Hausmaus Emmerich und das leere Adventstürchen

8 Minuten Vorlesezeit

Es war einmal ein altes Haus mit knarrenden Dielen und einem grossen Klavier im Wohnzimmer. Hinter diesem Klavier, in einer alten Teedose mit einem weichen Bett aus Wollresten, wohnte die Hausmaus Emmerich. Emmerich war klein, hatte samtgraues Fell und rosa Ohren, die bei jedem Geräusch zuckten. Er war die pflichtbewussteste Maus, die es gab. Jede Nacht machte er seinen Rundgang durch das Haus, sammelte Krümel unter dem Tisch auf und schaute nach, ob alles an seinem Platz war. Besonders gern mochte er Mathea, das Mädchen, das in diesem Haus wohnte. Manchmal legte sie ihm heimlich ein Stückchen Käse neben das Klavierbein.

Auf dem Regal im Wohnzimmer hing seit gestern ein besonderer Gast: ein Adventskalender aus Holz. Er sah aus wie ein kleines Haus mit vierundzwanzig winzigen Schubladen, und auf jeder Schublade stand eine Zahl. Der Kalender war schon sehr alt, denn er hatte früher Matheas Grossmutter gehört. Mama hatte jede Schublade mit einer kleinen Überraschung gefüllt, und morgen, am ersten Dezember, durfte Mathea die erste öffnen.

In der Nacht, als Emmerich seinen Rundgang machte, hörte er vom Regal her ein leises, hölzernes Seufzen.

„Wer ist da?“, fragte Emmerich und stellte die Ohren auf.

„Ich bin es, der Adventskalender“, knarrte eine Stimme. „Mir ist etwas Schlimmes passiert. Meine erste Schublade ist leer. Der kleine Holzstern, der darin lag, ist herausgefallen, weil die Schublade nicht ganz zu war. Wenn Mathea morgen früh die Eins öffnet, findet sie nichts.“

Emmerich musste nicht lange überlegen. „Ich finde deinen Stern“, versprach er. „Bevor es Morgen wird, liegt er wieder in deiner Schublade.“

Er kletterte vom Regal hinunter und suchte den Boden ab. Unter dem Regal war nichts, hinter dem Vorhang auch nicht. Da sah er etwas unter dem Klavier blitzen. Der kleine Holzstern war über den Boden gerollt und lag nun genau unter dem Klavier, und direkt davor schlief Kater Pfeffer, zusammengerollt zu einer dicken, schwarzen Kugel.

Emmerich schlich auf Zehenspitzen näher. Pfeffer schnurrte im Schlaf, und seine Schnurrhaare zitterten bei jedem Atemzug. Emmerich streckte die Pfote nach dem Stern aus, doch genau in diesem Moment drehte sich Pfeffer im Schlaf um und legte sich mit seinem warmen Bauch direkt auf den Stern.

„Oh nein“, wisperte Emmerich.

Er dachte nach. Dann holte er eine Feder aus dem Staubwedel, der in der Ecke lehnte, schlich zurück und kitzelte Pfeffer ganz sachte an der Nase. Der Kater rümpfte die Nase, zuckte mit den Schnurrhaaren und musste niesen. Im Schlaf rollte er sich auf die andere Seite, und der Stern kullerte unter seinem Bauch hervor und rollte mitten in den Raum.

Emmerich wollte gerade hinterherlaufen, als es im Flur plötzlich piepte und surrte. Ein Licht ging an, und aus seiner Ladestation rollte der Saugroboter, so wie jede Nacht um drei Uhr. Er war rund und flach wie ein grosser Teller und fuhr summend durch das Wohnzimmer, genau auf den Holzstern zu.

„Halt!“, rief Emmerich. „Nicht den Stern!“

Der Saugroboter hörte ihn nicht. Er fuhr über den Stern hinweg, es klickte leise, und der Stern war verschwunden, eingesaugt im Bauch des Roboters.

