Ein Iglu in unserem Wald - eine tierische Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- 13. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Hoch oben auf dem bewaldeten Hügel im Schwarzwald standen die Rehe im tiefen Schnee und blickten hinunter auf das kleine Haus am Waldrand. Die Rehmutter stupste ihr Kitz sanft an und deutete mit ihrer feuchten Nase auf die seltsame weiße Kuppel im Garten.
"Schau nur kleiner Hüpfer dort unten bauen die Menschen ein rundes Haus aus purem Schnee", raunte sie leise in der kühlen Abendluft.
Das kleine Kitz beobachtete neugierig, wie Fiona und Tobias mit ihren Eltern große Blöcke stapelten und emsig im Garten hin und her liefen. Auch ein Eichhörnchen saß hoch oben in einer alten Tanne und knabberte neugierig an einem Zapfen, während es das bunte Treiben beobachtete.
"Die Menschenkinder bauen sich wohl eine eigene Höhle für den Winterschlaf", piepste das kleine Eichhörnchen erstaunt zu seinen Nachbarn hinunter. Plötzlich knackte ein Ast im Unterholz und ein großer Hirsch mit einem prächtigen Geweih trat aus dem Schatten der Bäume hervor.
Er schnaubte eine weiße Wolke in die Luft und blickte ernst hinunter zum Iglu, während die anderen Tiere ehrfürchtig Platz machten. "Es ist ein seltenes Ereignis dass die Zweibeiner die Nacht so nah bei uns im Wald verbringen", brummte der stolze Hirsch mit tiefer Stimme.
Aus einem dichten Gebüsch am Waldsaum steckte plötzlich ein alter Feldhase seine langen Ohren in die Luft und schnupperte aufgeregt.
Er hatte den Duft von süßen Plätzchen und warmem Punsch bemerkt, der nun aus dem kleinen Iglu emporstieg. "Das riecht fast so gut wie die frischen Knospen im Frühling", bemerkte der Hase und hoppelte ein kleines Stück näher an den Zaun heran.
Die Rehe folgten ihm vorsichtig, denn sie spürten die friedliche Stimmung, die von der kleinen Familie und ihrem leuchtenden Schneebau ausging. Ein Uhu landete lautlos auf einem Ast über den Tieren und breitete seine großen Flügel aus, um alles noch besser sehen zu können.
"In dieser Nacht wird es keine Unruhe im Wald geben da alle Augen auf das Wunder aus Eis gerichtet sind", verkündete der weise Vogel mit seiner tiefen Stimme.
Doch plötzlich raschelte es lautstark im Gebüsch und eine kleine Wildschweinfamilie tauchte am Waldrand auf. Die Frischlinge quiekten aufgeregt, als sie das helle Leuchten sahen, das durch die Schneewände des Iglus drang.
"Bleibt ganz ruhig meine Kinder und beobachtet dieses friedliche Schauspiel aus sicherer Entfernung", mahnte die Wildschweinmutter ihre neugierigen Nachkommen.
Die Tiere sahen zu, wie das helle Licht einer Laterne das Iglu von innen beleuchtete und die Wände wie einen kostbaren Diamanten funkeln ließ. Fiona und Tobias waren nun im Inneren verschwunden und nur noch ihr leises Lachen drang zu den Waldbewohnern nach draußen. Das kleine Rehkitz fühlte sich von dem warmen Schimmer angezogen und traute sich noch ein paar Schritte weiter aus dem Schutz der dunklen Bäume.
"Es sieht so aus als hätten sie einen Stern mitten im Garten eingefangen", flüsterte das Kitz voller Bewunderung zu seiner Mutter.
Die Rehmutter nickte sanft und legte ihren Kopf auf den Rücken ihres Jungen, um ihn in der klirrenden Kälte ein wenig zu wärmen. Plötzlich hörten die Tiere ein tiefes Grollen, das von den fernen Bergen herüberhallte und den Schnee unter ihren Hufen leicht erzittern ließ.
