Weit oben im Weltall, zwischen dem Mond und dem Glitzerstaub der Milchstrasse, lebte ein Mädchen namens Fenna. Sie trug einen silbernen Rucksack in Form eines kleinen Raumschiffs, eine Mütze mit Ohrenklappen und Handschuhe aus Wolle. Fenna war die Sternenputzerin. Jede Nacht flog sie von Stern zu Stern und polierte jeden einzelnen mit ihrem weichen Tuch, damit er auf der Erde schön leuchtete. Sie war ordentlich, fleissig und mochte alles, was glänzte. Ihr liebster Satz lautete: Ein Stern, der blitzt, macht ein Kind glücklich.
Eines Abends, als Fenna mit ihrem Rucksack-Raumschiff durch das Dunkel schwebte, fiel ihr ein Stern auf, der nicht wie die anderen strahlte. Er hing ganz am Rand eines Sternbilds und flackerte nur matt, wie eine Kerze kurz vor dem Erlöschen. Sie flog näher.
„Hallo, kleiner Stern“, sagte sie. „Warum leuchtest du heute nicht?“
Der Stern antwortete nicht. Er flackerte nur ein bisschen stärker, als wollte er sich verstecken. Fenna nahm ihr Tuch und rieb ihn ab, erst vorsichtig, dann kräftiger. Er blieb trotzdem blass.
„Vielleicht ist er verstaubt“, murmelte sie und hielt ihn gegen das Licht. Er war sauber, aber der Glanz fehlte.
Fenna überlegte. Sie hatte noch nie einen Stern erlebt, der nicht leuchten wollte. Sie beschloss, den Grund zu finden, bevor die Nacht zu Ende ging. Wenn dieser Stern dunkel blieb, würde am Himmel eine Lücke entstehen.
Sie setzte sich auf ihren Rucksack und flog los, direkt in eine Wolke aus Sternenstaub. Die Teilchen glitzerten, aber sie sassen überall. Fenna hustete und wedelte mit den Händen. Sie bekam Staub in die Augen und konnte kaum etwas sehen. Ihr Tuch wurde grau und schwer. Das Raumschiff hustete, und die Düsen stotterten.
„Nicht aufgeben“, sagte Fenna. „Gleich ist es geschafft.“
Sie drehte sich zur Seite und schlug mit dem Tuch gegen die Staubwolke, bis ein schmaler Gang entstand. Dort schlüpfte sie hindurch. Auf der anderen Seite war der Himmel klar, doch ihr Tuch war so dreckig, dass sie es nicht mehr benutzen konnte. Fenna seufzte. Ohne Tuch war ihre Arbeit schwer.
Sie sah sich um und entdeckte einen Kometen, der langsam vorbeischwebte. Sein Schweif war lang und weich wie eine Wolke aus Watte. Fenna rief ihm zu: „Darf ich mir ein Stück von deinem Schweif leihen?“
„Nimm, so viel du brauchst“, sagte der Komet freundlich. Fenna zupfte ein Stück ab und rieb damit ihr Tuch sauber. Es war danach noch weicher als vorher.
Auf dem Rückweg stotterte ihr Rucksack-Raumschiff plötzlich und blieb stehen. Die kleine Anzeige am Gürtel zeigte nur noch einen winzigen Strich. Fenna tippte dagegen, aber der Strich wurde nicht länger. Zum Glück kam eine Sternschnuppe vorbeigeflitzt, die gerade Feierabend hatte. Fenna hielt sich an ihrem Schweif fest und liess sich ein Stück ziehen, bis die Düsen wieder ansprangen. „Danke fürs Mitnehmen“, rief sie, und die Sternschnuppe winkte mit ihrem Funkenschwanz.
Zufrieden kehrte sie zum matten Stern zurück. Doch auf dem Weg kam ihr ein anderer Stern entgegen, ein grosser, goldener, der aufgeregt hin und her blitzte.
