Zauberlehrling Anouk und der Riese mit den kalten Füssen

8 Minuten Vorlesezeit

Es war einmal ein Zauberlehrling namens Anouk, die in einem windschiefen Turm am Waldrand bei der alten Zauberin Ortrud in die Lehre ging. Anouk hatte rote Haare, einen spitzen Hut, der ihr immer ein bisschen zu gross war, und einen Besen namens Borste. Borste war kein gewöhnlicher Besen. Er hatte seinen eigenen Kopf, jagte lieber Wolken, als geradeaus zu fliegen, und kitzelte Anouk mit seinen Borsten an den Knöcheln, wenn ihm etwas nicht passte. Anouk wollte einmal eine grosse Zauberin werden, und sie übte jeden Tag. Leider gelangen ihr die Zauber noch nicht immer. Erst letzte Woche hatte sie eine Teetasse in einen Frosch verwandelt, der danach den ganzen Tag nach Kamille duftete.

Hoch oben auf dem Grauen Berg lebte der Riese Ambros. Er war so gross wie drei Kirchtürme, hatte einen Bart wie ein Heuhaufen und war der freundlichste Riese, den man sich vorstellen kann. Seit einigen Tagen konnte Ambros jedoch nicht mehr schlafen. Jede Nacht gähnte er so laut, dass unten im Tal die Fensterläden klapperten und die Kühe im Stall erschrocken muhten. Inzwischen konnte im ganzen Tal niemand mehr richtig schlafen.

An diesem Abend stellte Ortrud ein kleines Glas mit getrockneten Blüten auf den Tisch. „Das ist mein bester Schlaftee“, sagte sie. „Bring ihn Ambros, bevor es Mitternacht schlägt. Ich habe einen Schnupfen und kann heute nicht fliegen.“

Anouk richtete sich stolz auf. „Ich mache das“, sagte sie. Sie steckte das Teeglas in ihre Umhangtasche, dazu das Wollknäuel, an dem sie gerade einen Schal strickte, setzte sich auf Borste, und los ging es, hinaus in die kühle Herbstnacht.

Kaum waren sie über den Baumwipfeln, schlug Borste einen Haken nach links. Dort zog eine kleine, flauschige Wolke vorbei, und der Besen wollte sie unbedingt jagen.

„Nein, Borste!“, rief Anouk und zog am Stiel. „Wir müssen zum Grauen Berg!“

Borste flog trotzdem einen Bogen nach rechts, dann wieder nach links, im Zickzack durch die Nacht, bis Anouk ganz schwindlig war. Erst als sie ihm versprach, ihn morgen mit dem weichsten Tuch im ganzen Turm zu polieren, flog er wieder geradeaus.

Sie waren erst ein kleines Stück weitergekommen, als sie vor sich ein Rauschen hörten, das immer lauter wurde. Aus der Dunkelheit kam ein riesiger Schwarm Wildgänse auf sie zu, Hunderte von Vögeln, die in einer langen Reihe nach Süden zogen. Es gab kein Ausweichen. Ehe Anouk sichs versah, flog sie mitten im Schwarm, links und rechts von ihr schlugen grosse Flügel, und überall schnatterte es.

„Entschuldigung!“, rief Anouk. „Ich muss nur zum Grauen Berg!“

Eine alte Gans an der Spitze drehte den Kopf. „Dann flieg mit uns, Kleine“, schnatterte sie. „Wir fliegen genau daran vorbei. Halt dich in unserem Windschatten, dann geht es leichter.“

Anouk duckte sich hinter die Gänse, und tatsächlich flog Borste plötzlich ganz ruhig und schnell. Als der Graue Berg vor ihnen auftauchte, winkte sie der alten Gans zum Dank und liess sich auf der Bergspitze nieder.

Dort stand das Haus des Riesen, aus grossen grauen Felsblöcken gebaut. Die Haustür war so gross wie eine Scheune. Anouk klopfte, doch ihre kleine Faust machte auf dem dicken Holz kaum ein Geräusch. Sie klopfte noch einmal, fester, und rief: „Ambros! Hier ist Anouk mit dem Schlaftee!“ Drinnen rührte sich nichts. Nur ein langes, tiefes Seufzen drang durch die Ritzen.

