Die versteckte, winzige Tür hinter dem Schrank - eine geheimnisvolle Einschlafgeschichte
- Michael Mücke

- 27. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Es war einmal ein neugieriges Mädchen namens Leni, das in einem alten Haus mit knarrenden Dielen wohnte. In ihrem Zimmer stand ein riesiger, dunkelbrauner Kleiderschrank, der nach Abenteuern und altem Holz duftete.
Eines Abends, als das goldene Licht der Abendsonne durch das Fenster fiel, bemerkte Leni etwas Seltsames am Boden. Ein kleiner, glitzernder Schlüssel lag genau unter der Kante des schweren Schrankes. Leni legte sich auf den Bauch und entdeckte direkt hinter dem Holzfuß eine winzige, hölzerne Tür.
Sie war kaum größer als ihre Handfläche und hatte einen goldenen Türknauf. "Das ist ja unglaublich und sieht aus wie Zauberei", flüsterte Leni voller Staunen vor sich hin. Sie steckte den kleinen Schlüssel ins Schloss und drehte ihn vorsichtig um.
Mit einem leisen Quietschen schwang die kleine Tür auf und ein heller Lichtstrahl drang hervor. Leni machte sich ganz klein und blickte in eine leuchtende Welt voller bunter Farben.
Hinter der Wand befand sich kein dunkler Staub, sondern ein prächtiger Garten mit blauem Gras. Ein kleiner Junge mit einer grünen Mütze saß dort auf einem Pilz und winkte ihr freundlich zu. "Hallo Leni, ich habe schon lange auf eine mutige Entdeckerin gewartet", rief der kleine Junge mit einer hellen Stimme.
Er stellte sich als Bastian vor und erklärte ihr, dass dies das Reich der fabelhaften Dinge sei. Leni fühlte sich plötzlich ganz leicht und passte wie durch ein Wunder durch die winzige Öffnung. Die Luft duftete nach Erdbeeren und warmer Schokolade, während bunte Schmetterlinge um ihre Köpfe tanzten.
Bastian zeigte ihr einen glitzernden Bach, in dem keine furchteinflößenden Fische, sondern glatte, bunte Murmeln schwammen. "Hier sammeln wir alle Dinge, die Kinder in ihrer Welt aus Versehen verloren haben", erklärte Bastian stolz.
Gemeinsam spazierten sie über eine Brücke, die komplett aus bunten Buntstiften gebaut war. Leni entdeckte ihre alte Lieblingspuppe, die sie seit zwei Jahren schmerzlich vermisst hatte. Die Puppe saß auf einer Schaukel aus süßem Lakritz und schien Leni fröhlich zuzulächeln.
Plötzlich hörten sie ein leises Schniefen hinter einem Busch aus weicher, rosa Zuckerwatte. Dort saß ein kleiner Drache, der statt Feuer nur schimmernde Seifenblasen aus seiner Nase pustete. Der Drache weinte dicke Kullertränen, weil er seinen glänzenden Glücksstein im hohen Gras verloren hatte.
"Wir werden dir helfen, denn Freunde lassen niemanden traurig zurück", sagte Leni und nahm Bastians kleine Hand. Die drei neuen Freunde suchten gemeinsam unter jedem Blatt und hinter jedem singenden Stein. Diese Steine summten leise Melodien, wenn man sie vorsichtig mit dem Finger berührte.
Nach einer Weile glitzerte etwas hell im blauen Gras direkt neben dem plätschernden Murmelbach. Leni hob den funkelnden Stein auf und reichte ihn dem kleinen, nun sehr glücklichen Drachen. "Vielen Dank für eure Hilfe und eure wunderbare Freundschaft", jubelte der Drache und sprühte vor Freude riesige Seifenblasen in den Abendhimmel.
Bastian schlug vor, dass sie zum großen Wunschbaum am Horizont wandern sollten. Dieser Baum hatte Blätter aus echtem Samt und Früchte, die wie kleine Laternen leuchteten. Auf dem Weg dorthin trafen sie eine alte Schildkröte, die ein Haus aus buntem Glas auf ihrem Rücken trug.
"Habt ihr Lust auf ein paar magische Knusperkekse für euren Weg", fragte die Schildkröte mit einer tiefen und gemütlichen Stimme. Leni probierte einen Keks und plötzlich begannen ihre Schuhsohlen bei jedem Schritt wie kleine Glocken zu klingen.
Das Lachen der Kinder hallte durch den gesamten Zaubergarten und lockte noch mehr kleine Wesen an. Winzige Igel mit weichen Stacheln aus Wolle rollten über den Weg und spielten mit den Kindern Fangen. Leni hatte noch nie so viel Freude empfunden wie an diesem geheimen Ort hinter ihrem Schrank.
Sie vergaß völlig die Zeit, während sie mit Bastian über die Bedeutung von echtem Zusammenhalt sprach. "Wahre Freunde erkennt man daran, dass sie das Licht in dir sehen", sagte Bastian mit einer Weisheit, die Leni tief beeindruckte.
Die Zeit verging wie im Flug und die Sonne in der Menschenwelt begann langsam unterzugehen. Die Schatten in Lenis Zimmer wurden länger und die magische Tür begann ganz sanft zu flackern. Leni wusste, dass sie bald wieder zurück in ihr eigenes Zimmer kehren musste.
"Kommst du mich bald wieder hinter dem Schrank besuchen", fragte Bastian mit einem hoffnungsvollen Lächeln. Leni versprach es ihm fest und drückte ihren neuen Freund zum Abschied ganz herzlich an sich. Sie krabbelte vorsichtig durch die winzige Tür zurück auf ihren weichen, vertrauten Teppich.
Als sie die kleine Tür schloss, fühlte sie sich warm und glücklich in ihrem ganzen Herzen. Sie legte sich in ihr Bett und kuschelte sich ganz tief in ihre warme, weiche Decke. "Das war das schönste Abenteuer, das ich jemals erlebt habe", murmelte sie leise beim Einschlafen.
Der kleine Schlüssel lag sicher unter ihrem Kopfkissen und wartete geduldig auf den nächsten Abend. Leni träumte in dieser Nacht von blauem Gras, singenden Steinen und der unendlichen Kraft der Freundschaft.




