Ayla und das Schiff, das nur nachts segelt

8 Minuten Vorlesezeit

Es war einmal ein siebenjähriges Mädchen namens Ayla, das in einem kleinen Haus direkt am Hafen wohnte. Ihre Haare waren so dunkel wie Lakritze und immer ein bisschen zerzaust vom Seewind. Ayla sammelte Muscheln, redete mit ihrem grünen Papagei Pepe und träumte davon, eines Tages ein richtiges Schiff zu steuern. Sie war mutig, aber sie hatte einen Fehler: Wenn sie ein Rätsel sah, konnte sie nicht aufhören, bis sie es gelöst hatte.

An einem klaren Herbstabend sass Ayla auf dem Steg und schaute aufs Wasser. Der Mond stand hoch, und der Hafen lag still. Plötzlich glitt aus dem Nebel ein Schiff heran, das schimmerte wie blaues Glas. Es hatte keine Mannschaft und keinen Lärm, nur ein leises Knarren der Segel. Pepe flatterte auf Aylas Schulter und krächzte leise.

„Das ist das Nachtschiff“, flüsterte Ayla. „Opa hat mir davon erzählt. Es segelt nur bei Mondlicht.“

Sie kletterte über die Planke an Bord. Auf dem Deck stand ein hölzernes Steuerrad, doch daneben war ein kleiner leerer Kasten, in dem etwas fehlen musste. Auf dem Kasten lag ein Zettel mit krakeliger Schrift. Ayla las ihn laut vor, und Pepe nickte dazu: „Ohne Kompass kein Weg nach Hause. Bring ihn zurück, bevor der Mond verblasst.“

Das Schiff ruckte leicht und trieb auf das offene Meer hinaus. Ayla griff nach dem Rad, aber es drehte sich ins Leere. Das Schiff wusste nicht, wohin.

„Dann holen wir den Kompass“, sagte Ayla und zog ihr Fernrohr hervor. Am Horizont tauchten drei kleine Inseln auf, die im Mondlicht lagen wie Perlen auf einer Schnur.

Auf der ersten Insel wuchs nur Strandgras. Zwischen den Felsen sassen zwei Krabben, die ein goldenes Ding zwischen ihren Scheren hin und her schoben. Es war ein Knopf, kein Kompass. Ayla kniete sich hin.

„Habt ihr einen Kompass gesehen?“, fragte sie.

„Wir tauschen nur gegen ein Lied“, sagte die grössere Krabbe und klapperte mit den Scheren. „Ein Lied, das uns müde macht.“

Ayla überlegte. Dann begann sie zu summen, ein langsames Seemannslied, das ihre Oma immer sang, wenn die Wellen sanft an die Hafenmauer schlugen. Die Krabben wiegten sich hin und her, ihre Augen wurden klein, und die grössere flüsterte: „Der Kompass liegt auf der Insel mit dem Nebel. Dort fällt er immer in die Muschel.“

Ayla bedankte sich, sprang zurück an Bord, und Pepe wiederholte leise die letzten Worte, damit sie nichts vergass.

Das Schiff steuerte durch das ruhige Wasser zur zweiten Insel. Dort lag dichter, weicher Nebel wie Watte über dem Boden. Ayla konnte kaum ihre eigenen Füsse sehen. Sie tastete sich vor, und Pepe flog dicht über ihrem Kopf. Nach ein paar Schritten verlor sie die Richtung und stand plötzlich ganz still.

„Pepe, wo ist das Schiff?“, fragte sie leise.

Der Papagei antwortete nicht, denn er sass mit gesträubten Federn auf ihrer Schulter. Ayla atmete durch. Dann fiel ihr ein, dass sie Muscheln in der Tasche hatte. Sie nahm eine nach der anderen heraus und legte sie hinter sich auf den Boden, immer im Abstand von einem Schritt, damit sie den Weg zurückfinden konnte. Nach zwölf Muscheln lichtete sich der Nebel, und sie stand vor einer kleinen Bucht, in der das Wasser leise gluckerte.

Auf einem flachen Stein lag eine riesige Muschel, so gross wie ein Kopfkissen. Ihre Schalen standen halb offen, und tief drinnen blitzte etwas Silbernes. Das musste der Kompass sein.

Ayla beugte sich vor und streckte die Hand aus, doch die Muschel klappte sofort zu. Ayla zuckte zurück. Sie versuchte es noch einmal, und die Muschel klappte wieder zu. Beim dritten Mal hörte sie ein tiefes Brummen, als würde die Muschel etwas sagen wollen.

„Du bist müde, nicht wahr?“, fragte Ayla und setzte sich neben den Stein. „Alle sind müde, wenn der Mond so hoch steht.“

Das Brummen wurde leiser. Ayla begann wieder zu summen, genau dasselbe Lied wie bei den Krabben, aber noch ein bisschen langsamer. Die Muschel öffnete ihre Schalen einen Spalt breit. Ayla summte weiter, und die Schalen öffneten sich immer weiter, bis der silberne Kompass im Inneren frei lag. Er drehte sich leise im Kreis, und seine Nadel zeigte genau auf den Hafen.

„Darf ich ihn mitnehmen?“, fragte Ayla.

Die Muschel brummte zufrieden und schloss die Schalen wieder, aber diesmal ganz sanft, wie eine Decke, die man glattstreicht. Ayla nahm den Kompass, hob ihn vorsichtig hoch und liess sich von Pepe an den Muscheln entlang zurückführen. Der Papagei sah in der Dunkelheit besser als sie, und er hatte jede Muschel im Kopf behalten.

Am Schiff angekommen, setzte Ayla den Kompass in den kleinen Kasten. Sofort gab es ein leises Klicken. Die Segel blähten sich auf, das Steuerrad drehte sich von selbst ein Stück, und das Schiff nahm Kurs auf den Hafen. Der Mond stand noch hell am Himmel, und seine Strahlen legten einen silbernen Weg über das Wasser.

Ayla stand am Rad, auch wenn sie es nicht mehr festhalten musste. Sie hörte das Wasser am Rumpf plätschern und spürte, wie das Schiff sich sanft hob und senkte. Nach der Aufregung der Nacht fühlte sich alles ganz weich an. Pepe sass auf dem Mast, steckte den Kopf unter den Flügel und liess ein leises Schnarchen hören.

Nach einer Weile tauchten die Lichter des Hafens auf. Das Schiff glitt lautlos an den Steg und blieb dort liegen, als wäre es nie fort gewesen. Ayla band es nicht fest, denn sie wusste, dass es sich beim ersten Morgenlicht wieder auflösen würde. Sie strich einmal über das glatte Holz des Rades und flüsterte: „Danke, Nachtschiff.“

Dann ging sie die Planke hinunter und über den Steg bis zu ihrem Haus. Ihre Oma hatte das Licht in der Küche brennen lassen, und auf dem Tisch stand eine Tasse warmer Milch mit Honig. Ayla trank sie in kleinen Schlucken, während Pepe auf der Stuhllehne hockte und sich das Gefieder putzte.

Im Bett zog Ayla die Decke bis zum Kinn. Durch das Fenster sah sie das blaue Schiff noch einmal im Mondlicht schimmern, ganz still und leicht. Sie hörte die Wellen an der Hafenmauer, immer im gleichen Takt, wie das Lied, das sie den Krabben und der Muschel vorgesummt hatte. Ihre Augenlider wurden schwer, ihre Hand rutschte unter das Kissen, und Ayla schlief ein, während draussen das Nachtschiff langsam im Nebel verschwand.

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