Mara war eine kleine Fee mit grünen Flügeln, die auf der Pilzwiese wohnte, und jeden Abend hatte sie eine Aufgabe: Sie musste dem Himmel beim Abendrot helfen. Dazu stieg sie auf den höchsten Pilz, hob die Arme, und die Farbe stieg wie von selbst aus dem Boden auf, rosa, orange und zuletzt ein tiefes Rot.
Es war die einzige Aufgabe, die sie sich jemals selbst ausgesucht hatte, und sie nahm sie ernster als alle anderen Feen ihre eigenen.
Heute stieg nichts auf.
Mara stand auf ihrem Pilz, hob die Arme und wartete. Der Himmel blieb grau wie ein altes Tuch. Die Pilzfeen auf der Wiese tuschelten, und ein Igel, der gerade vorbeikam, blieb stehen und sah ratlos nach oben.
Sie versuchte es noch einmal und noch einmal. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, sie sang die alte Abendrot-Melodie, die sie von ihrer Grossmutter kannte, sie wedelte mit den Flügeln. Nichts. Der Himmel blieb grau, und die erste Fledermaus flog durch die Dämmerung und sah sich verwundert um.
„Das Abendrot ist weg“, flüsterte Mara. „Ich muss es finden, bevor die Sterne kommen. Sonst weiss der Himmel nicht, wie er dunkel werden soll.“
Der Igel kratzte sich am Stachelkopf. „Soll ich mitkommen?“, fragte er. „Der Schrank steht hoch.“
„Danke“, sagte Mara, „aber ich muss schneller sein, als du laufen kannst.“ Sie winkte ihm zu.
Dann flog sie hinüber zum Zauberschrank der Feen, der in einem hohlen Baumstamm am Rand der Wiese stand. Dort wurden alle Farben des Tages in kleinen Gläsern aufbewahrt, und gleich im obersten Fach, wo das Abendrot immer stand, klaffte eine Lücke. Das Glas war weg.
Unterwegs sah sie, wie am Himmel der erste Stern aufblinzelte, noch ganz schüchtern. Sie flog schneller. Ein Käfer, der ihr im Weg stand, musste hastig zur Seite springen. „Entschuldige!“, rief Mara im Vorbeiflug. „Es eilt!“
Nein, es war nicht weg. Mara sah genauer hin. Es stand ganz hinten im Fach, hinter einem Stapel Tautropfen, und es war fest verschlossen. Das Rot darin drehte sich unruhig im Kreis.
Mara kannte jedes Glas in diesem Schrank. Das Morgengold stand links, das Mittagsblau in der Mitte, dazwischen funkelten die kleinen Fläschchen mit Regenbogenstaub und Sternenglanz. Nur das Abendrot hatte sich noch nie versteckt.
Zuerst musste sie den Stapel Tautropfen wegräumen. Das war nicht leicht, denn Tautropfen sind rund und rutschig und rollen gern davon. Sie hob einen nach dem anderen heraus und setzte ihn behutsam auf den Boden, doch der dritte kullerte los, der vierte hinterher, und bald hüpfte ein ganzer Schwarm durch die Kammer, platschte gegen die Wand und zerplatzte in glitzernde Spritzer. Mara hielt die Arme schützend über den Kopf und räumte Tropfen für Tropfen weiter, bis das Glas freistand.
Sie versuchte, den Deckel aufzudrehen. Er rührte sich keinen Millimeter. Sie zog an einer Seite, dann an der anderen, dann stemmte sie sich mit beiden Füssen gegen das Holz. Nichts. Mitten auf dem Deckel entdeckte sie ein winziges Schloss in Form eines Mundes.
„Ein Schloss, das lacht“, murmelte Mara. „Es öffnet sich nur, wenn jemand lacht, und zwar richtig.“
Sie versuchte es selbst. Sie lachte ein kleines Lachen, dann ein grosses, aber sie war zu besorgt, und es klang schief. Das Schloss blieb zu.
Sie holte eine Feder aus ihrer Tasche und kitzelte das Schloss an der Lippe. Es zuckte, ein klein wenig, aber nur so, als würde es gähnen. Auch ihr Lieblingswitz, den sie sonst nur den Käfern erzählte, brachte nichts: Das Schloss blieb stumm und streng. Mara spürte, wie ihr die Zeit durch die Finger rann. Draussen war das Grau am Himmel schon dunkler geworden.
Da raschelte es über ihr. Ein Glühwürmchen kroch aus einem Astloch und leuchtete schläfrig in Maras Gesicht.
„Was machst du da?“, fragte es und gähnte.
„Ich muss den Himmel retten“, sagte Mara. „Das Abendrot steckt im Glas, und das Schloss will, dass jemand lacht, und ich kann gerade nicht.“
Das Glühwürmchen kratzte sich am Kopf. „Ach, das alte Ding“, sagte es. „Das habe ich gestern selbst zugeschlossen, aus Versehen. Ich habe nämlich den Schlüssel verschluckt.“
„Du hast was?“, fragte Mara.
