Pipp und Gibi finden den Frühling - eine Kindergeschichte mit Igeln
- Michael Mücke

- 25. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Es war einmal eine Zeit, in der die Welt unter einer dicken und glitzernden Decke aus weißem Schnee tief und fest schlief. Tief unter einem großen Haufen aus vertrockneten Eichenblättern und weichem Waldmoos kuschelten sich zwei winzige Igel ganz eng aneinander.
Das waren Pipp und sein kleiner Bruder Gibi, die in ihrem ersten Lebensjahr steckten und den Winter noch nie zuvor erlebt hatten. Die beiden hatten die kalten Monate über in einem traumlosen Schlaf verbracht, während der eisige Frost über ihr gemütliches Versteck hinwegfegte. Pipp war ein mutiger kleiner Kerl mit besonders spitzen Stacheln, während Gibi ein wenig runder gebaut war und eine sehr neugierige, feuchte Nase besaß.
Eines frühen Morgens geschah etwas Merkwürdiges in ihrem dunklen und wohlig warmen Nest unter der Erde. Ein winziger und goldener Sonnenstrahl schlich sich mutig durch die engen Ritzen der Blätter und kitzelte Gibi direkt auf der kleinen Nasenspitze. Der kleine Igel musste plötzlich ganz laut niesen und öffnete blinzelnd seine dunklen Knopfaugen in die Dunkelheit hinein.
Er stupste seinen Bruder vorsichtig an der weichen Flanke an, um ihn aus seinen Träumen zu wecken. "Pipp, wach bitte auf, es riecht hier drin plötzlich so ganz anders als gestern." flüsterte Gibi mit einer noch sehr schläfrigen Stimme. Pipp streckte seine vier kurzen Beinchen weit von sich und gähnte so herzhaft, dass man seine winzigen weißen Zähnchen kurz sehen konnte.
Er schnupperte angestrengt in die muffige Luft und bemerkte tatsächlich einen Duft nach feuchter Erde und etwas völlig Neuem. Vorsichtig schoben die beiden Igelbrüder die schweren und nassen Blätter beiseite und krabbelten mühsam aus ihrer schützenden Höhle hinaus. Sie trauten ihren kleinen Augen kaum, denn die Welt sah gar nicht mehr so weiß und still aus wie in ihren langen Träumen.
Überall glitzerten unzählige Wassertropfen an den dunklen Zweigen der Bäume und das erste Gras fühlte sich herrlich weich unter ihren Pfoten an. "Wo ist denn das ganze weiße Zeug geblieben, das uns vorher so kalt vorkam?" fragte Gibi sichtlich verwundert und suchte überall am Boden nach den Resten vom Schnee. Pipp schaute staunend zu den hohen Tannen empor und entdeckte dort ein kleines, flauschiges Eichhörnchen mit einem buschigen Schwanz.
"Entschuldigung, lieber Herr Eichhörnchen, wissen Sie vielleicht zufällig, was hier mit dem Wald passiert ist?" rief Pipp so laut er nur konnte nach oben in die Baumkrone. Das Eichhörnchen hielt sofort inne, knabberte kurz an einer frischen Knospe und schaute dann mit einem schiefen Kopf interessiert nach unten. "Der Frühling ist endlich im Anmarsch, ihr beiden kleinen Schlafmützen aus dem Blätterhaufen!" antwortete das flinke Tierchen und verschwand mit einem weiten Satz im dichten Geäst des Waldes.
Die beiden Igel schauten sich ratlos an, denn sie hatten in ihrem kurzen Leben noch nie zuvor etwas von diesem Frühling gehört. Sie beschlossen kurzerhand, gemeinsam den tiefen Wald zu erkunden, um diesen geheimnisvollen und unsichtbaren Frühling endlich zu finden.
Nach ein paar wackeligen Schritten entdeckten sie am Fuße einer uralten Eiche wunderschöne und rein weiße Blumen, die ihre Köpfe ganz sachte im Wind wiegten. "Bist du etwa dieser Frühling, von dem alle Tiere hier so aufgeregt sprechen?" fragte Gibi eine der Blumen ganz leise und besonders höflich.
