Zora und der Ballon, der keinen Wind brauchte

10 Minuten Vorlesezeit

Am Rand der Stadt, hinter dem letzten Haus und vor dem ersten Feld, stand ein Garten, in dem ein Ballon wohnte. Er war aus bunten Stoffstreifen genäht, in Rot, Gelb und Blau, und jeder Streifen stammte von einem anderen Kleidungsstück, das irgendjemand in der Familie nicht mehr brauchte. Der Korb darunter war aus Weide geflochten und roch ein wenig nach Heu. Zoras Grossvater hatte ihn vor vielen Jahren gebaut, und seit dem Sommer durfte sie damit fahren, wenn sie vorsichtig war.

An diesem Abend wollte sie unbedingt aufsteigen. Der Himmel war klar, und der Mond stand noch niedrig über den Dächern, ein blasser Halbkreis, der im Dämmerlicht aussah wie ein Lächeln. Zora trug ihre warme Jacke mit der Kapuze und hatte eine Thermoskanne mit Kakao unter den Arm geklemmt. In der Tasche steckte eine Taschenlampe, ein Stück Schokolade und ein Zettel, auf dem in der Schrift ihres Grossvaters stand: Immer langsam fahren.

„Bist du sicher?“, fragte ihre Mutter, die am Gartentor stand und die Arme vor der Brust verschränkt hielt.

„Ich bleibe an der Leine“, sagte Zora. „Und nur ein ganz kleines Stück.“

Die Mutter seufzte, aber sie lächelte dabei. Sie half Zora, den Brenner anzuzünden, der mit einem leisen Fauchen aufflammte und warme Luft in den Stoff blies. Der Ballon richtete sich langsam auf, ruckelte ein wenig hin und her wie ein grosses, schlaftrunkenes Tier und stieg dann in die Höhe, bis der Korb vom Boden abhob und sanft in der Luft hing.

Zora kletterte hinein. Sie stellte die Kanne ab, griff nach dem Seil und spürte, wie der Boden unter ihr zurückblieb. Der Garten wurde kleiner, das Gartentor, die Mutter, der Apfelbaum mit der Schaukel, alles zog sich zusammen und lag bald wie ein Spielzeug unter ihr. Es war still, nur der Brenner brummte ab und zu.

„Und jetzt?“, murmelte Zora.

Eigentlich sollte jetzt der Wind kommen und den Ballon langsam über die Stadt tragen. So hatte es ihr Grossvater erklärt: Man steigt auf, und der Wind nimmt einen mit. An diesem Abend aber rührte sich nichts. Der Ballon hing mitten in der Luft, wie ein Lampion an einem unsichtbaren Faden, und kein Hauch, kein Luftzug bewegte ihn auch nur einen Zentimeter. Zora hielt einen Finger in die Höhe, um zu prüfen, ob es irgendwo wehte. Er blieb trocken und warm.

„Hallo, Wind?“, rief sie leise. „Bist du da?“

Keine Antwort. Unter ihr lag die Stadt, ruhig und golden, mit hunderten gelber Fenster, in denen Menschen zu Abend assen oder Geschichten lasen. Der Kirchturm ragte wie ein schmaler Finger auf, und neben ihm leuchtete das Dach der alten Bäckerei. Alles lag in Reichweite, und doch kam Zora nicht von der Stelle.

Sie setzte sich auf den Boden des Korbes und schraubte den Deckel der Thermoskanne ab. Der Kakao dampfte in der kühlen Abendluft. Sie trank einen Schluck, und er schmeckte so warm und süss, dass sie sich ein bisschen weniger enttäuscht fühlte. Über ihr funkelten die ersten Sterne, einer nach dem anderen, wie jemand, der nacheinander Kerzen anzündet.

Da fiel einer von ihnen. Es war keine Sternschnuppe wie auf Bildern, nicht lang und hell, sondern ein winziger Funke, der sich vom Himmel löste und ganz langsam nach unten trudelte, wie eine Feder. Er kam näher, drehte sich im Kreis und blieb neben dem Korb schweben. Es war ein Stern, nicht grösser als ein Daumennagel, silbrig und warm, mit einer dünnen Spur aus Glitzer.

„Entschuldigung“, sagte der kleine Stern mit einer Stimme wie ein Glöckchen. „Brauchst du Hilfe?“

Zora riss die Augen auf. „Kannst du denn helfen?“

„Ein bisschen“, sagte der Stern. „Wir sind viele. Gemeinsam schaffen wir es.“

Er pfiff einen hellen, dünnen Ton in die Nacht. Aus allen Richtungen lösten sich andere Sterne, kleine, noch kleinere, mit zarten Schweifen, und glitten herbei, bis ein ganzer Schwarm um den Ballon schwebte. Sie schauten Zora an, mit ihren winzigen Gesichtern, in denen nur zwei Pünktchen als Augen zu erkennen waren, und warteten.

„Wohin soll es gehen?“, fragte der erste Stern.

