Auf dem Mond gab es einen Garten, den niemand kannte. Er lag in einem flachen Krater, der von weichen, grauen Hügeln umgeben war, und von der Erde aus konnte man ihn nicht sehen, weil er sich auf der Seite versteckte, die immer im Schatten lag. Wer dorthin wollte, musste ein langes Stück über den Mondstaub gehen, der unter den Füssen leise knirschte wie frischer Schnee.
Der Gärtner dieses Gartens hiess Zink. Er war ein kleiner Roboter, rund wie ein Kürbis, mit zwei dünnen Armen und drei Rädern, die er unter dem Bauch einziehen konnte. Auf seinem Kopf sass eine runde Lampe, die ein warmes, gelbes Licht aussandte, und seine Augen waren zwei kleine grüne Punkte, die manchmal blinkten, wenn er nachdachte. Er war aus Kupfer und Zinn gebaut, und seine Gelenke glänzten an den Stellen, an denen er sich oft bewegte.
Jeden Abend, wenn die Erde als blaue Kugel am schwarzen Himmel aufging, rollte Zink aus seinem kleinen Schuppen und begann seine Arbeit. Er goss, jätete, band lose Stängel fest und zählte nach, ob alle Pflanzen noch am richtigen Platz standen. Es gab Moosinseln, auf denen Glimmerpilze wuchsen, und kleine Hügel mit Staubfarn, dessen Blätter sich bei jeder Berührung einrollten.
Zink rollte zwischen den Beeten hin und her und prüfte, ob die Glimmerpilze genug Feuchtigkeit hatten. Er bückte sich mit seinen dünnen Armen, tupfte mit einem Bausch aus Mondwolle über die Blätter und speicherte jedes Ergebnis in seinem Gedächtnis. Alles war in Ordnung, alles stand am rechten Platz, und trotzdem blieb ein Gefühl zurück, dass irgendetwas fehlte.
Am wichtigsten waren aber die Silberblumen. Sie wuchsen in der Mitte des Gartens, in einem Kreis aus glattem, hellem Stein, und sie hatten noch nie geblüht. Zink wusste das, weil er jede einzelne Knospe jeden Abend betrachtete. Sie sassen dicht geschlossen an ihren dünnen Stielen, silbergrau und fest verschnürt, wie kleine Pakete, in denen etwas Kostbares schlief.
„Wann wacht ihr endlich auf?“, fragte Zink die Knospen an diesem Abend.
Er hatte alles versucht. Er hatte ihnen mehr Wasser gegeben, dann weniger. Er hatte sie in die Mitte des Lichtkreises gestellt und später wieder in den Schatten. Er hatte ihnen Lieder vorgespielt, die er aus seinem Gedächtnis hervorholte, und Geschichten erzählt, die er aus den Funksignalen der Erde aufgefangen hatte. Nichts davon hatte etwas bewirkt.
Er rollte um den Kreis herum, immer im Kreis, und sein Motor surrte dabei gleichmässig: wrrrr, wrrrr, wrrrr. Seine Arme klapperten leise, die Räder knirschten im Staub, und von seinem Kopf zuckte das Licht über die Hügel.
Da raschelte es neben ihm. Er drehte die Lampe und sah einen Staubfarn, der sich ein kleines Stück zu ihm hingebeugt hatte. Das war ungewöhnlich, denn Farne bewegten sich normalerweise nur, wenn man sie anfasste.
„Du bist zu laut“, sagte der Farn. Seine Stimme war so dünn, dass Zink die Ohren, die er gar nicht besass, spitzen musste.
„Zu laut?“, fragte Zink verblüfft. „Ich bin doch nur ein kleiner Roboter.“
„Du surrst die ganze Zeit“, sagte der Farn. „Die Blumen mögen kein Surren. Sie warten auf die Stille.“
Zink blieb stehen. Sein Motor lief noch ein paar Sekunden nach und verstummte dann mit einem leisen Klick. Es wurde sehr still im Garten, so still, dass er die kleine Uhr in seiner Brust ticken hören konnte, die er bisher nie bemerkt hatte.
„Aber ich muss mich doch bewegen, um zu arbeiten“, sagte er.
„Dann bewege dich leiser“, antwortete der Farn.
