Der kleine Held mit dem weichen Herz - eine heldenhafte Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- 16. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

In einer gemütlichen kleinen Höhle unter der alten Eiche lebte eine winzige Maus namens Max, die ein ganz besonderes Kleidungsstück besaß. Er trug stolz einen leuchtend blauen Umhang, den seine Großmutter aus einem Stück feinster Seide genäht und mit glänzenden Sternen bestickt hatte.
Max war im gesamten Wald bekannt als der kleine Held mit dem weichen Herz, weil er stets zur Stelle war, wenn jemand in Not geriet. An einem sonnigen Dienstagmorgen band sich Max seinen Umhang besonders fest um die kleinen Schultern und trat hinaus in das taunasse Gras.
Er schnupperte mit seinem rosa Näschen an der frischen Waldluft und bemerkte den Duft von wilden Erdbeeren und feuchtem Moos. Plötzlich hörte er ein leises Schluchzen, das von den dichten Farnen am glitzernden Bachlauf herüberwehte.
Max rannte mit seinen flinken Pfoten so schnell er konnte zu der Stelle und entdeckte dort das Eichhörnchen Emmi. Emmi saß traurig auf einem grauen Stein und hielt eine vollkommen leere Vorratsdose aus Blech fest in ihren zitternden Pfötchen.
Max trat vorsichtig näher und fragte mit seiner sanften Stimme "Hallo Emmi, warum bist du denn so traurig an diesem wunderschönen Morgen". Das Eichhörnchen blickte auf und erklärte unter Tränen, dass ihr wertvoller Wintervorrat an Nüssen in eine tiefe, finstere Felsspalte gerollt war.
Die Spalte war viel zu schmal für ihre buschigen Arme und sie fürchtete nun, dass sie im kalten Winter großen Hunger leiden müsste. Max schaute sich die enge Spalte ganz genau an und wusste sofort, dass er eine schlaue Lösung finden musste.
Er sagte zu dem verzweifelten Eichhörnchen "Keine Sorge liebe Emmi, wir werden deine Nüsse mit einem kleinen Trick gemeinsam wieder herausholen".
Max sah sich konzentriert in der Umgebung um und entdeckte einen langen, biegsamen Zweig einer Weide sowie einen klebrigen Klumpen Harz an einer alten Kiefer.
Er schmierte das goldgelbe, klebrige Harz dick an die Spitze des Zweiges und schob diesen vorsichtig wie eine Angel in die dunkle Spalte. Nach wenigen Augenblicken spürte er einen leichten Widerstand und zog den Zweig ganz langsam nach oben.
Eine glänzende Haselnuss klebte fest an der klebrigen Spitze und Emmi jubelte vor großer Freude laut auf. Max wiederholte diesen klugen Vorgang immer wieder, bis die gesamte Vorratsdose wieder bis zum Rand mit Nüssen gefüllt war.
Emmi bedankte sich überschwänglich bei ihm und rief laut "Du bist wirklich der klügste kleine Held im ganzen weiten Wald". Max lächelte bescheiden und rückte seinen blauen Umhang zurecht, bevor er seinen Weg durch das Unterholz fortsetzte.
Kurz darauf erreichte er die große Lichtung, wo die Grillen normalerweise ihre fröhlichen Konzerte auf ihren kleinen Geigen gaben. Heute war es jedoch vollkommen still und alle Tiere des Waldes wirkten sichtlich besorgt und unruhig.
Der alte Maulwurf Herr Grabowski stand ratlos vor seinem schiefen Tunneleingang, der durch einen großen flachen Stein versperrt war. Ein heftiger Regenguss in der letzten Nacht hatte die Erde aufgeweicht und den schweren Stein genau vor die Tür gerollt.
Max ging direkt auf den Maulwurf zu und sagte freundlich "Guten Tag Herr Grabowski, kann ich Ihnen bei diesem schweren Hindernis behilflich sein".
Der Maulwurf schüttelte traurig den Kopf und antwortete mit brüchiger Stimme "Ich bin leider nicht stark genug um diesen riesigen Felsbrocken ganz allein zu bewegen".
Max wusste genau, dass er selbst viel zu klein war um den Stein mit reiner Muskelkraft wegzuschieben. Er erinnerte sich jedoch an die Hebelwirkung, von der sein Großvater ihm oft in langen Winternächten erzählt hatte.
Max suchte einen besonders stabilen Ast und einen kleineren runden Kieselstein, den er als feste Stütze verwenden konnte. Er schob den Ast tief unter den großen Stein und legte den Kiesel als Drehpunkt direkt darunter auf den Boden.
Dann rief er den anderen Tieren laut zu "Hängt euch bitte alle gemeinsam mit mir an das Ende dieses langen Astes". Die Waldmäuse, die bunten Käfer und sogar die kleinen Vögel halfen mit vereinten Kräften und vollem Einsatz mit.
Mit einem lauten Ruck bewegte sich der schwere Stein und rollte langsam zur Seite weg, sodass der dunkle Weg endlich wieder frei war. Herr Grabowski war überglücklich und rief begeistert
"Dein weiches Herz und dein scharfer Verstand haben uns heute alle gerettet". Als die Sonne langsam tiefer sank und den Wald in ein warmes, goldenes Licht tauchte, fühlte Max eine angenehme Müdigkeit in seinen Gliedern.
Er machte sich auf den Heimweg zu seiner kuscheligen Höhle unter den schützenden Wurzeln der alten Eiche. Unterwegs traf er noch die weise Eule, die hoch oben in den dunklen Zweigen saß und ihn aufmerksam beobachtete.
Die Eule neigte ihren Kopf und sagte mit tiefer, ruhiger Stimme "Du hast heute vielen Bewohnern geholfen und bewiesen, dass wahre Stärke niemals nur in der Körpergröße liegt".
Max fühlte sich warm und geborgen, als er sich in sein weiches Bett aus grünem Moos und weißen Federn legte. Er zog seinen blauen Umhang vorsichtig aus und deckte sich damit wie mit einer kuscheligen Decke bis zum Kinn zu.
Bevor er seine kleinen Augen schloss, flüsterte er leise zu sich selbst "Es ist ein schönes Gefühl für andere da zu sein und die Welt ein kleines Stück besser zu machen".
Der kleine Held mit dem weichen Herz schlief vollkommen zufrieden ein und träumte von neuen Abenteuern, die am nächsten Morgen auf ihn warten würden. Im gesamten Wald kehrte nun tiefe Ruhe ein und alle Tiere wussten genau, dass sie sich immer auf ihren kleinen Freund mit dem blauen Umhang verlassen konnten.




