Schildkröte Tilda zählt die Wellen - eine schöne Kindergeschichte
- Michael Mücke

- 22. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

In einer warmen Sommernacht, als der Mond wie eine große Silbermünze über dem glitzernden Ozean schwebte, versammelten sich viele kleine Meeresschildkröten am weißen Sandstrand. In ihrer Mitte saß Tilda, die älteste und weiseste Schildkröte des ganzen Riffes, deren Panzer von den vielen Jahren im Meer glatt und wunderschön gemustert war.
Ihre Urururenkel schauten sie mit großen, erwartungsvollen Augen an und warteten geduldig auf eine Erzählung aus der alten Zeit. Tilda lächelte sanft, atmete die salzige Meeresluft ein und begann mit einer Stimme, die so beruhigend wie das Rauschen der Brandung klang.
"Kommt näher, meine kleinen Entdecker, denn heute erzähle ich euch von dem Tag, an dem ich lernte, die Wellen zu zählen und das Geheimnis des großen Stroms fand."
Die kleinen Schildkröten kuschelten sich enger aneinander und Tilda reiste in ihren Gedanken weit zurück in die Zeit, als sie selbst noch jung und abenteuerlustig war. Sie erzählte davon, wie sie eines Morgens beschloss, nicht im sicheren Hafen der bunten Korallen zu bleiben, sondern dem Ruf des offenen Ozeans zu folgen.
Das Wasser war an jenem Tag so klar, dass man bis zum fernen Meeresgrund blicken konnte, wo goldene Sonnenstrahlen auf dem Sand tanzten. Auf ihrem Weg traf sie einen alten, griesgrämigen Krebs namens Kasimir, der mit seinen Scheren klapperte und sie vor der weiten Reise warnte.
"Wohin des Weges, kleine Tilda, willst du etwa ganz alleine die große blaue Welt bereisen?" fragte der Krebs mit einer tiefen, knarrigen Stimme. Tilda nickte mutig und erklärte ihm, dass sie die magische Welle finden wollte, die angeblich alle Wünsche der Meeresbewohner erfüllen konnte.
Kasimir lachte nur und schüttelte seinen Kopf, doch Tilda ließ sich nicht beirren und paddelte mit ihren starken Flossen immer weiter hinaus auf das weite Meer. Unterwegs begegnete sie einem Schwarm leuchtender Quallen, die wie bunte Lampions im dunklen Wasser schwebten und leise Musik machten.
"Pass gut auf dich auf, denn die Wellen erzählen Geschichten, wenn man ihnen nur aufmerksam genug zuhört," flüsterten die Quallen im Vorbeischwimmen. Tilda begann daraufhin, jede einzelne Welle zu zählen, die sanft über ihren Panzer hinwegrollte, und merkte schnell, dass jede Bewegung des Wassers ein anderes Gefühl vermittelte.
Die erste Welle war kitzelig und frisch, die zweite fühlte sich warm wie die Mittagssonne an und die dritte Welle trug den Duft von fernen Inseln und exotischen Blumen mit sich. Plötzlich wurde der Ozean unruhiger und der Himmel färbte sich in ein tiefes Dunkelblau, während die Wellen immer höher und mächtiger wurden. Sie sah, wie kleine silberne Fische wie Pfeile durch die Schaumkronen schossen und dabei glitzerten wie Diamanten im Sonnenlicht.
Tilda bekam ein wenig Angst, doch dann sah sie einen riesigen Schatten unter sich, der sich als ein freundlicher Buckelwal namens Barnabas herausstellte. Der Wal stieß eine gewaltige Fontäne aus seinem Blasloch aus und schaute Tilda mit einem Auge an, das so groß wie ein Wagenrad war.
"Hab keine Angst vor der Kraft des Meeres, kleine Schildkröte, denn du musst nur im Rhythmus des Herzschlags der Erde schwimmen," dröhnte die Stimme des Wals so tief, dass Tildas ganzer Panzer vibrierte. Barnabas zeigte ihr, wie sie sich von der Strömung tragen lassen konnte, ohne unnötig viel Kraft zu verbrauchen, indem sie einfach eins mit dem Wasser wurde.
Er erklärte ihr, dass die tiefen Strömungen wie unsichtbare Flüsse unter der Oberfläche flossen und Reisende sicher an ihr Ziel bringen konnten. Tilda schloss ihre Augen und zählte weiter, bis sie bei der neunundneunzigsten Welle ankam, die sie an einen Ort brachte, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.
Vor ihr erstreckte sich ein schimmerndes Feld aus Unterwasserblumen, die in allen Farben des Regenbogens leuchteten und sanft im Takt der Gezeiten schwankten. Hier gab es Pflanzen, die wie zarte Federn aussahen und bei jeder Berührung ein helles Leuchten aussendeten.
In der Mitte dieses Gartens schwamm eine uralte Seekuh, die eine Krone aus glänzendem Seegras trug und Tilda freundlich mit ihren Flossen begrüßte. "Du hast den Weg gefunden, weil du nicht nur mit deinen Augen, sondern auch mit deinem Herzen gezählt hast," sagte die weise Seekuh mit einer Stimme, die so weich wie feiner Sand klang.
Die Seekuh zeigte Tilda eine verborgene Grotte, in der tausende von Muscheln ein sanftes, goldenes Licht ausstrahlten. In diesem magischen Moment verstand Tilda, dass jede Welle, die sie gezählt hatte, ein Teil ihres eigenen Lebensweges war. Die Seekuh schenkte Tilda einen kleinen, glänzenden Stein, der das Licht der Sterne einfangen konnte und ihr fortan immer den Weg nach Hause zeigen würde.
Tilda bedankte sich höflich und machte sich mit dem magischen Geschenk im Gepäck auf den langen Rückweg zu ihrem geliebten Riff. Sie schwamm an den schlafenden Rochen vorbei, die wie große Teppiche am Meeresboden ruhten, und grüßte die neugierigen Delfine, die sie ein Stück begleiteten.
Als sie schließlich den vertrauten Strand erreichte, färbte die untergehende Sonne den Himmel in ein prächtiges Purpur und Gold. Tilda spürte den feinen Sand unter ihren Flossen und wusste, dass sie nun viel weiser war als an jenem Morgen, an dem sie aufgebrochen war.
Als sie ihre Geschichte beendete, bemerkte Tilda, dass viele ihrer Urururenkel bereits friedlich eingeschlafen waren und leise vor sich hin schnarchten.
"Schlaft gut, meine kleinen Schätze, und vergesst niemals, dass das Meer euch immer beschützen wird," flüsterte die alte Schildkröte und deckte die Kleinen vorsichtig mit etwas warmem Sand zu.
Sie blickte noch einmal hinaus auf den dunklen Ozean, lauschte dem vertrauten Rhythmus der Wellen und wusste, dass sie ihre Geschichte am nächsten Abend wieder erzählen würde. Der Mond schien hell auf den Strand und das Rauschen der See begleitete die Träume der kleinen Schildkröten in eine Welt voller Wunder und Abenteuer. Tilda legte ihren Kopf auf den Sand, schloss ihre müden Augen und begann in ihren Gedanken wieder von vorn, die sanften Wellen zu zählen.




