Esra hatte ihre Laterne drei Nachmittage lang gebastelt. Sie hatte am Küchentisch gesessen, die Zunge zwischen den Zähnen, und mit einer kleinen Schere Monde und Sterne aus schwarzem Papier geschnitten. Dahinter klebte sie dünnes, gelbes Seidenpapier, das nach Leim roch und an ihren Fingern hängen blieb. Aus einem Pappstreifen baute sie den Boden, aus einem Stück Draht den Henkel. Als alles trocken war, sah die Laterne aus wie ein kleines Haus, in dem eine ganze Nacht Platz hatte.
Heute war der Tag des Laternenumzugs. Draussen dämmerte es schon früh, und die Luft roch nach feuchtem Laub und nach dem Rauch aus fernen Kaminen. Esra stand im Flur, die Stiefel schon an den Füssen, und hielt die Laterne mit beiden Händen.
„Wollen wir sie ausprobieren?“, fragte ihre Mutter und kam mit einem kleinen Teelicht in einem Glasbecher aus der Küche.
„Ja, bitte“, sagte Esra aufgeregt.
Die Mutter stellte den Becher auf den Boden der Laterne und zündete das Teelicht an. Die Flamme zuckte, wurde grösser, und für einen kurzen Augenblick leuchtete das gelbe Papier hell auf. Die Sterne und der Mond zeigten sich als dunkle Schatten, genau so, wie Esra es sich vorgestellt hatte, aber nur für den Atemzug einer Sekunde. Dann sank die Flamme in sich zusammen, wurde klein und blau und erlosch.
„Oh“, sagte Esra.
„Das war der Zug“, sagte die Mutter. „Ich zünde es noch einmal an.“
Sie versuchten es ein zweites Mal, ein drittes Mal, ein viertes. Jedes Mal brannte das Licht kurz auf und ging dann wieder aus, als hätte die Laterne beschlossen, dunkel zu bleiben. Esra drückte die Nase an das Seidenpapier und sah nur noch ihr eigenes Spiegelbild, schwach und verzerrt.
„Vielleicht mag sie nicht leuchten“, sagte sie leise.
Draussen auf der Strasse hörte man schon die ersten Stimmen. Kinder lachten, jemand spielte auf einer Blockflöte, und eine Gruppe kam mit kleinen Lichtern vorbeigezogen, in Gelb, Orange und Rot. Esra schluckte. Sie wollte nicht weinen, aber ihre Augen brannten.
„Komm“, sagte die Mutter. „Wir fragen Herrn Lindner. Der kennt sich mit Licht aus.“
Herr Lindner wohnte im Nachbarhaus und war schon sehr alt. Er hatte weisse Haare, die nach allen Seiten abstanden, und trug immer eine grüne Strickjacke mit Lederflecken an den Ellbogen. Früher war er Uhrmacher gewesen, und in seiner Stube hing noch immer ein Dutzend Uhren an der Wand, die alle ein wenig unterschiedlich tickten. Als er die Tür öffnete, stand er da mit einer Lupe vor dem Auge und hob sie langsam, um zu sehen, wer da war.
„Ah, die Esra“, sagte er. „Was hast du denn da Schönes?“
„Eine Laterne, die nicht leuchtet“, sagte Esra.
Herr Lindner nahm sie vorsichtig in die Hände und drehte sie, wie man einen alten Apfel dreht, um die schönste Seite zu finden. Er schnupperte daran, klopfte mit dem Fingerknöchel gegen den Boden und hielt sie dann gegen das Licht der Flurlampe.
„Eine feine Arbeit“, murmelte er. „Die Sterne sind sehr genau geschnitten.“
„Aber das Licht geht immer aus“, sagte Esra.
„Natürlich“, sagte Herr Lindner und lächelte. „Es kriegt keine Luft.“
„Luft?“
„Jedes Licht muss atmen, wie du und ich“, erklärte der alte Mann. „Wenn man es in eine zu enge Schachtel sperrt, wird es müde und geht schlafen. Das ist keine Strafe, es ist nur seine Art, zu sagen: Ich brauche ein bisschen mehr Platz.“
Er ging in seine Stube, kam mit einer kleinen Schere und einem Stückchen Draht zurück und setzte sich auf den Stuhl im Flur. Dann schnitt er oben, wo die Laterne am Henkel hing, ein kleines Loch in die Pappe, nicht grösser als eine Erbse. Unten, nahe am Boden, schnitt er zwei winzige Schlitze, kaum zu sehen, wenn man nicht genau hinschaute.
