In einer Stadt namens Funkelstadt, wo die Dächer bunt angemalt sind und die Strassen nach frischen Brezeln duften, lebte ein Mädchen namens Kaja. Tagsüber ging Kaja in den Kindergarten wie alle anderen Kinder. Wenn sie jedoch ihren lila Umhang und ihre Fliegerbrille anzog, war sie Superheldin Kaja, das schnellste Kind der ganzen Stadt. Sie konnte schneller rennen als ein Zug, über breite Flüsse springen und eine fallende Eiswaffel auffangen, bevor sie den Boden berührte. Nur eines konnte Kaja nicht besonders gut: sich Dinge merken. Sie vergass ihre Mütze im Park, ihre Trinkflasche im Bus und einmal sogar ihren Umhang auf dem Klettergerüst.
In dieser Nacht wachte Kaja plötzlich auf. Der Mond schien in ihr Zimmer, und sein Licht fiel genau auf das Regal neben der Tür. Dort stand ein kleines Päckchen in blauem Papier mit einer roten Schleife. Kaja setzte sich kerzengerade auf.
„Das Geschenk für Grosspapa Anton!“, flüsterte sie.
Morgen hatte Grosspapa Geburtstag, und Kaja hatte ihm versprochen: „Wenn um Mitternacht dein Geburtstag beginnt, liegt mein Geschenk schon vor deiner Tür. Ganz bestimmt.“ Grosspapa hatte gelacht und gesagt, dass er gleich am Morgen als Erstes nachschauen werde. Kaja hatte das Päckchen extra selbst eingepackt, mit viel zu viel Klebeband, und dann hatte sie es vergessen.
Sie schaute auf ihren Wecker. Es war zehn Minuten vor Mitternacht, und Grosspapa wohnte am anderen Ende von Funkelstadt.
Kaja schlüpfte in ihren Umhang, setzte die Fliegerbrille auf und lief leise ins Schlafzimmer ihrer Mama. „Mama“, flüsterte sie, „ich habe Grosspapas Geschenk vergessen. Darf ich es schnell hinbringen?“
Mama öffnete ein Auge und lächelte verschlafen. „Superheldinnen halten ihre Versprechen“, sagte sie. „Mit deinen Superkräften bist du ja im Nu dort. Lauf los, ich warte hier am Fenster, bis du wieder da bist.“
Kaja nahm das Päckchen, und im nächsten Augenblick war sie schon unterwegs, ein lila Streifen in der Nacht.
Der schnellste Weg zu Grosspapa führte über die grosse Brücke am Fluss. Als Kaja dort ankam, bremste sie so scharf, dass ihre Schuhe kleine Funken sprühten. Vor der Brücke stand ein rot-weisses Absperrgitter mit einem Schild, auf dem stand, dass die Brücke wegen Bauarbeiten gesperrt war.
„Oh nein“, murmelte Kaja. Die nächste Brücke war weit weg, viel zu weit. Sie schaute über das dunkle Wasser zum anderen Ufer. Dann ging sie ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf, rannte los und sprang. Mit ihrer Superkraft flog sie in einem langen Bogen über den Fluss, der Umhang flatterte hinter ihr, und sie landete auf der anderen Seite mitten in einem grossen Haufen Herbstlaub. Die Blätter wirbelten in die Luft, und Kaja musste kichern.
Da kam ein Windstoss. Er fuhr in das Laub, er fuhr in Kajas Haare, und er fuhr unter die rote Schleife des Päckchens. Mit einem Zischen löste sich die Schleife und segelte davon, hinauf über die Strasse und auf das erste Dach.
„Halt, du gehörst zum Geschenk!“, rief Kaja und sauste hinterher.
Die Schleife tanzte über das erste Dach, flatterte am Schornstein vorbei und wehte weiter auf das zweite Dach. Kaja sprang hinterher. Auf dem dritten Dach blieb die Schleife endlich an einer Wetterfahne hängen, die wie ein Hahn aussah. Kaja pflückte sie vorsichtig ab. „Danke, Hahn“, sagte sie und band die Schleife wieder um das Päckchen, diesmal mit einem doppelten Knoten.