Emmerich zögerte nur einen Augenblick. Dann nahm er Anlauf, sprang und landete mitten auf dem runden Deckel des Saugroboters. Der Roboter fuhr weiter, als wäre nichts geschehen. Er fuhr unter dem Tisch hindurch, um das Sofa herum und an Pfeffer vorbei, und Emmerich hielt sich mit allen vier Pfoten fest. Es war ein bisschen wie Karussellfahren, nur ohne Musik. Durch den durchsichtigen Deckel konnte er den kleinen Stern sehen, der zwischen Staubflocken und Krümeln hin und her rollte.

Endlich hatte der Roboter seine Runde beendet und fuhr zurück in den Flur, an seine Ladestation. Es piepte zweimal, dann wurde er still. Emmerich sprang hinunter und suchte die Klappe, hinter der der Staubbehälter steckte. Er fand einen kleinen Knopf, stemmte sich mit beiden Pfoten dagegen und drückte, so fest er konnte. Mit einem Klacken sprang die Klappe auf.

Darin lagen Staub, Krümel, ein Stückchen Faden und der kleine Holzstern. Gleich daneben entdeckte Emmerich noch etwas: eine Haarspange in Form einer Erdbeere. Das war Matheas Lieblingsspange, die sie schon seit einer Woche überall gesucht hatte.

„Dich nehme ich auch mit“, flüsterte Emmerich.

Er klemmte den Stern zwischen die Zähne, hängte sich die Spange über den Rücken und begann, am Vorhang hinaufzuklettern. Mit dem Gepäck war das viel schwerer als sonst. Auf halber Höhe rutschte die Spange zur Seite, und Emmerich musste sich mit allen Krallen am Stoff festhalten, bis er wieder sicher hing. Er wartete einen Moment, schnaufte durch die Nase und kletterte dann langsam weiter, Masche für Masche, bis er oben auf dem Regal stand. Draussen wurde der Himmel schon ein kleines bisschen heller. Emmerich zog die erste Schublade des Kalenders auf und wollte den Stern gerade hineinlegen, als ihm etwas einfiel. Der Stern war herausgefallen, weil die Schublade nicht richtig zugegangen war. Wenn er ihn einfach zurücklegte, konnte das gleich wieder passieren.

Er steckte seine Nase in die Öffnung und schnupperte. Ganz hinten, in der kleinen Holzrille, in der die Schublade lief, klemmte etwas Hartes. Emmerich fasste mit den Pfoten hinein und zog und ruckelte, bis es sich löste. Es war eine alte, steinharte Rosine, die vielleicht schon seit Grossmutters Zeiten dort festsass.

„Du warst also schuld“, murmelte Emmerich und musste grinsen. Die Rosine legte er beiseite, um sie morgen zu seinen Vorräten zu bringen.

Dann legte er den Stern in die Schublade, dazu die Erdbeerspange, und schob sie zu. Diesmal glitt die Schublade ganz leicht und weich hinein, bis sie mit einem leisen Klicken einrastete und nicht mehr wackelte.

„Danke, kleine Maus“, knarrte der Adventskalender leise. „Das werde ich dir nie vergessen.“

Emmerich war so müde, dass er kaum noch antworten konnte. Er kletterte vom Regal, huschte hinter das Klavier und kroch in seine Teedose. Das Wollbett war weich und warm, und er rollte sich zu einer kleinen Kugel zusammen.

Als am Morgen die ersten Sonnenstrahlen ins Wohnzimmer fielen, kam Mathea im Schlafanzug angelaufen und öffnete die Schublade mit der Eins. Emmerich hörte im Halbschlaf, wie sie leise rief: „Ein Stern und meine Erdbeerspange!“ Er lächelte, ohne die Augen zu öffnen. Dann schlief er weiter, tief und fest, den ganzen ersten Dezember lang, in seiner kleinen Teedose hinter dem Klavier.

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