Die Sternenkatze von Wolkenburg - eine verträumte Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- vor 13 Stunden
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Hoch oben über den höchsten Bergen der Welt, dort wo die Luft nach süßer Zuckerwatte schmeckt und die Sonnenstrahlen wie goldener Honig fließen, liegt das geheimnisvolle Reich Wolkenburg. In diesem schwebenden Land sind die Häuser nicht aus hartem Stein gebaut, sondern bestehen aus festem, weißem Abendnebel, der sich unter den Pfoten so weich anfühlt wie ein frisch aufgepustetes Kopfkissen.
Inmitten dieser schimmernden Pracht lebte Shira, die kleine Sternenkatze, deren Fell so dunkelblau wie die tiefste Mitternacht war und von winzigen, glitzernden Punkten übersät schien. Shira hatte eine ganz besondere Aufgabe in diesem magischen Reich, denn sie war die offizielle Hüterin der Träume und sorgte jede Nacht dafür, dass jedes Kind auf der Erde eine sanfte und friedliche Ruhe fand.
Eines Abends bemerkte Shira jedoch etwas sehr Seltsames, als sie über den Rand ihres gläsernen Balkons aus purem Mondlicht blickte. Der große Sternenstaubsee, der normalerweise hell leuchtete und die ganze Wolkenburg mit Lebensenergie versorgte, wirkte plötzlich trüb und unheimlich grau.
"Oh weh, der kostbare Glanz verblasst und die Träume könnten heute Nacht ganz grau und traurig werden", flüsterte Shira besorgt und strich sich mit einer Pfote nachdenklich über ihre silbernen Schnurrbarthaare. Sie wusste genau, dass sie sofort handeln musste, bevor der runde Mond seinen höchsten Punkt am dunklen Nachthimmel erreichte.
Shira sprang mutig von einer flauschigen Wolkenstufe zur nächsten, während ihre kleinen Pfoten bei jedem Schritt ein leises Klingeln wie von feinen silbernen Glöckchen erzeugten. Auf ihrem langen Weg durch die verwinkelten Gassen aus Nebel traf sie den weisen Pelikan Fridolin, der die wichtige Post zwischen den verschiedenen schwebenden Wolkenschlössern austrug und gerade eine kurze Pause auf einem riesigen Berg aus rosa Zuckerwatte machte.
"Guten Abend, kleiner funkelnder Sternenlotse, warum hast du es denn so eilig in dieser späten und dunklen Stunde", krächzte Fridolin freundlich und rückte seine große, goldene Fliegerbrille auf seinem langen Schnabel zurecht. Shira erklärte ihm hastig das schreckliche Problem mit dem verblassten Sternenstaubsee und der alte Pelikan nickte verstehend mit seinem großen Kopf.
Er erzählte ihr mit tiefer Stimme von dem verborgenen Tal der tanzenden Lichter, welches sich hinter dem gewaltigen Regenbogenfall am alleräußersten Ende von Wolkenburg befand. Nur dort in der Tiefe konnte man das absolut reine Licht finden, welches den großen See wieder zum hellen Strahlen bringen würde.
"Vielen Dank für deine Hilfe, lieber Fridolin, ich werde mich sofort auf den weiten und gefährlichen Weg machen", rief Shira entschlossen und rannte los, so schnell ihre vier kleinen Beine sie über den weichen Boden tragen konnten.
Die weite Reise führte sie zuerst durch die geheimnisvollen Kristallgärten, in denen jede Pflanze aus gläsernem Eis bestand und bei jeder Berührung einen sanften Ton von sich gab. Dort traf sie auf eine kleine Schar von Glitzerschmetterlingen, die ihr den schmalen Pfad durch das Dickicht aus leuchtenden Farnen wiesen.
"Passt bitte gut auf die Träume auf, solange ich fort bin", rief Shira den Schmetterlingen zu, während sie unter einem Torbogen aus funkelnden Diamanten hindurchlief. Schließlich erreichte sie nach einer langen Zeit den gewaltigen Regenbogenfall, dessen Wasser in allen erdenklichen Farben des Universums leuchtete und tosend in die endlose Tiefe unter ihr stürzte.
Shira atmete einmal ganz tief durch und aktivierte die zwei kleinen, glitzernden Flügelchen an ihren Schultern, die nur echte Sternenkatzen in Momenten großer Not wachsen lassen können.
"Ich schaffe das für die vielen Kinder und für den ewigen Frieden in unserer Wolkenburg", sagte sie sich selbst ganz mutig und flog mitten durch den bunten, feuchten Wasserschleier hindurch. Auf der anderen Seite öffnete sich plötzlich eine verborgene Welt, die viel schöner war als alles, was sie bisher in ihrem ganzen Leben gesehen hatte.
Überall schwebten tausende kleine, leuchtende Wesen herum, die wie lebendige, bunte Funken aussahen und fröhlich miteinander im großen Kreis tanzten. In der Mitte des Tales stand ein uralter Baum aus flüssigem Silber, dessen Blätter wie kleine Laternen in der Dunkelheit schimmerten und ein warmes Licht verbreiteten. Shira näherte sich dem ehrwürdigen Baum ganz vorsichtig und bat die vielen Lichtwesen höflich um ein wenig von ihrem magischen Glanz für den sterbenden See.
"Wir helfen dir sehr gerne, kleine tapfere Katze, denn dein Herz ist rein und deine Absicht ist voller Liebe für alle Wesen", antworteten die Lichtwesen mit einer gemeinsamen Stimme, die wie tausend feine, goldene Harfen klang.
Sie versammelten sich in einem dichten Schwarm um Shira herum und übertrugen einen Teil ihrer strahlenden Energie in ein kleines, gläsernes Gefäß, welches die Sternenkatze stets an ihrem silbernen Halsband trug. Mit dem kostbaren und leuchtenden Schatz im Gepäck flog Shira eilig den weiten Weg zurück zum großen Wolkenschloss und schüttete den flüssigen Glanz direkt in das trübe, graue Wasser des Sees.
Augenblicklich geschah ein wunderschönes Wunder, denn das Grau verschwand sofort und ein helles, blaues Leuchten breitete sich über die gesamte Wolkenburg aus.
Die hohen Türme glänzten wieder in hellem Weiß, die Wolken wurden unter den Füßen wieder flauschig und am weiten Himmel über der Erde begannen die Sterne so hell wie nie zuvor in dieser Nacht zu funkeln.
Shira legte sich völlig erschöpft aber überglücklich auf ihr großes Lieblingskissen aus warmem Abendrot und beobachtete mit müden Augen, wie die ersten Träume als kleine Lichtpunkte zu den schlafenden Kindern hinuntersegelten.
"Nun können alle kleinen Erdenbewohner friedlich schlummern und von wunderbaren Abenteuern hier in den Wolken träumen", murmelte Shira laut gähnend und rollte sich zu einer gemütlichen, weichen Kugel zusammen. Sie schloss ihre großen Augen und hörte nur noch das sanfte Rauschen des Windes, der leise durch die hohen Hallen des prächtigen Wolkenschlosses strich.
Alles war nun wieder in bester Ordnung in ihrem fantastischen Reich hoch über den funkelnden Sternen.




