Biene Svea und der letzte Flug des Tages

10 Minuten Vorlesezeit

Im Obstgarten am Rande des Dorfes stand ein Bienenstock aus hellem Holz, mit einem runden Eingang und einem kleinen Brett davor, auf dem die Bienen landeten. Es war Herbst. Die Äpfel hingen schwer an den Zweigen, und manche lagen schon im Gras und dufteten süss und ein wenig vergoren. Die Tage wurden kürzer, die Abende kühler, und der Stock wurde langsam still, denn die meisten Bienen waren schon heimgekehrt.

Svea war noch draussen. Sie war eine junge Biene mit einem besonders flauschigen Rücken und Flügeln, die im letzten Sonnenlicht wie dünnes Glas schimmerten. Den ganzen Tag über hatte sie Blüten besucht, eine nach der anderen, und der Nektar in ihrem Honigmagen schwappte bei jeder Bewegung ein wenig hin und her. Sie war müde, aber nicht müde genug.

„Eine noch“, sagte sie zu sich selbst. „Nur eine allerletzte.“

Am Rand der Wiese, dort, wo der Zaun zum Feldweg hin schon halb verfallen war, hatte sie am Morgen eine späte Astern-Blüte entdeckt. Sie leuchtete lila und hatte eine kleine gelbe Mitte, in der noch Nektar sass, so viel, dass die anderen Bienen ihn nicht allein hätten aufbrauchen können. Svea hatte sich vorgenommen, sie nach dem Abendessen noch einmal zu besuchen.

Sie flog los. Die Luft war kühl, und der Wind roch nach feuchtem Laub und frisch gemähtem Gras. Unter ihr zogen die Apfelbäume vorbei, ihre Blätter schon ein wenig gelb. Ein Igel raschelte unter einem Haufen aus Zweigen, und ein Marienkäfer hockte auf einem Grashalm und putzte seine Fühler. Svea winkte ihm kurz mit einem Bein, ohne die Flügel stillzuhalten.

Über dem Gartenzaun spannte eine Spinne gerade ihr Netz für die Nacht. Die feinen Fäden glitzerten im letzten Licht wie Silberdraht, und Svea flog in einem weiten Bogen darum herum, denn sie wusste, dass man vor einem frisch gespannten Netz höflich Abstand hält. Die Spinne hob zwei Beine zum Gruss, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. Weiter unten im Gras zirpte eine Grille, zuerst nur ein einzelner Ton, dann ein zweiter, und bald antwortete ihr ein ganzer kleiner Chor. Svea merkte, dass der Abend eine eigene Musik hatte, die tagsüber niemand hörte, weil die Sonne so laut war. Aus dem Boden stieg der Duft von reifem Obst auf, süss und ein wenig schwer, und darunter lag der feine Geruch nach Erde, in der sich die Wurzeln für den Winter zurechtlegten.

Die Astern-Blüte stand genau dort, wo sie sie in Erinnerung hatte, mitten in einem Büschel aus Gras, das im Wind leise wippte. Svea landete auf den lila Blättern, die sich unter ihr wie ein weicher Teppich anfühlten, und kroch zur Mitte. Sie steckte den Rüssel tief in die Blüte und trank, in kleinen, gleichmässigen Schlucken.

Es schmeckte nach Sonne. Nach all den Tagen, an denen die Blüte sich gestreckt und gewärmt hatte, und nach dem letzten Rest Sommer, den sie noch in sich trug. Svea schloss kurz die Augen. Dann merkte sie, dass es dunkler geworden war.

Sie hob den Kopf. Die Sonne stand nur noch als schmaler orangefarbener Streifen am Horizont, und der Himmel darüber war schon blau geworden, ein tiefes, ruhiges Blau, in dem die ersten Sterne zu erkennen waren. Die Hügel in der Ferne lagen wie schlafende Tiere da.

„Oje“, murmelte Svea. „Ich habe die Zeit vergessen.“

Sie spreizte die Flügel und stieg auf. Der Wind hatte gedreht, und die Luft fühlte sich kühler an als vorhin. In der Dämmerung sah alles anders aus, die Bäume waren dunkle Schatten, der Zaun eine schmale Linie, und die Wiese verschwamm zu einer einzigen grauen Fläche. Svea flog ein Stück geradeaus, dann ein Stück nach links, und merkte, dass sie nicht mehr genau wusste, wo der Stock lag.

