Aponi und der Mond im stillen See

9 Minuten Vorlesezeit

Aponi lag auf ihrem Fellbett im Tipi und schaute nach oben. Dort, wo die langen Stangen sich kreuzten, blieb eine kleine Öffnung frei, und durch diese Öffnung fiel das Licht des Vollmondes herein. Es war ein runder, heller Fleck, der genau auf ihrer Nase lag und sich auch nicht wegschieben liess, so oft sie das Gesicht zur Seite drehte.

„Der Mond ist heute zu hell“, flüsterte Aponi in die Dunkelheit.

Neben ihr bewegte sich etwas unter der dicken Wolldecke. Der Grossvater war schon lange wach, das merkte sie am Rhythmus seines Atems, der nicht so tief und gleichmässig ging wie sonst. Er setzte sich auf, strich sich mit der Hand über das graue Haar und lauschte kurz nach draussen, als würde er jemanden fragen.

„Dann gehen wir ihn besuchen“, sagte er leise.

„Den Mond?“, fragte Aponi und setzte sich ebenfalls auf.

„Er sitzt gerade im See“, antwortete der Grossvater. „Dort kann man ihn aus der Nähe sehen. Zieh dir die weichen Schuhe an, der Boden ist kühl.“

Aponi schlüpfte in ihre Schuhe aus Hirschleder, die ihre Grossmutter mit kleinen Stichen genäht hatte, und wickelte sich die Decke um die Schultern. Draussen empfing sie ein Geruch nach feuchtem Gras und nach dem Rauch des Feuers, das nur noch als rote Glut zwischen den Steinen lag. Die Nacht war so hell, dass sie ihren eigenen Schatten sehen konnte, lang und blau, direkt neben dem Zelt auf dem Boden.

Der Weg zum See war nicht weit. Er führte durch hohes Gras, das Aponis Knie streifte, und an einer Birke vorbei, deren weisse Rinde im Mondlicht fast leuchtete. Irgendwo knackte ein Zweig, dann war es wieder still. Das Kanu lag am Ufer, mit der Spitze halb im Wasser. Der Grossvater hatte es selbst gebaut, aus Birkenrinde und Holz, und Aponi wusste, dass er jede Naht schon dutzende Male abgetastet hatte, bevor er sich darin auf den See hinauswagte.

„Setz dich in die Mitte“, sagte er. „Dort schaukelt es am wenigsten.“

Aponi kletterte vorsichtig hinein. Das Kanu bewegte sich unter ihr wie ein grosses, atmendes Tier, das gerade erst aufgewacht ist, und kam dann zur Ruhe. Der Grossvater schob es vom Ufer ab, stieg selbst ein und nahm sein Paddel. Er tauchte es ins Wasser, ohne dass es ein Geräusch machte, und zog es langsam durch.

„Wie machst du das?“, flüsterte Aponi. „Man hört gar nichts.“

„Ich frage das Wasser vorher“, sagte der Grossvater. „Man darf es nicht überraschen. Wenn du das Paddel hineinsteckst wie einen Stock, erschrickt es und spritzt. Wenn du es hineinlegst wie eine Hand, lässt es dich durch.“

Aponi probierte es mit ihrer Hand aus. Sie hielt sie über die Bordwand und liess die Fingerspitzen ins Wasser gleiten. Es war kälter, als sie gedacht hatte, aber nicht unfreundlich. Kleine Kreise breiteten sich um ihre Finger aus und wanderten weit hinaus, bis sie sich irgendwo im Dunkeln verloren.

Das Kanu glitt weiter auf den See. Die Ufer wurden kleiner und blieben als dunkle Linien hinter ihnen zurück. Über ihnen stand der Mond am Himmel, gross und rund und ein wenig gelblich, und unter ihnen stand noch ein zweiter Mond im Wasser, genauso gross, genauso rund, und er schien dem Kanu entgegenzukommen.

„Da ist er“, sagte Aponi.