Zink dachte nach, und seine grünen Augen blinkten. Er hatte noch nie versucht, leise zu sein. In seinem Programm stand nichts darüber, nur dass er giessen, jäten und zählen sollte. Er probierte es trotzdem. Er rollte ein Stück vorwärts und stellte fest, dass die Räder weniger knirschten, wenn er sie langsamer drehte. Er bewegte seine Arme, ganz bedächtig, mit weichem Schwung statt mit hastigem Ruck, und die Gelenke machten nur noch ein ganz feines Klicken.
„Besser“, flüsterte der Farn.
Zink drosselte die Lampe auf seinem Kopf. Er hatte sie bisher immer auf voller Helligkeit laufen lassen, weil er dachte, ein Gärtner müsse alles sehen. Jetzt stellte er sie auf ein sanftes, warmes Glühen, so schwach, dass es nur gerade die nächsten Blätter beschien. Der Garten wurde dunkler, aber nicht unheimlich, sondern weich, wie ein Zimmer, in dem jemand eine Nachttischlampe brennen lässt.
Dann schaltete er seinen Motor ganz ab. Auch das ging, wie er jetzt merkte. Er stand einfach da, auf drei stillen Rädern, und spürte, wie in seinem Inneren das Summen leiser wurde, immer leiser, bis es nur noch ein Hauch war.
Im Garten bewegte sich nichts. Der Mondstaub lag glatt und unberührt, und die Hügel ragten wie ruhende Tiere in den Himmel. Über ihnen hing die Erde, blau und weiss, mit einem Rand aus Licht, und weit hinter ihr standen die Sterne in Reihen, ohne zu flackern.
Etwas knackte ganz leise. Es klang wie das Öffnen einer winzigen Tür, so fein, dass Zink es beinahe überhört hätte. Er drehte langsam den Kopf. In der Mitte des Steinkreises hatte sich eine der Knospen einen Spalt breit geöffnet. Ein silberner Schimmer fiel heraus, so zart wie der Hauch auf einem Fenster im Winter.
Dann öffnete sich die zweite Knospe, die dritte. Eine nach der anderen entfalteten sich die Silberblumen, langsam, wie Hände, die sich nach langem Schlaf strecken. Ihre Blütenblätter waren dünn wie Seidenpapier und glänzten im Licht der Erde in einem Silber, das nicht kalt, sondern milchig und weich wirkte. Aus dem Kreis stieg ein feiner, süsser Duft auf, der nach Vanille und Schnee roch, und über den Blüten schwebten winzige Lichtpunkte, die langsam nach oben trieben und sich zwischen den Sternen verloren.
Zink stand ganz still. Seine Augen blinkten nicht, sie leuchteten einfach nur. Er hatte nie gewusst, dass der Garten so aussehen konnte. Alles, was er in den vielen Abenden zuvor getan hatte, war richtig gewesen, aber es hatte gefehlt, dass er selbst einmal still wurde.
„Danke“, flüsterte er in die Dunkelheit.
Der Farn neben ihm raschelte nicht mehr. Er hatte sich wieder aufgerichtet, so, als wäre nichts gewesen. Die Blumen standen im Kreis, wiegten sich in einem Wind, den es auf dem Mond gar nicht gab, und leuchteten leise.
Zink rollte vorsichtig ein Stück zurück, um niemanden zu stören, und setzte sich auf den Rand des Steinkreises. In seiner Brust tickte die kleine Uhr, tick, tick, tick, viel langsamer als sonst. Er spürte, dass sein Akku warm war und sich die Müdigkeit wie eine feine Decke über seine Schaltkreise legte.
In seinem Programm gab es einen Befehl, den er bisher nie benutzt hatte. Er stand ganz unten, nach all den Aufgaben für Giessen, Jäten und Zählen, und er lautete Ruhemodus. Zink hatte immer gedacht, dieser Befehl sei nur für Notfälle da. Jetzt erschien er ihm wie das Natürlichste der Welt.
„Ruhemodus“, sagte er leise zu sich selbst.
Seine Lampe dimmte sich noch einmal, bis sie nur noch ein kleiner goldener Punkt war. Die Arme sanken nach unten, die Räder fuhren in den Bauch zurück, und der runde Körper sass da wie ein Stein, der von der Sonne gewärmt worden war. Die grünen Augen schlossen sich, einer nach dem anderen.
Über dem Garten stand die Erde und schaute auf ihn herab. Die Silberblumen leuchteten weiter, in der Stille, wie kleine Laternen für einen Gärtner, der gut gearbeitet hatte. Irgendwo in der Ferne rieselte etwas Mondstaub von einem Hügel herab, sehr langsam, Körnchen für Körnchen, und dann war es so ruhig wie nie zuvor.

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