Sie wurde ein bisschen unruhig. Ihre Flügel surrten schneller, und sie spürte, wie ihr Herz in der kleinen Brust klopfte. Dann erinnerte sie sich an etwas, das die alte Bienenkönigin im Frühling gesagt hatte, als alle jungen Bienen im Kreis um sie herum sassen.

„Wenn ihr einmal nicht weiterwisst“, hatte die Königin gesagt, „dann haltet an und lauscht. Euer Stock singt immer. Man muss nur stehen bleiben, um ihn zu hören.“

Svea landete auf einem Ast, der aus einer Hecke ragte, und hielt die Flügel still. Sie atmete tief ein und aus. Zuerst hörte sie nur das Rascheln der Blätter und das ferne Bellen eines Hundes. Dann, ganz leise, ein dünnes, gleichmässiges Summen, das von weit her kam und sich wie ein Faden durch die Dunkelheit zog.

„Da bist du“, flüsterte sie.

Sie flog dem Summen nach. Je näher sie kam, desto deutlicher wurde es, ein warmer, tiefer Ton, der aus Tausenden von winzigen Flügeln bestand, die zusammen einen einzigen Klang machten. Es klang wie ein grosser Chor, der im Schlaf singt. Svea hielt sich links von der Hecke, über den Rand des Gartens hinweg, vorbei an einem Apfelbaum, auf dem noch ein einsamer Apfel hing, und dort, im dämmrigen Licht, sah sie ihn schon: den hellen Holzstock mit dem runden Eingang.

Eine Wächterbiene stand vor dem Loch und schaute ihr entgegen. Sie hiess Mirka und trug den ganzen Abend schon Dienst, und obwohl sie müde aussah, hellte sich ihr Gesicht auf, als Svea herabsank.

„Da bist du ja“, sagte Mirka. „Wir dachten schon, du schläfst draussen im Gras.“

„Fast“, gestand Svea. „Ich wollte noch eine allerletzte Blume besuchen.“

„Hat sie gut geschmeckt?“

„Nach Sonne“, sagte Svea.

Mirka nickte und trat zur Seite. „Dann komm herein. Es ist warm drinnen.“

Svea krabbelte durch den Eingang. Im Inneren war es dunkel, aber nicht kalt, denn Hunderte von Bienen hatten sich eng zusammengeschoben und hielten einander warm. Die Luft roch nach Honig und Wachs und nach dem feinen, würzigen Duft von Propolis, mit dem die Bienen ihre Wände abdichteten. Es war ein Geruch, den Svea von Geburt an kannte und der ihr sofort die Schultern lockerte.

Sie suchte sich einen Platz zwischen zwei anderen Bienen, die schon halb im Schlaf waren. Die eine drehte sich kurz um, murmelte etwas, das wie Willkommen klang, und schlief dann wieder ein. Svea gab ihren Nektar an eine Arbeiterin weiter, die ihn sorgfältig in eine Wabe tropfte und mit ihren Fühlern glatt strich. Dann gab es nichts mehr zu tun.

Ganz in der Nähe summte eine alte Biene mit zerfransten Flügelrändern eine Melodie vor sich hin, die keine Worte hatte und nur aus tiefen, langgezogenen Tönen bestand. Svea kannte sie nicht und hatte sie doch schon immer gehört, im Ei, in der Wabe, in all den Nächten, in denen sie ganz klein gewesen war. Die Melodie ging langsam auf und ab, wie eine Hand, die über ein Fell streicht, und eine Biene nach der anderen fiel mit ein, bis der ganze Stock sie trug.

Das Summen im Stock wurde leiser. Hier und da klopfte noch ein Flügel gegen die Wabe, aber es klang wie das letzte Rascheln, bevor man im Bett die Decke zurechtlegt. Draussen kam ein Wind auf und liess die Äste des Apfelbaums gegeneinanderstreichen. Es knarrte ein bisschen, dann war es wieder ruhig.

Svea lag still und spürte die Wärme der anderen auf beiden Seiten. Der Nektar der Astern-Blüte war noch auf ihrer Zunge, ein letzter Hauch von Sommer, süss und weich. Sie dachte an den lila Teppich und an die Hügel in der Dämmerung, und es kam ihr gar nicht mehr so spät vor, jetzt, wo sie zu Hause war.

Der Stock summte weiter, tief und regelmässig, wie ein einziges grosses Tier, das im Schlaf atmet. Svea gähnte. Ihre Flügel legten sich eng an den Körper, die Fühler sanken herab, und im Dunkeln hörte man nur noch das ruhige Brummen der Bienen, die einander durch den Herbst hindurch warm hielten.

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