In diesem Moment hörte sie über der Stadt den ersten Glockenschlag der grossen Turmuhr. Bong, machte die Uhr, und Kaja wusste, dass es Mitternacht war.
Kaja sprang vom Dach hinunter auf die Strasse und flitzte los. Bong, machte die Uhr zum zweiten Mal, und bong, machte sie zum dritten Mal. Sie bog in die Lindengasse ein, wo Grosspapa wohnte, und blieb wie angewurzelt stehen.
Vor ihr standen zwei Häuser, die genau gleich aussahen. Beide waren gelb, beide hatten grüne Fensterläden, und vor beiden stand ein Gartentor mit einem kleinen Briefkasten. Kaja war schon oft bei Grosspapa gewesen, aber immer am Tag und immer mit Mama an der Hand. Im Dunkeln wusste sie plötzlich nicht mehr, welches Haus das richtige war.
Bong, machte die Uhr zum vierten Mal, und gleich danach schlug sie noch zweimal.
Kaja schloss die Augen und dachte nach. Was hatte Grosspapa, was sonst niemand in der Gasse hatte? Da fiel es ihr ein. Grosspapa hatte Gertrud.
Im selben Moment kam aus dem linken Garten ein lautes, empörtes „Gaaak!“. Hinter dem Gartentor stand eine grosse weisse Gans, breitete die Flügel aus und streckte den langen Hals vor. Das war Gertrud, Grosspapas Gans, die sein Haus besser bewachte als jeder Hund. Sie liess niemanden durch, den sie nicht kannte, und im Dunkeln, mit Umhang und Fliegerbrille, erkannte sie Kaja nicht.
Bong, machte die Uhr zum siebten Mal, und bong, machte sie zum achten Mal.
Kaja schob die Brille auf die Stirn. „Gertrud, ich bin es doch, Kaja!“, sagte sie leise. „Die mit den Brotkrümeln!“
Gertrud legte den Kopf schief und schaute Kaja an. Bong, machte die Uhr zum neunten und zum zehnten Mal. Dann klappte die Gans langsam die Flügel zusammen und trat einen Schritt zur Seite. „Gak“, sagte sie, und es klang fast wie ein Hallo.
Bong, machte die Uhr zum elften Mal. Kaja huschte durch das Tor, lief zur Haustür und legte das Päckchen genau in die Mitte der Fussmatte. Bong, machte die Uhr zum zwölften Mal, und dann war es still.
Kaja atmete aus. Sie hatte es geschafft. Sie schaute zum Fenster hinauf. Hinter dem Vorhang war es dunkel, und ganz leise hörte sie Grosspapa schnarchen, ein tiefes, gemütliches Brummen wie von einem alten Bären. Kaja lächelte. Morgen früh würde er die Tür öffnen und das Päckchen finden, genau wie sie es versprochen hatte.
Sie streichelte Gertrud zum Abschied über den Kopf und ging zurück durch das Tor. Diesmal rannte sie nicht. Sie spazierte ganz langsam die Lindengasse entlang, durch die stillen Strassen und mit einem gemütlichen Sprung über den Fluss. Auch Superheldinnen werden nämlich irgendwann müde, und Kaja spürte, wie ihre Beine schwer wurden und ihre Augen klein.
Zuhause stand Mama am Fenster, genau wie versprochen. Sie half Kaja aus dem Umhang, nahm ihr die Fliegerbrille ab und deckte sie zu. „Hast du es geschafft?“, flüsterte sie.
„Beim zwölften Bong“, murmelte Kaja, schon halb im Schlaf.
Mama gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Draussen schlief Funkelstadt, die Turmuhr tickte leise weiter, und am anderen Ende der Stadt lag ein kleines Päckchen mit einer roten Schleife auf einer Fussmatte und wartete auf den Morgen. Kaja war da schon längst eingeschlafen, tief und fest, wie nur Superheldinnen schlafen, die ihr Versprechen gehalten haben.

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