Die Blume antwortete zwar nicht mit Worten, aber ein bunter Schmetterling flatterte plötzlich mit seinen leuchtenden Flügeln direkt über ihr. "Ich bin nur ein kleines Schneeglöckchen, aber ich helfe dem Frühling dabei, seinen Weg zu uns zu finden." schien die Blume lautlos durch ihr sanftes Nicken zu sagen.
Die Igel wanderten mutig weiter und kamen bald an einen kleinen Bach, der fröhlich plätschernd über graue und glatte Steine floss. Das Wasser funkelte in der warmen Sonne wie tausend kleine Diamanten und sah für die beiden Wanderer sehr einladend aus.
Plötzlich hörten sie ein lautes und tiefes Quaken und sahen einen großen, grünen Frosch, der auf einem nassen Stein mitten im Wasser saß. "Guten Tag, Herr Frosch, haben Sie den Frühling heute Morgen vielleicht schon irgendwo hier gesehen?" wollte Pipp mit einer neugierigen Stimme wissen.
Der Frosch blähte seine dicken Backen weit auf und machte einen gewaltigen Sprung in das kühle und klare Wasser hinein. "Hört ihr denn nicht das laute Singen der Vögel und das fröhliche Rauschen des kleinen Baches hinter euch?" rief er ihnen lautstark aus dem plätschernden Wasser heraus zu.
"Der Frühling ist kein einzelnes Tier und auch kein fester Gegenstand, er ist einfach überall um euch herum zu finden." Pipp und Gibi blieben verblüfft stehen und schlossen für einen ganz kurzen Moment ihre dunklen Augen.
Sie hörten nun ganz deutlich das laute Zwitschern der Meisen, das Summen der ersten mutigen Bienen und das sanfte Rascheln der neuen Blätter. Die goldene Sonne wärmte ihren stacheligen Rücken auf eine wunderbare Weise und der Wind strich ihnen zärtlich über die kleinen und runden Ohren.
Ein angenehm warmes Gefühl breitete sich in ihren kleinen Bäuchen aus und sie mussten beide gleichzeitig über das ganze Gesicht lächeln. "Ich glaube, ich verstehe dieses große Geheimnis jetzt endlich ganz genau." sagte Gibi und hüpfte vor lauter Freude ein kleines Stück in die Luft.
"Der Frühling ist wie ein großes und gemeinsames Aufwachen der ganzen wunderschönen Natur." fügte Pipp stolz und mit einer klugen Miene hinzu. Die beiden Igel verbrachten den restlichen Tag damit, ausgelassen zwischen den bunten Krokussen zu spielen und die vielen neuen Düfte des Waldes tief einzusaugen.
Sie fanden sogar eine besonders saftige, junge Wurzel, die nach dem langen Winterschlaf ganz hervorragend und süß schmeckte. Als die Sonne langsam unterging und der weite Himmel sich in herrlichen Farben wie Rosa und Lila färbte, kehrten sie müde zurück. Sie wussten nun sicher, dass sie keine Angst mehr vor der Dunkelheit oder der klirrenden Kälte des Winters haben mussten.
Der Frühling war endlich da und mit ihm begannen viele neue und spannende Abenteuer für die zwei kleinen und glücklichen Igel. Eng aneinandergekuschelt in ihrem Nest schliefen Pipp und Gibi schließlich friedlich ein, während der runde Mond silbern durch die hohen Bäume schien. In ihren Träumen sahen sie unendlich weite, bunte Wiesen und hörten das leise Lachen des Windes in den grünen Kronen der alten Bäume.
Sie freuten sich schon riesig auf den nächsten Morgen, an dem sie noch viel mehr Geheimnisse ihrer neuen Welt gemeinsam entdecken wollten. Der ganze Wald war nun ihr großer Spielplatz und der Frühling war ihr bester neuer Freund auf dieser Welt geworden.