„So“, sagte er. „Jetzt kann die Luft unten hinein und oben wieder hinaus. Wie bei einem Kamin.“
Er stellte das Teelicht in den Becher, zündete es an und schloss die Laterne. Esra hielt die Luft an. Die Flamme zitterte kurz, wurde grösser, flackerte einmal, zweimal, und beruhigte sich dann. Sie stand gerade und ruhig im Becher, und das gelbe Papier leuchtete von innen heraus, warm wie ein reifer Pfirsich. Mond und Sterne hoben sich scharf und klar ab, und an der Wand des Flurs bewegten sich kleine Schatten, die aussahen wie ein Himmel, der sich dreht.
„Sie leuchtet“, flüsterte Esra.
„Das wollte sie die ganze Zeit“, sagte Herr Lindner. „Es brauchte nur etwas Geduld.“
Der Umzug begann am Dorfplatz, wo schon eine ganze Menge Kinder und Eltern standen, jeder mit einer Laterne in der Hand. Es gab Laternen in der Form von Fischen und Igeln, runde Laternen mit gemalten Gesichtern, sogar eine, die wie ein Schiff aussah. Alle leuchteten, in allen möglichen Farben, und das Gewimmel aus Lichtern spiegelte sich in den Pfützen auf dem Pflaster.
Esra stellte sich in die Reihe, ihre Mutter links neben sich, Herrn Lindner, der unbedingt mitkommen wollte, rechts. Ein Mann mit einer Posaune gab den Ton an, und der Zug setzte sich in Bewegung. Langsam ging es durch die engen Gassen, vorbei an Häusern, in deren Fenstern schon Kerzen standen, und an alten Bäumen, deren Blätter in Orange und Braun auf den Boden fielen.
Die Kinder sangen. Es war ein altes Lied, das alle kannten, auch wenn niemand die Töne ganz traf. Esra sang mit, leise erst, dann lauter, und ihre Laterne schwang im Takt an ihrem Draht hin und her. Das Licht darin blieb ruhig und gleichmässig. Wenn sie durch eine Gasse kam, in der der Wind stärker pfiff, beugte sich die Flamme nur kurz, richtete sich aber gleich wieder auf, als wüsste sie jetzt, wie man damit umgeht.
Irgendwo vor ihnen blieb ein kleiner Junge stehen, weil seine Laterne ausgegangen war. Er sah ganz verlassen aus mit seinem Stock in der Hand und dem dunklen Papierfisch am Ende. Esra ging zu ihm und hielt ihre Laterne neben seine.
„Soll ich dir zeigen, wie man sie anzündet?“, fragte sie.
Der Junge nickte. Sie erklärte ihm, was Herr Lindner ihr gesagt hatte, von der Luft und vom Atmen, und Herr Lindner reichte ihm mit zitternden Fingern die kleine Schere. Zusammen schnitten sie ein Loch in den Fisch. Das Licht brannte an, und der Papierfisch begann, in Grün und Gold zu leuchten, als würde er durch ein Meer schwimmen. Der Junge strahlte, und die beiden gingen nebeneinander weiter.
Als der Umzug auf dem Platz vor der Kirche endete, war es ganz dunkel geworden. Die Lichter standen dicht zusammen, wie ein Feld aus kleinen Monden, und aus einem Fenster drang der Duft von warmem Kakao. Die Mutter reichte Esra einen Becher, in dem Dampf aufstieg, und sie hielt ihn mit beiden Händen fest und schaute auf die Laternen.
„Mama“, sagte sie. „Meine ist die schönste.“
„Das sagt jede“, antwortete die Mutter schmunzelnd. „Und jede hat recht.“
Auf dem Heimweg trug Esra die Laterne ganz allein. Ihre Stiefel schlurften durch das Laub, und manchmal, wenn sie müde wurde, schloss sie kurz die Augen und folgte dem warmen Schimmer, der durch ihre Lider drang. Zu Hause stellte sie die Laterne auf das Fensterbrett im Kinderzimmer. Sie leuchtete noch immer, ruhig und gelb, mit den Sternen und dem Mond, die über die Zimmerdecke wanderten.
Esra zog sich den Schlafanzug an, kroch unter die Decke und schaute zu, wie die Schatten über die Wand glitten. Die Mutter küsste sie auf die Stirn und blieb noch einen Moment sitzen, bis sie merkte, dass das Mädchen schon die Augen geschlossen hatte.
Auf dem Fensterbrett brannte das Teelicht langsam herunter. Die Flamme wurde kleiner und kleiner, bis sie nur noch ein sanftes Glimmen war, und dann erlosch sie ganz von selbst, wie ein Licht, das sich zufrieden schlafen legt. Draussen fiel ein letztes Blatt vom Baum und landete lautlos auf dem Gartenweg.

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