Björn, der Schneemann - eine Geschichte zum Vorlesen
- Michael Mücke

- 9. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

In einer sternenklaren Winternacht, als der Mond wie eine große, silberne Kugel am Himmel hing, passierte im Garten der Familie Sommer etwas ganz Zauberhaftes. Der kleine Schneemann Björn öffnete zum ersten Mal seine glitzernden Kulleraugen aus tiefschwarzer Kohle und blinzelte neugierig in die Stille hinein.
Er hatte eine wunderschöne Nase aus einer besonders knackigen Karotte und trug einen kuscheligen, roten Schal, den die Kinder am Nachmittag mit viel Liebe fest um seinen Hals gewickelt hatten.
Björn schüttelte vorsichtig den frischen Pulverschnee von seinen beweglichen Astarmen und blickte staunend auf die glitzernde Wiese, die wie ein Meer aus Diamanten vor ihm lag.
"Oh, wie wunderschön die Welt doch leuchtet," flüsterte Björn mit einer Stimme, die wie das sanfte Knirschen von gefrorenem Eis klang. Er merkte schnell, dass er nicht allein im Garten war, denn ein kleiner, brauner Hase mit einer weißen Blume am Schwanz hoppelte neugierig über die weiche Schneedecke herbei.
Der Hase schnupperte interessiert an Björns spitzer Karottennase und wackelte dabei aufgeregt mit seinen langen, weichen Ohren.
"Guten Abend, kleiner Schneemann, willst du mit mir die verborgenen Pfade im tiefen Winterwald entdecken?" fragte der Hase mit einem freundlichen Piepsen, während er kleine Pfotenabdrücke im Schnee hinterließ.
Björn freute sich riesig über die unerwartete Einladung und machte seine ersten, noch etwas wackeligen Schritte durch den hohen Schnee, der bei jedem Tritt leise unter seinen Füßen sang.
Gemeinsam spazierten sie am schlafenden Gartenhaus vorbei, wo lange Eiszapfen wie gläserne Orgelpfeifen vom Dach hingen, und erreichten schließlich den dunklen Rand des Waldes. Dort trugen die mächtigen Tannen schwere Kleider aus glitzerndem Eis und feinem Frost, die sich im Wind ganz sanft hin und her wiegten.
Unter einer besonders großen und schützenden Fichte trafen sie auf ein kleines, flinkes Eichhörnchen, das eifrig mit seinen Pfoten im Schnee nach seinen gut versteckten Vorräten suchte.
"Hallo ihr zwei, wollt ihr mir vielleicht helfen, meine wertvollen Nüsse unter dieser dicken Eisschicht wiederzufinden?" fragte das Eichhörnchen mit einer schnellen und munteren Stimme.
Björn nutzte seine starken Astarme wie kleine Schaufeln und grub vorsichtig im lockeren Schnee, bis die braunen Schätze zur Freude aller wieder zum Vorschein kamen.
Björn staunte über die wunderbare Zusammenarbeit im Wald und fühlte sich in der herzlichen Gesellschaft seiner neuen Freunde sehr geborgen und glücklich. Sie erreichten bald eine weite Lichtung, auf der hunderte bunte Eiskristalle wie kleine Sterne im hellen Mondlicht funkelten und die ganze Umgebung in ein magisches Licht tauchten.
"Schaut nur, wie die Kristalle das silberne Licht einfangen und in alle Richtungen werfen," rief Björn voller Begeisterung und hüpfte vor lauter Freude ein kleines Stück in die kalte Nachtluft.
Der kleine Schneemann lernte in dieser besonderen Nacht, dass der Winter voller kleiner Entdeckungen, großer Wunder und echter Freundschaften stecken kann. Sie fanden sogar einen gefrorenen Bach, der wie ein Spiegel aus blauem Glas zwischen den dunklen Steinen im Wald lag.
"Können Schneemänner eigentlich auf dem Eis gleiten, ohne dabei umzufallen?" fragte der kleine Hase mit einem frechen Funkeln in seinen dunklen Knopfaugen. Björn probierte es ganz vorsichtig aus und rutschte mit viel Schwung über die glatte Fläche, während seine Freunde ihn lautstark anfeuerten.
Das Eichhörnchen machte kleine Pirouetten auf dem Eis und Björn hielt die Balance, indem er seine Arme weit ausstreckte. Als die ersten ganz zarten Sonnenstrahlen am fernen Horizont erschienen und den Himmel rosa färbten, wusste Björn, dass es nun Zeit war, zu seinem angestammten Platz im Garten zurückzukehren.
Der Hase und das Eichhörnchen begleiteten ihn treu bis zum kleinen Zaun und versprachen, ihn bald wieder zu einem neuen, spannenden Ausflug abzuholen. Björn stellte sich genau an die Stelle, an der die Kinder ihn am Vortag so fleißig gebaut hatten, und rückte seinen roten Schal ganz ordentlich zurecht.
"Vielen Dank für diesen tollen Ausflug, ich freue mich schon jetzt sehr auf unser nächstes Treffen im Wald," sagte er zum Abschied mit einem warmen Lächeln zu seinen tapferen Gefährten. Als die Kinder der Familie Sommer wenig später fröhlich aus dem Haus liefen, sahen sie ihren Schneemann Björn ruhig in der goldenen Morgensonne glitzern.
Sie ahnten natürlich nichts von seinen nächtlichen Abenteuern, aber sie bemerkten sofort, dass sein Gesicht heute ganz besonders strahlend und zufrieden aussah.