„Den Schlüssel. Er war so schön glänzend, und ich dachte, es wäre ein Tautropfen.“ Das Glühwürmchen hielt sich den Bauch. „Jetzt zwickt er mich.“
Mara überlegte. Ein Schlüssel kam nicht von allein wieder heraus, das wusste sie. Sie wusste aber auch, dass man bei einem kräftigen Hickser alles Mögliche loswird, was nicht in den Bauch gehört, und dass Lachen ein guter Weg zu einem Hickser ist. Sie brauchte also ein Lachen, das für zwei reichte: eines, das das Schloss öffnete, und eines, das den Schlüssel befreite.
Das Glühwürmchen erzählte, wie es gestern Abend im Schrank nach einem Schlafplatz gesucht hatte. Das oberste Fach war warm gewesen und ruhig, und neben dem roten Glas hatte der Schlüssel gelegen, klein und funkelnd. „Ich dachte wirklich, es sei ein Tautropfen mit Henkel“, sagte es kleinlaut. „Ich hatte Hunger, da habe ich ihn hinuntergeschluckt.“
Mara hätte vor Schreck fast losgeweint, doch dann sah sie das Gesicht des Glühwürmchens. Es machte ein so betrübtes, kugelrundes Gesicht, dass ihr plötzlich etwas im Bauch kitzelte. Sie presste die Lippen zusammen. Das Glühwürmchen hickste. Sein ganzer Körper blinkte, dreimal kurz, zweimal lang, und dabei klimperte es innen drin wie ein Glöckchen.
Mara prustete los. Sie lachte so laut, dass der Baumstamm bebte und die Tautropfen im Schrank hüpften. Das Glühwürmchen schaute sie erstaunt an und fing an zu kichern, und im selben Moment machte es einmal laut Hick, und der Schlüssel flog heraus, glitzernd durch die Luft.
Mara fing ihn auf und steckte ihn ins Schloss, und weil sie noch immer lachte, drehte er sich so leicht wie in Butter. Das Schloss auf dem Glas öffnete sich mit einem kleinen Gluckser, als hätte es mitgelacht. Der Deckel sprang auf, und das Abendrot strömte heraus, zuerst als dünner Faden, dann als breiter Strom, hinauf in den grauen Himmel. Rosa, Orange, ein tiefes, warmes Rot, das sich über die ganze Wiese legte und die Pilzhüte glänzen liess.
Die Feen auf der Wiese klatschten. Der Igel unten am Weg blickte staunend nach oben, und sein Gesicht färbte sich selbst ein wenig rosa.
Das Glühwürmchen flatterte herab und liess sich auf Maras Schulter nieder. Sein Bauch zwickte nicht mehr, und es leuchtete wieder gleichmässig und warm.
Mara flog hinunter zur Wiese, wo die Pilzfeen sie umringten. „Wir dachten schon, der Abend fällt aus“, sagte die Älteste und strich ihr die zerzausten Haare glatt. Mara zeigte auf das Glühwürmchen, das noch immer auf ihrer Schulter sass. „Dort sitzt der, dem ihr danken müsst.“ Das Glühwürmchen wurde so rot, dass es für einen Moment selbst wie ein kleines Abendrot leuchtete.
„Das war knapp“, sagte das Glühwürmchen und rieb sich den Bauch.
Eine Fledermaus flatterte vorbei und grüsste. „Pünktlich wie immer“, rief sie. Mara musste lachen, weil sie ganz genau wusste, wie knapp es gewesen war.
„Danke“, sagte Mara. „Ohne dein Hicksen wäre es nicht gegangen.“
Die Älteste brachte zwei Tassen Blütentee und eine Schale Zuckerbeeren auf die Wiese. Mara und das Glühwürmchen teilten sie sich auf dem Pilzdach, und das Glühwürmchen erzählte, dass es sich vorgenommen hatte, nie wieder etwas zu verschlucken, was glänzte. „Ausser Sternenstaub“, fügte es hinzu und blinzelte. „Der ist erlaubt.“
Langsam wurde das Rot dunkler, so wie es immer wurde, wenn der Abend ging. Die ersten Sterne kamen zum Vorschein, einer nach dem anderen, ganz sanft. Mara setzte sich auf ihren Pilz, das Glühwürmchen kuschelte sich neben sie, und sie sahen zusammen zu, wie der Himmel violett wurde und dann dunkelblau.
Das leise Rascheln der Wiese verwandelte sich in ein Schnarchen. Mara legte ihren Kopf auf das weiche Pilzdach, der letzte Rest vom Abendrot glühte noch an ihren Flügelspitzen, und sie schloss die Augen.

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