„Da sind sogar zwei“, antwortete der Grossvater lächelnd. „Einer oben, einer unten. Der untere ist der, den man anfassen kann.“

Er hob das Paddel aus dem Wasser und liess das Kanu nur noch treiben. Tropfen fielen von der Spitze und zeichneten kleine Ringe auf die Oberfläche. Wo sie auftrafen, zerbrach der Mond im See in viele silberne Stücke, die wie Fische durcheinanderschwammen. Aponi hielt den Atem an. Dann, ganz langsam, zogen sich die Stücke wieder zusammen, fanden ihren Platz und wurden wieder zu einem runden, ruhigen Mond.

„Er geht nicht kaputt“, sagte Aponi erstaunt.

„Nie“, sagte der Grossvater. „Man muss ihm nur ein bisschen Zeit geben.“

Sie schwiegen eine Weile. Aus dem Schilf am Ufer drang ein tiefes, gleichmässiges Quaken, so tief, dass Aponi es fast in der Brust spüren konnte. Ein zweiter Frosch antwortete ihm, dann ein dritter, jeder ein bisschen höher oder tiefer, bis es klang wie ein Lied ohne Worte, das sich jeden Abend an derselben Stelle wiederholt. Der Grossvater legte den Kopf zur Seite und hörte zu.

„Sie sagen sich Gute Nacht“, flüsterte er. „Jeder sagt es auf seine Art.“

Weiter drüben, am Rand des Waldes, bewegte sich ein Schatten auf einem Ast. Aponi kniff die Augen zusammen und erkannte zwei grosse runde Augen, die im Mondlicht golden schimmerten. Eine Eule sass dort, so still, dass man sie für einen Teil des Baumes hätte halten können. Sie drehte den Kopf, schaute das Kanu eine Weile an und blinzelte langsam, einmal, als wollte sie sagen, dass alles in Ordnung sei.

„Sie hat uns gesehen“, sagte Aponi.

„Natürlich“, antwortete der Grossvater. „Nachts sieht sie alles. Dafür sagt sie nichts weiter, deshalb mag ich sie.“

Aponi lachte leise und zog die Decke enger um die Schultern. Zwischen den Gräsern am Ufer blinkten kleine gelbe Lichter auf, erloschen und blinkten an einer anderen Stelle wieder auf. Glühwürmchen, die sich im Dunkeln etwas zuzurufen schienen. Eines von ihnen flog weit hinaus, bis über das Wasser, und spiegelte sich dort als zweites, winziges Licht neben dem grossen Mond.

Der Grossvater nahm das Paddel wieder in die Hand und drehte das Kanu in einem langen, weichen Bogen. Aponi merkte es kaum, nur dass der Mond jetzt von der anderen Seite her schien, auf ihre Wange statt auf ihre Nase. Das Licht kam ihr nicht mehr so hell vor wie vorhin im Zelt. Hier draussen verteilte es sich über den ganzen See, über das Schilf, über die Baumkronen und über die Decke auf ihren Schultern, und nichts davon schien besonders aufdringlich zu sein.

„Er ist viel grösser, wenn man ihn so anschaut“, murmelte sie.

„Dann findet er auch für alle genug Platz“, sagte der Grossvater. „Auch für dich.“

Aponi gähnte. Es kam ganz plötzlich, ein langes, weiches Gähnen, bei dem sich ihr Mund von selbst öffnete und die Augen feucht wurden. Sie lehnte sich gegen die Bordwand und spürte, wie das Kanu sie mit jedem Zug des Paddels ein wenig hin und her wiegte, wie eine Hand, die nie müde wird.

Am Ufer stieg der Grossvater zuerst aus und zog das Kanu ein Stück ans Land, damit Aponi trocken hinüberklettern konnte. Ihre Schuhe sanken im feuchten Ufergras ein. Sie gingen den Weg zurück, an der Birke vorbei, durch das hohe Gras, das jetzt nass vom Tau war und nach Sommer roch. Im Tipi war es warm geblieben. Der Rest der Glut warf einen schwachen roten Schein an die Wände.