„Er hört mich nicht“, sagte Anouk enttäuscht. „Die Tür ist einfach zu gross.“

Borste zupfte an ihrem Umhang und zeigte mit dem Stiel nach oben. Hoch über der Tür war ein Fenster, das einen Spalt offen stand. Anouk setzte sich auf den Besen, und diesmal flog Borste ganz brav hinauf. Durch den Spalt sah sie den Riesen in seinem riesigen Bett liegen. Er hatte sich bis zum Bart zugedeckt, doch unten schauten zwei gewaltige Füsse unter der Decke hervor. Sie steckten in alten Socken, die so viele Löcher hatten, dass mehr Zehen herausschauten als Wolle übrig war. Die Zehen waren ganz blau vor Kälte.

„Ambros?“, rief Anouk durch den Spalt.

Der Riese hob den Kopf. „Oh, ein kleiner Besuch“, brummte er überrascht und gar nicht unfreundlich. „Entschuldige, ich habe dein Klopfen nicht gehört. Ich kann einfach nicht schlafen. Meine Füsse sind so kalt, dass ich jede Nacht wach liege.“

Anouk schaute auf das Teeglas in ihrer Hand und dann auf die blauen Zehen. Tee würde da nicht helfen. Ambros brauchte warme Socken. Sie griff in ihre Umhangtasche und holte ihr Wollknäuel heraus.

„Ich kann dir helfen“, sagte sie. Sie hielt das Knäuel hoch, schloss die Augen und sprach den Wachse-Zauber, den Ortrud ihr beigebracht hatte: „Wolle, Wolle, weich und warm, wachse gross, so wie ein Riesenarm!“

Das Knäuel begann zu leuchten und zu wachsen. Es wuchs und wuchs, so gross wie ein Kürbis, so gross wie ein Ofen, so gross wie ein Heuwagen, und es hörte einfach nicht auf. Bald füllte die Wolle das halbe Zimmer, drückte gegen die Wände und schob den Riesen fast aus dem Bett.

„Hoppla!“, rief Ambros und begann so herzlich zu lachen, dass das ganze Haus wackelte.

Anouk wurde rot. „Halt, Wolle, halt!“, rief sie. Dann holte sie tief Luft und dachte daran, was Ortrud immer sagte: Ein Zauber gelingt nicht durch Eile, sondern durch Ruhe. Sie sprach den Zauber noch einmal, diesmal ganz langsam, und stellte sich dabei genau vor, was sie haben wollte: zwei dicke, warme Socken in Riesengrösse.

Die Wolle schrumpfte, drehte sich, wickelte sich und strickte sich wie von selbst, bis vor dem Bett zwei grosse, rote Socken lagen, flauschig und so dick wie Federbetten.

Ambros zog sie an. Er wackelte mit den Zehen und schloss die Augen. „Ach, ist das warm“, seufzte er. „So warm waren meine Füsse seit hundert Jahren nicht mehr.“

Anouk kochte trotzdem noch ein Kännchen von Ortruds Tee, und Ambros trank ihn in einem einzigen kleinen Schluck. Er gähnte noch einmal, aber diesmal ganz leise, so leise, dass unten im Tal kein einziger Fensterladen klapperte. Dann legte er den Kopf auf sein grosses Kissen, und sein Atem wurde tief und langsam, wie ein sanfter Wind, der über die Berge streicht.

Anouk kletterte auf Borste und flog leise aus dem Fenster. Diesmal jagte der Besen keine einzige Wolke. Er flog ruhig und gemächlich durch die Nacht, den Berg hinunter, über das schlafende Tal und den stillen Wald. Zurück im Turm stellte Anouk Borste in die Ecke, schlüpfte unter ihre Decke und zog die eigenen Socken ein Stück höher. Draussen war alles still, nur vom Grauen Berg wehte ein leises, gleichmässiges Schnarchen herüber, und dazu schlief Anouk ein.

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