„Lass den kleinen in Ruhe!“, rief er. „Der ist selber schuld, dass er nicht strahlt. Er will einfach nicht!“
„Warum nicht?“, fragte Fenna.
„Weil er sich nicht wichtig findet“, sagte der goldene Stern und blitzte beleidigt. „Ich habe es ihm schon tausendmal gesagt.“
Fenna sah ihn an und verstand plötzlich, dass dieser Stern sich vielleicht ein bisschen eifersüchtig fühlte. Er war der Hellste im ganzen Bild, und doch schien er sich nicht ganz sicher zu sein, ob das genug war.
„Du bist ein wunderbarer Stern“, sagte Fenna ehrlich. „Und weisst du, ich glaube, der kleine braucht keinen, der ihn anstösst, sondern einen, der ihm zuhört.“
Der goldene Stern wurde still und blinkte leise. Fenna flog weiter zum matten Stern und setzte sich neben ihn auf einen schimmernden Stein.
„Magst du mir erzählen, was los ist?“, fragte sie sanft.
Lange kam nichts. Dann, ganz leise, hörte Fenna ein Stimmchen, so dünn wie ein Faden. „Ich bin so weit weg von allen. Die anderen stehen so nah beieinander und lachen und leuchten. Ich habe niemanden neben mir. Wenn ich strahle, sieht es keiner, weil ich so weit draussen hänge.“
Fenna nickte langsam. Sie spürte einen Kloss im Hals, weil sie selbst oft allein durch die Nacht flog. „Ich verstehe dich“, sagte sie. „Und ich glaube, ich kann dir helfen.“
Sie stand auf, packte den kleinen Stern behutsam mit beiden Händen und hob ihn an. Er war leicht wie eine Feder. Dann flog sie mit ihm ein Stück Richtung Sternbild, immer weiter, bis zu einer Lücke zwischen zwei anderen Sternen, die gerade gross genug war. Dort setzte sie ihn behutsam ab und polierte ihn noch einmal mit dem weichen Tuch.
Der kleine Stern begann zu flackern. Dann wurde das Flackern stetig, und endlich strahlte er, klein, aber warm. Die beiden Nachbarn rückten ein Stück zur Seite, um ihm Platz zu machen. Der goldene Stern kam herüber und blitzte freundlich.
„Willkommen in der Mitte“, sagte er etwas verlegen.
Der kleine Stern sah ihn überrascht an. „Du hast mich gar nicht gemocht“, sagte er schüchtern. „Ich habe nur befürchtet, dass du heller bist als ich“, gab der goldene Stern zu. „Dabei leuchten wir nebeneinander viel schöner.“ Sie rückten noch ein wenig näher zusammen, bis ihr Licht sich in der Mitte berührte und ein warmer, gemeinsamer Schein entstand. Die anderen Sterne im Bild blinkten zustimmend.
Fenna lächelte so breit, dass ihre Ohrenklappen wackelten. Sie wusste, dass sich jetzt in einem Kinderzimmer auf der Erde ein kleines Mädchen ans Fenster setzen und genau diesen Stern entdecken würde.
Ihre Arbeit für diese Nacht war getan. Sie flog durch den stillen Himmel zurück zu ihrem kleinen Mondhaus. Dort hängte sie das Tuch an einen Haken und legte den Rucksack neben das Bett. Sterne funkelten vor ihrem Fenster, und alle strahlten ruhig und gleichmässig.
Fenna zog die Handschuhe aus und kuschelte sich in ihre Decke. Sie hörte das Summen des Weltalls, das tief und weich klang wie ein Wiegenlied. Durch das Fenster schimmerte der kleine Stern an seinem neuen Platz, und sie sah ihm noch ein Weilchen zu. Ihre Lider wurden schwer, ihr Atem gleichmässig, und die Sternenputzerin schlief ein, mitten im funkelnden Schweigen der Nacht.

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