Schaffnerin Yara und der Nachtzug nach Traumstadt

10 Minuten Vorlesezeit

Wenn die Sonne hinter den Hügeln verschwunden war und die ersten Sterne am Himmel auftauchten, kam am Rand der Stadt ein ganz besonderer Zug an. Er fuhr nicht auf Schienen, sondern auf einem schmalen Streifen aus Wolken, der sich jeden Abend neu über die Dächer legte. Sein Dampf roch nach Lavendel und warmer Milch, und aus dem Schornstein stiegen kleine Wölkchen, die sich in der Luft zu Schäfchen formten und dann langsam verschwanden.

Auf dem Trittbrett des ersten Wagens stand Yara. Sie war eine kleine graue Eule mit einer dunkelblauen Mütze, auf der ein silberner Stern glänzte, und sie hielt eine Fahrkartenzange in der linken Kralle. Die Zange machte keine gewöhnlichen Löcher. Wenn Yara eine Fahrkarte knipste, blieb ein winziger Stern im Papier zurück, so fein, dass man ihn nur gegen das Licht sehen konnte.

„Einsteigen bitte“, rief Yara, nicht laut, nur so, dass es jeder hörte, der es hören sollte. „Der Nachtzug nach Traumstadt fährt gleich ab.“

Die erste Haltestelle hiess Mondwiese. Sie bestand nur aus einem Holzsteg und einer Laterne, und auf dem Steg wartete ein Bär, der so müde war, dass er im Stehen schwankte. Er hiess Tammo und trug einen karierten Schal, der ihm bis zu den Knien hing.

„Ich glaube, ich habe heute zu viele Beeren gegessen“, murmelte Tammo. „Mein Bauch ist ganz schwer.“

„Dann hast du den richtigen Zug erwischt“, sagte Yara freundlich und knipste seine Fahrkarte. „Im dritten Wagen sind die breiten Sitze. Dort kannst du dich ausstrecken.“

Tammo stieg ein, und der ganze Zug neigte sich ein klein wenig zur Seite, so wie ein Boot, wenn jemand Schweres einsteigt. Dann glich er sich wieder aus. Yara hob ihre Laterne, schwenkte sie einmal nach links und einmal nach rechts, und der Zug setzte sich in Bewegung. Das Rattern der Räder klang wie ein ruhiger Herzschlag: tuck-tuck, tuck-tuck.

Die zweite Haltestelle war der Kissenberg. Es war ein runder Hügel, bedeckt mit weichem Gras, und tatsächlich sah er aus wie ein riesiges Kissen, in dessen Mitte jemand eine Kuhle gedrückt hatte. Dort sass ein Stoffkaninchen, das ein Kind am Nachmittag im Garten vergessen hatte. Seine Ohren hingen schlaff nach unten, und ein Auge war ein wenig schief angenäht.

„Ich habe mich verlaufen“, sagte das Kaninchen. „Ich weiss nicht mehr, wo mein Bett ist.“

„Das macht nichts“, antwortete Yara. „Dieser Zug fährt zu allen Betten gleichzeitig. Wie heisst du?“

„Pünktchen“, sagte das Kaninchen leise. „Wegen dem Fleck am Ohr.“

„Ein schöner Name“, sagte Yara. Sie knipste die Karte, und diesmal fiel ein ganz besonders kleiner Stern heraus, der in der Luft kurz aufleuchtete, bevor er auf Pünktchens Nase landete. Das Kaninchen schielte darauf, und für einen Moment sah es gar nicht mehr verloren aus. Es hüpfte die Stufen hinauf, setzte sich auf den ersten freien Fensterplatz und legte die Ohren zurecht.

Der Zug fuhr weiter, über einen langen, schmalen Bogen aus Nebel. Draussen glitt die Welt langsam vorbei. Unten lagen die Dächer der Stadt, in vielen Fenstern brannte noch ein gelbes Licht, und manchmal sah man, wie dort jemand das Licht löschte, eines nach dem anderen, wie bei einer Kerzenreihe, die der Wind ausbläst. Weiter oben schwebten die Wolken, und zwischen ihnen hingen die Sterne so nah, dass man fast den Arm hätte ausstrecken können.

Die dritte Haltestelle hiess Sternschnuppenhalt, und hier wartete niemand auf dem Bahnsteig. Yara hielt trotzdem an, öffnete die Tür und lauschte. Sie hatte gelernt, dass nicht alle Fahrgäste von allein rufen. Manche sind zu schüchtern dafür.

„Ist hier jemand?“, fragte sie in die Stille.

Zuerst kam keine Antwort. Dann bewegte sich etwas Helles am Rand des Bahnsteigs, ganz dünn, wie ein Faden aus Licht, der sich langsam aufrichtete. Es war ein Mondstrahl, der sich verirrt hatte und nicht mehr wusste, wohin er gehörte.