"Das ist der Winterwind der heute Nacht besonders kräftig blasen wird", warnte der erfahrene Fuchs, der lautlos herangeschlichen war.
Er setzte sich neben den Hasen und die Rehe hin, ohne sie zu erschrecken, denn in dieser besonderen Nacht herrschte Frieden unter allen Tieren.
"Wir müssen darauf achten dass die Kinder in ihrem Eishaus sicher vor dem Sturm bleiben", fügte der Fuchs mit einem aufmerksamen Blick hinzu.
Der Wind nahm an Stärke zu und wirbelte den lockeren Pulverschnee in großen Spiralen um das leuchtende Iglu herum. Die Tiere rückten noch ein Stück enger zusammen und bildeten einen schützenden Halbkreis am Waldrand, als wollten sie die Menschenfamilie vor der Kälte abschirmen.
Der Uhu flog eine kleine Runde über den Garten, um zu prüfen, ob die Schneeblöcke des Iglus dem Druck des Windes standhielten. "Das Haus aus Eis ist stabil gebaut und wird den Kindern eine sichere Herberge bieten", krächzte der Uhu beruhigend zu den am Boden wartenden Tieren.
Drinnen im Iglu bemerkten Fiona und Tobias nichts von der wachsenden Unruhe des Windes, da die dicken Wände alle Geräusche schluckten. Sie genossen ihren Punsch und ahnten nicht, dass eine ganze Versammlung von Waldtieren draußen über ihren Schlaf wachte.
"Die Menschen feiern wohl ein Fest der Stille in ihrem Haus aus Schnee", mutmaßte der Fuchs und beobachtete die langen Schatten der Familie an den Igluwänden.
Ein kleiner Dachs streckte seinen Kopf aus seinem Bau und blinzelte verschlafen in das helle Licht, das über die Lichtung tanzte. Er trottete langsam zu der Gruppe hinüber und schnüffelte an einer gefrorenen Tanne, während er das Iglu genauestens untersuchte.
"Wenn ich nicht so gerne graben würde wäre so eine Schneehöhle auch etwas für mich", scherzte der Dachs und brachte die anderen Tiere zum Schmunzeln. Plötzlich beruhigte sich der Wind so schnell wie er gekommen war und eine tiefe, magische Stille legte sich über den gesamten Schwarzwald.
Der Mond trat hinter den Wolken hervor und tauchte die ganze Szenerie in ein silbernes Licht, das die Schneekristalle wie kleine Sterne funkeln ließ. "Jetzt ist der Moment gekommen in dem der Wald seinen tiefsten Frieden findet", flüsterte der große Hirsch und senkte respektvoll sein Haupt.
Als es im Iglu schließlich ganz dunkel wurde und nur noch der Mond die verschneite Landschaft erhellte, legten sich auch die Tiere langsam zur Ruhe. Sie wussten nun, dass Fiona und Tobias sicher in ihrem Schlafsack lagen und von den Abenteuern des Winters träumten. Das Eichhörnchen kuschelte sich tief in seinen Kobel aus weichem Moos und dachte an die fleißigen Kinder im Garten.
"Morgen werden wir ihre Spuren im Schnee untersuchen wenn sie wieder in ihr warmes Haus gehen", beschloss das kleine Eichhörnchen gähnend.
Die Rehmutter führte ihr Kitz nun langsam zurück in das schützende Dickicht, wo sie die Nacht sicher verbringen konnten. Kurz vor dem Einschlafen blickte das Rehkitz noch einmal zurück zu dem schlafenden Iglu und den friedlichen Menschen darin.
"Wir passen heute Nacht auf sie auf während sie in ihrem Eishaus schlummern", versprach das kleine Reh leise dem glitzernden Mondlicht.
Über dem Schwarzwald funkelten tausend Sterne und legten eine schimmernde Decke über die schlafende Welt der Tiere und der Menschen. Alles blieb ruhig und friedlich, bis die Sonne am nächsten Morgen das Iglu wieder zum Leuchten bringen würde.




