Das Schiff der Sanften Brise lag seit dem Nachmittag vor Anker in einer Bucht, die auf keiner Karte einen Namen trug, weil Kapitän Pemberton sie erst vor kurzem entdeckt hatte. Bei Ebbe zog sich das Wasser weit zurück und liess einen glatten, dunklen Sandstreifen zurück, auf dem sich der Abendhimmel spiegelte wie in einem ruhigen Teich. Der Schiffsjunge Oskar stand an der Reling und sah zu, wie die letzten Wellen zurückwichen, und wartete auf das Zeichen, auf das er seit dem Frühstück gewartet hatte.
„Heute Abend,", hatte Pemberton beim Anlegen gesagt, während er sein Fernrohr zusammenschob, „zeig ich dir, wie man mit dem Meer selbst Sterne malt." Oskar hatte nicht ganz verstanden, was das bedeuten sollte, aber er vertraute dem alten Kapitän, dessen graubärtiges Gesicht immer ein wenig lächelte, auch wenn er ernst sprach. Kaum war das letzte Sonnenlicht hinter den fernen Klippen verschwunden, kletterte Pemberton die Strickleiter hinunter zum feuchten Sand, einen alten Ledersack über der Schulter, in dem es leise klapperte.
Im Sack waren Muscheln, gesammelt über viele Jahre auf vielen Reisen, glatte weisse, kleine gerippte, eine grosse rosa geäderte, die Oskar besonders gut gefiel. Pemberton setzte sich in den Sand, so ruhig, wie es ein Kapitän sonst selten tat, und deutete zum Himmel hinauf, wo die ersten Sterne durch das letzte Blau brachen. „Siehst du die fünf hellen dort, wie ein Fischhaken? Das ist der Grosse Fisch. Und dort, das schmale Band, das ist der Anker des Nordens."
Oskar setzte sich neben ihn und begann, nach Pembertons Anweisung, die Muscheln so in den Sand zu legen, wie die Sterne oben standen: erst den Haken des Grossen Fisches, dann Stück für Stück den Anker, dessen Kette aus kleinen weissen Schneckenhäusern bestand. Seine Finger waren kalt vom feuchten Sand, aber er merkte es kaum, so sehr war er darauf konzentriert, jede Muschel an die richtige Stelle zu setzen, während Pemberton mit ruhiger Stimme erzählte, welches Sternbild welchem Schiff schon den Weg gewiesen hatte.
„Als ich so alt war wie du,", sagte der Kapitän und legte selbst eine kleine graue Muschel an den Rand des Musters, „dachte ich, die Sterne stünden fest wie Nägel am Himmel. Erst später hab ich gelernt, dass sie wandern, ganz langsam, das ganze Jahr über. Man muss nur oft genug hinsehen." Oskar nickte und betrachtete ihr Werk: eine ganze kleine Sternenkarte aus Muscheln, die im letzten Dämmerlicht bläulich schimmerten, während über ihnen der echte Himmel dieselbe Karte in Licht zeigte.
Sie sassen eine Weile still nebeneinander, die Wellen inzwischen so weit weg, dass man sie kaum noch hörte, nur ein feines, gleichmässiges Rauschen aus der Ferne. Eine Krabbe huschte am Rand ihrer Muschelkarte vorbei und verschwand wieder im Sand, und irgendwo über der Bucht rief einmal ein Nachtvogel, kurz und friedlich. Pemberton zog seine Pfeife aus der Jackentasche, zündete sie aber nicht an, hielt sie nur zwischen den Fingern, wie er es oft tat, wenn er nachdachte.
Nach einer Weile spürte Oskar, wie das Wasser wieder näher kam, leise und ohne Eile, ein erster dünner Film, der über den Sand kroch und die äusserste Muschel ihrer Karte umspülte. „Die Flut holt sie sich zurück,", sagte Pemberton und stand langsam auf, klopfte den Sand von seiner Hose. „Macht nichts. Morgen bauen wir eine neue, wenn du magst." Oskar nickte verschlafen und liess sich vom Kapitän die Strickleiter hinaufhelfen, während hinter ihnen das Wasser Muschel für Muschel wieder einsammelte, so behutsam, als würde es sie nur kurz ausleihen.
An Bord war es warm und still, nur das Schiff knarrte leise im ruhigen Wasser der Bucht. Oskar kletterte in seine Hängematte, die neben der des Kapitäns hing, und sah durch das kleine Bullauge noch einmal hinauf zum Grossen Fisch und zum Anker des Nordens, die jetzt klarer leuchteten als zuvor. Pemberton summte leise ein altes Seemannslied, kaum lauter als ein Atemzug, und noch bevor er die dritte Zeile erreicht hatte, war Oskar schon eingeschlafen, während das Schiff sacht in der stillen Bucht schaukelte.

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