptmanns an ihrem Haken. Lio zählte sie durch, wie jeden Abend, und alle waren da. Morgen früh würde niemand bemerken, was in dieser Nacht geschehen war, ausser vielleicht, dass die Burg ein wenig besser gelaunt klang als sonst.
Auf halber Strecke blieb er stehen und horchte zurück. Von unten drang die leise Melodie herauf, jetzt ganz ohne Fehler, und aus dem Stall antwortete ein Pferd mit einem tiefen, zufriedenen Schnauben. Lio lächelte. Es war das erste Mal, dass er die Burg nachts nicht als dunkel empfand, sondern als bewohnt.
Er kroch die Treppe wieder hinauf, die Laterne in der Hand, und stieg in den Wachturm zurück. Dort setzte er sich auf seinen Posten und lehnte den Rücken an die Mauer. Von unten drang noch immer die leise Melodie zu ihm herauf, weich wie ein Wiegenlied. Der Mond stand hell über der Burg, und im Hof schnaubte ein Pferd im Schlaf.
Lio hielt Wache, so aufmerksam, wie er konnte, bis ihm die Augen zufielen, und der Hauptmann, der kurz darauf nach ihm sah, blieb einen Moment in der Tür stehen. Er hatte schon eine Weile unten an der Treppe gestanden und der leisen Musik gelauscht, ohne ein Wort zu sagen. Jetzt deckte er Lio mit seinem eigenen Mantel zu und liess ihn schlafen.

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