„Ich sollte eigentlich auf das Dach vom Bäcker scheinen“, sagte er mit einer Stimme, die nur ein Hauch war. „Aber ich bin zu früh abgebogen.“

„Das passiert den Besten“, sagte Yara. „Komm herein. Wir bringen dich später zurück.“

Der Mondstrahl schlüpfte durch die Tür und legte sich als schmaler Streifen quer über die Sitze, genau auf die Stelle, wo Tammo schon die Augen geschlossen hatte. Der Bär seufzte zufrieden. Sein Schal rutschte ein Stück zur Seite, und der Mondstrahl deckte ihn wie eine dünne, silberne Decke zu.

Yara ging langsam durch den Gang, prüfte jede Fahrkarte und beugte sich ab und zu zu einem Fahrgast hinunter. In der vierten Station waren noch zwei Mäuse zugestiegen, die ein Stück Käse teilten und dabei flüsterten, damit niemand wach wurde. In der fünften kam ein alter Igel mit einer Wärmflasche unter dem Arm, die er sofort in den Schoss legte. Alle fanden ihren Platz, und niemand musste lange suchen.

Der Zug fuhr jetzt langsamer. Die Räder rollten fast lautlos über die Wolkenschiene, und das Rattern wurde zu einem leisen Summen, das mehr ahnen als hören liess. Aus der Lokomotive drang ein warmer Geruch nach Honig und Zimt. Yara kontrollierte die Lampen in jedem Wagen und drehte sie ein Stück herunter, bis nur noch ein goldener Schimmer blieb, gerade so viel, dass man die Umrisse der Sitze erkennen konnte.

Im dritten Wagen schnarchte Tammo ganz leise vor sich hin. Pünktchen hatte sich an ihn gelehnt, mit dem Kopf an seinem Arm, und eines seiner schlaffen Ohren lag auf dem karierten Schal. Die Mäuse waren eingeschlafen, den Käse noch in den Pfoten. Der Igel hatte die Augen geschlossen, und seine Stacheln hoben und senkten sich im Takt seines Atems.

„Nächster Halt: Traumstadt“, sagte Yara, so leise, dass es kaum mehr als ein Flüstern war. Niemand hörte es, und das war auch richtig so. Sie sagte es für sich selbst, so wie man es manchmal tut, wenn man an einem Ziel angekommen ist und sich das Ankommen noch einmal gönnt.

Traumstadt lag in einem sanften Tal zwischen zwei Wolkenbergen. Dort gab es keine Strassen und keine Haustüren, nur weiche, runde Hügel in Blau und Violett, auf denen kleine Lichter glommen wie Glühwürmchen im Halbschlaf. Der Zug rollte hinein und kam mit einem letzten, sehr sanften Ruck zum Stehen. Der Dampf stieg noch einmal auf, formte ein einziges Schaf und löste sich auf.

Yara liess die Tür zu und stieg die Stufen hinunter, um einen Blick auf den Bahnsteig zu werfen. Auf dem Boden lag ein dicker Teppich aus Mondstaub, auf dem ihre Krallen keinen Laut machten. Sie sah nach oben, wo die Sterne dicht an dicht standen und leise zwinkerten, als hätten sie sich verabredet. Dann stieg sie wieder ein.

Den Mondstrahl brachte sie später zum Bäcker, wie sie es versprochen hatte. Er schlüpfte durch ein Fenster, fand die Dachluke und legte sich auf die warmen Brote, die dort über Nacht auskühlten. Die Mäuse und den Igel brachte sie zu ihren Betten. Pünktchen trug sie selbst, in beiden Krallen, bis zu einem Kinderzimmer, in dem schon jemand auf ein vergessenes Kaninchen wartete. Sie setzte es behutsam auf das Kissen, strich ihm ein letztes Mal über das schiefe Auge und flog leise wieder davon.

Am Schluss, als alle Fahrgäste ihre Plätze gefunden hatten, ging Yara durch den leeren Zug. Sie löschte die Lampen, eine nach der anderen, bis nur noch ihre eigene übrig blieb. Auch die stellte sie auf den Boden, schob sie in eine Ecke und setzte sich auf den Platz neben dem Fenster. Draussen zog die Nacht langsam vorbei.

Sie nahm die Mütze ab, legte sie neben sich und steckte den Kopf unter den Flügel. Das Summen des Zuges wurde leiser. Irgendwo in der Ferne antwortete ein kurzes, weiches Tuuut, so zart, dass man es auch für einen Traum hätte halten können, und Yara schlief ein, wie alle anderen auch.

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