„Einmal über die Stadt“, sagte Zora. „Ganz langsam, und danach wieder nach Hause.“

Die Sterne nickten, so gut Sterne nicken können, und stellten sich rund um den Ballon auf. Dann holten sie Luft, alle gleichzeitig, und bliesen. Es war kein starker Wind, kein Sturm, sondern ein sanftes, warmes Pusten, wie wenn man über die Oberfläche einer heissen Tasse bläst. Der Stoff bewegte sich leicht. Der Korb schwankte, und der Ballon glitt los, ganz langsam, ohne einen einzigen Ruck.

Zora hielt sich am Rand fest und beugte sich ein Stückchen hinaus. Die Dächer glitten unter ihr vorbei. Die roten Ziegel schimmerten im Mondlicht, und in den Dachfenstern spiegelten sich die Sterne. Sie sah den Kirchturm von oben, dann das runde Dach der Schule und den Brunnen auf dem Marktplatz, aus dem das Wasser noch leise plätscherte. Ein Hund bellte irgendwo einmal kurz und verstummte.

„Das ist ja wie fliegen auf Zehenspitzen“, flüsterte sie.

„Wir nennen es Schweben“, sagte der kleine Stern, der neben ihr hergaukelte.

Sie schwebten über schmale Gassen, in denen die Laternen warm brannten, und über Gärten, in denen Wäscheleinen mit Tüchern hingen, die im Nachtwind kaum zitterten. In einem Hinterhof sass eine Katze auf einem Zaun und schaute zu ihnen herauf, ohne sich zu rühren. Zora winkte ihr, und die Katze blinzelte, einmal, langsam.

Hinter einem erleuchteten Fenster sah sie eine Frau, die ein Kind in den Arm nahm und ihm etwas vorsang. Hinter einem anderen sass ein alter Mann am Tisch und löste ein Kreuzworträtsel. Wieder ein Stück weiter stand eine ganze Familie um einen Küchentisch und spielte ein Kartenspiel, wobei der kleinste Spieler, kaum älter als vier, zwei Karten in jeder Hand hielt und stolz darauf war.

Zora trank den Rest ihres Kakaos und spürte, wie ihr die Augen schwer wurden. Es war ein behagliches Gefühl, das von den Füssen her kam und langsam bis in den Kopf stieg. Der Korb schaukelte sacht, und die Sterne pusteten gleichmässig weiter, leiser jetzt, als wüssten sie, dass bald alles zu Ende gehen würde.

„Dort ist dein Garten“, sagte der kleine Stern und deutete mit einem Zipfel seines Schweifs nach unten.

Zora sah den Apfelbaum mit der Schaukel und die Laterne am Gartentor, die ihre Mutter angeschaltet hatte. Sie sah das Rechteck des Rasens, auf dem der Tau schon silbern glänzte. Der Ballon senkte sich langsam, Stück für Stück, ohne dass sie am Brenner etwas tun musste. Die Sterne führten ihn mit ihrem Atem, behutsam und gleichmässig, und der Korb setzte so weich im Gras auf, dass er nicht einmal knackte.

„Danke“, sagte Zora. „Das war die schönste Fahrt.“

„Gute Nacht, Zora“, sagte der kleine Stern, und alle anderen wiederholten es, leise, wie ein Echo, das über den Garten zog. Dann stiegen sie wieder auf, einer nach dem anderen, bis sie sich unter den grossen Sternen am Himmel verloren, wo sie ihren Platz wieder einnahmen.

Zora kletterte aus dem Korb und löschte den Brenner. Der Ballon sank in sich zusammen, legte sich wie eine bunte Decke ins Gras und blieb still liegen. Ihre Mutter kam mit einer Wolldecke über den Rasen und legte sie ihr um die Schultern, ohne ein Wort zu sagen. Sie schaute nur nach oben, zum Himmel, und sah dort ein paar Sterne zwinkern, die vorhin noch nicht da gewesen waren.

„Und? War der Wind gut?“, fragte sie.

„Es gab keinen“, sagte Zora gähnend. „Aber es ging trotzdem.“

Die Mutter nahm sie auf den Arm, trotz ihrer Grösse, und trug sie ins Haus. Im Treppenhaus roch es nach Seife und nach dem Apfelkuchen, der noch auf dem Küchentisch auskühlte. Zora legte den Kopf an die Schulter ihrer Mutter und hörte ihr Herz schlagen, langsam und gleichmässig, wie das Summen des Brenners vorhin. Im Kinderzimmer zog die Mutter ihr die Schuhe aus und deckte sie zu.

Draussen im Garten lag der bunte Ballon im Gras, die Streifen in Rot, Gelb und Blau, und rührte sich nicht mehr. Der Mond stand jetzt hoch über dem Dach, und in seinem Licht sah der Stoff aus wie eine grosse, farbige Wiese, auf der eine Nacht lang jemand schlafen durfte. Über der ganzen Stadt lag eine Stille, so tief, dass man sie fast hören konnte.

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