Der Grossvater legte Aponi die Decke zurecht und strich ihr die Haare aus der Stirn. Sie schaute noch einmal nach oben zu der kleinen Öffnung. Der helle Fleck lag nun nicht mehr auf ihrer Nase, er war ein Stück weitergewandert und fiel auf das Zeltleinen, ganz sanft, fast wie Milch, die jemand über die Wand verschüttet hatte.

„Er ist mitgekommen“, sagte Aponi schläfrig.

„Er begleitet dich noch ein Stück“, murmelte der Grossvater. „Dann geht er weiter.“

Draussen sangen die Frösche noch immer, leiser jetzt, als würden sie sich selbst in den Schlaf summen. Aponi hörte ihnen zu, so lange sie konnte. Irgendwann lag ihre Hand ganz still auf der Decke, und ihr Atem ging so gleichmässig wie die Wellen am Ufer, die kamen, sich verliefen und wiederkamen, bis die Nacht vollkommen ruhig war.

Schlummerpiraten-Maskottchen mit Buch
Sonntagspost

Jeden Sonntag die schönsten Geschichten der Woche

Trag dich ein und bekomm jeden Sonntag eine kurze Post von uns, mit den Geschichten, die diese Woche am besten ankamen. Als Willkommensgeschenk gibt es gratis Ausmalseiten und das erste Kapitel eines Schlummerpiraten-Buchs.

Ähnliche Gute-Nacht-Geschichten

Illustration zur Gute-Nacht-Geschichte „Zora und der Ballon, der keinen Wind brauchte“10 Min. Vorlesezeit

Zora und der Ballon, der keinen Wind brauchte

Zora will mit ihrem Heissluftballon über die Stadt fahren, doch es weht kein Wind. Kleine Sternschnuppen tragen sie sanft über die schlafenden Dächer nach Hause.

Illustration zur Gute-Nacht-Geschichte „Pirat Bodo und die Flaschenpost an Oma“10 Min. Vorlesezeit

Pirat Bodo und die Flaschenpost an Oma

Der kleine Pirat Bodo hat Heimweh nach seiner Oma, schreibt ihr einen Brief und schickt ihn in einer Flasche über das nächtliche Meer.

Illustration zur Gute-Nacht-Geschichte „Kapitän Pemberton und die stillste Meeresbrise“6 Min. Vorlesezeit

Kapitän Pemberton und die stillste Meeresbrise

Bei Windstille erinnert sich Schiffsjunge Matti an eine alte Regel seines Grossvaters: Wer der Nacht ein Geheimnis erzählt, bekommt eine sanfte Brise.

Illustration zur Gute-Nacht-Geschichte „Der kleine Ninja und das Kissen aus Wolken“6 Min. Vorlesezeit

Der kleine Ninja und das Kissen aus Wolken

Der ungeduldige Ninja-Schüler Kiko kann nachts nicht zur Ruhe kommen – bis ihn sein alter Meister lehrt, wie man auch mit den Gedanken leise wird.

Illustration zur Gute-Nacht-Geschichte „Ritter Anselm und das leise Schwert“6 Min. Vorlesezeit

Ritter Anselm und das leise Schwert

Der junge Ritter Anselm hat sehr empfindliche Ohren – der alte Burgschmied zeigt ihm, wie sein klirrendes Schwert und seine Schritte ganz leise werden.

Illustration zur Gute-Nacht-Geschichte „Auf der Suche nach dem verlorenen Königreich - eine spannende Gute-Nacht-Geschichte“6 Min. Vorlesezeit

Auf der Suche nach dem verlorenen Königreich - eine spannende Gute-Nacht-Geschichte

Begleite den mutigen Jaguar Elio, die schlaue Orang-Utan-Dame Maya und den bunten Papagei Koki auf ihrer aufregenden Reise durch den geheimnisvollen Urwald. Diese spannende Gute-Nacht-Geschichte entführt Kinder in ein magisches, verlorenes Königreich voller leuchtender Pflanzen und glitzernder Geheimnisse. Ein liebevolles und fesselndes Leseabenteuer, das kleine Entdecker sanft in das Land der Träume begleitet.