Das Geheimnis des Schneeflöckchensees - eine zauberhafte Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- 21. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Es war einmal ein kleiner, neugieriger Fuchs namens Tilo, der am äußersten Rande eines weiten, glitzernden Waldes in einer gemütlichen Höhle lebte. In diesem Wald gab es einen Ort, von dem alle Tiere nur im ehrfürchtigen Flüsterton erzählten, wenn der Abendwind durch die Tannen strich.
Es war der Schneeflöckchensee, ein magisches Gewässer, das selbst in den kältesten Nächten niemals einfror und in dem die silbernen Sterne zu baden schienen.
Eines Abends, als der Mond besonders hell und rund wie eine goldene Münze am weiten Himmel stand, packte Tilo seinen kleinen, blauen Rucksack und machte sich mutig auf den weiten Weg.
Der tiefe Schnee knirschte unter seinen flinken Pfoten wie frisches, süßes Zuckergebäck aus der Weihnachtsbäckerei. Unterwegs traf er seine beste Freundin, die kleine Eule Emma, die lautlos und elegant über den verschneiten Tannen schwebte.
"Wo willst du denn in dieser klirrend kalten Nacht ganz alleine hin, Tilo?" fragte Emma mit ihren großen, klugen gelben Augen, während sie im Flug bremste. Tilo schaute zu ihr auf und seine Augen funkelten vor Aufregung im hellen Schein des Mondlichts.
"Ich möchte das große Geheimnis des Schneeflöckchensees endlich lüften, von dem mein Großvater immer so wunderbare Geschichten erzählt hat." antwortete der kleine Fuchs mit fester und entschlossener Stimme. Emma flatterte aufgeregt mit ihren starken Flügeln und landete sanft auf einem tief hängenden, schneebedeckten Ast.
"Das klingt nach einem wirklich großen Abenteuer, darf ich dich auf diesem Weg begleiten?" flötete sie leise in die stille Nacht hinein. Zusammen wanderten sie viel tiefer in den dunklen Wald, wo die uralten Bäume so hoch waren, dass sie das dunkle Blau des Himmels fast berührten.
Nach einer langen Weile erreichten sie eine weite Lichtung, auf der ein alter und weiser Hirsch mit einem riesigen Geweih stand. Sein prachtvolles Geweih sah aus wie aus purem, glänzendem Silber geschmiedet und leuchtete von ganz alleine.
"Seid gegrüßt, ihr kleinen Wanderer, sucht ihr etwa den geheimen Weg zum verborgenen See?" dröhnte die tiefe und warme Stimme des Hirsches freundlich durch die Stille.
Tilo nickte eifrig und wedelte freudig mit seinem buschigen, roten Schwanz, dessen Spitze weiß wie Sahne war. "Ja, wir wollen unbedingt wissen, warum er auf der ganzen Welt Schneeflöckchensee genannt wird." rief Tilo voller Vorfreude in die klare Winterluft.
Der Hirsch lächelte weise und wies mit seiner dunklen Schnauze in Richtung eines schmalen, fast unsichtbaren Pfades zwischen den Felsen. "Ihr müsst dem schmalen Pfad folgen, der ganz herrlich nach frischen Tannennadeln und süßen Träumen duftet." erklärte der Hirsch mit einer geheimnisvollen Miene.
Die beiden Freunde folgten dem klugen Rat und plötzlich veränderte sich die Luft um sie herum auf eine wunderbare Weise. Es wurde nicht kälter, sondern angenehm warm und weich, als ob der bunte Frühling mitten im tiefen Winter einen kurzen Besuch abstattete.
Vor ihnen erstreckte sich nun der weite See, dessen Wasser so unglaublich klar war wie ein kostbarer, geschliffener Diamant. In der Mitte des Sees schwamm eine einzelne, riesige Schneeflocke aus Licht, die in allen Farben des prächtigen Regenbogens leuchtete.
"Schau nur, wie wunderschön das bunte Licht im tiefen Wasser tanzt!" rief Emma begeistert und drehte eine schnelle Pirouette hoch oben in der Luft. Plötzlich tauchte ein kleiner, flinker Fisch mit glänzenden Schuppen aus dem ruhigen Wasser auf und schaute sie an.
"Willkommen an diesem besonderen Ort der Wünsche, ihr beiden mutigen Abenteurer." sagte der Fisch mit einer feinen Stimme, die wie kleine, silberne Glöckchen klang. Tilo kniete sich ganz vorsichtig an das feuchte Ufer und betrachtete die bunte Schneeflocke, die sacht auf den Wellen schaukelte.
"Was ist denn nun das wahre Geheimnis dieses besonderen und magischen Ortes?" wollte er unbedingt von dem kleinen Fisch wissen. Der Fisch schwamm flink im Kreis und verteilte viele glitzernde Wassertropfen, die wie Edelsteine in der Luft schwebten.
"Das Geheimnis ist, dass dieser See die schönsten Träume aller Kinder sammelt und sie in diese glitzernden Schneeflocken verwandelt." flüsterte der Fisch ganz leise und andächtig.
Jedes Mal, wenn ein Kind irgendwo auf der Welt herzlich lachte oder friedlich einschlief, wuchs die leuchtende Blume in der Mitte ein kleines Stück weiter. Tilo und Emma saßen noch eine sehr lange Zeit am ruhigen Ufer und beobachteten schweigend das friedliche und bunte Schauspiel.
Sie fühlten sich in diesem Moment ganz leicht und unendlich glücklich, als ob sie selbst ein Teil dieses großen Zaubers wären. "Ich glaube, ich bin jetzt doch ein bisschen müde von all dem Staunen und Wandern." gestand Tilo und gähnte dabei so herzhaft, dass man seine kleinen Zähne sehen konnte.
Emma kuschelte sich schützend in ihr weiches, warmes Gefieder und nickte ihrem besten Freund zustimmend und müde zu. "Lass uns jetzt nach Hause gehen und morgen allen anderen Tieren von diesem großen Wunder berichten." schlug die kleine Eule mit sanfter Stimme vor.
Der lange Rückweg durch den Wald kam ihnen diesmal viel kürzer vor, weil ihre Herzen so warm und mit Freude erfüllt waren. Als Tilo schließlich in seinem gemütlichen und weich gepolsterten Bau lag, dachte er noch einmal an den leuchtenden See zurück.
Er wusste nun ganz genau, dass Träume etwas sehr Kostbares sind, die unsere ganze Welt jeden Tag ein Stückchen schöner machen. Draußen vor der Höhle fielen leise und lautlos die ersten echten Schneeflocken vom dunklen, weiten Nachthimmel herab auf die Erde.
"Gute Nacht, du kleiner magischer See, und danke für das wunderbare Geheimnis." murmelte Tilo leise, bevor er tief und fest einschlief und von bunten Farben träumte.




