Wenn Mut wie Zuckerwatte schmeckt - eine Geschichte über Mut
- Michael Mücke

- 4. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Es war einmal ein kleiner Junge namens Lino, der in einem malerischen Dorf am Rande eines geheimnisvollen Waldes lebte. Das Dorf war von bunten Blumen gesäumt und die Häuser hatten spitze Dächer, die in den Himmel ragten, als wollten sie die Wolken berühren. Jeden Tag spielte Lino mit seinen Freunden in den weiten Feldern, wo sie Fangen spielten und Schmetterlinge jagten.
Doch immer wenn der Abend nahte und die Sonne sich langsam hinter den Hügeln versteckte, kam eine seltsame Unruhe über Lino. Denn dann, wenn der Himmel in sanften Pastelltönen erstrahlte, fühlte er sich von der Dunkelheit angezogen, die bald die Erde umhüllen würde.
Es war nicht, dass Lino wirklich Angst hatte, aber er konnte nie ganz verstehen, warum die Nacht immer so anders war als der Tag. Die Geräusche, die in der Dunkelheit auftauchten, das leise Rascheln der Bäume, das Knistern der Gräser, machten ihn nervös.
Der Mond, der hoch oben am Himmel hing und so ruhig wirkte, schien plötzlich wie ein stiller Wächter, der ihn beobachtete. Lino liebte den Tag, die Sonne und die Wärme, doch die Dunkelheit ließ ihn oft zögern.
Eines dieser Abende, als Lino sich wieder in sein Bett kuschelte und den dämmernden Himmel durch sein Fenster betrachtete, hörte er ein leises Klopfen. Es war nicht das gewöhnliche Klopfen der Äste, die gegen das Fenster schlugen, sondern ein zartes, melodisches Klopfen, das direkt aus der Nacht zu kommen schien. Verwundert stand er auf, öffnete das Fenster und beugte sich hinaus.
Dort, auf der Fensterbank, saß ein kleiner Vogel mit glänzenden, schillernden Federn. Der Vogel hatte die Farbe von Silber und Gold, und in seinen Augen schimmerte ein geheimnisvoller Glanz.
„Komm mit mir, Lino,“ piepste der Vogel mit einer Stimme, die wie das Singen eines Baches klang. „Ich werde dir zeigen, wie die Nacht schmeckt.“
Lino war verwirrt, aber auch neugierig. „Die Nacht schmeckt?“ fragte er, doch der Vogel nickte nur und flatterte fröhlich in den Himmel. Es war ein magischer Moment, als Lino hinter dem Vogel herflog, der sanft durch den Wind glitt und sich immer wieder in rasanten Bögen drehte.
Der kleine Junge vergaß alles um sich herum und folgte dem Vogel in die weite, stille Nacht. Sie flogen über die Dächer der Häuser, die wie kleine Kisten in der Ferne aussahen, und über den Wald, der sich in der Dunkelheit wie ein riesiges, unendliches Meer aus Bäumen ausbreitete.
Bald erreichten sie eine Lichtung, die von sanften, silbernen Lichtern erleuchtet wurde. Es war ein Ort, den Lino noch nie gesehen hatte, wunderschön und geheimnisvoll. In der Mitte der Lichtung wuchsen riesige Blumen, die in allen Farben des Regenbogens schimmerten, doch statt Blüten hatten sie Zuckerwatte, die in sanften, fluffigen Wolken aus den Blumen strömte. Der Duft von Vanille und Honig lag in der Luft, und alles um Lino herum wirkte wie ein Traum.
„Das hier ist der Ort, an dem der Mut wächst“, sagte der Vogel mit einem Lächeln und setzte sich auf eine der Blumen. „Schau, wie die Zuckerwatte wächst. Sie ist weich und süß, und so wie sie in den Himmel steigt, wächst auch der Mut. Manchmal braucht es nur eine kleine Portion, um zu erkennen, dass du alles schaffen kannst.“
Lino trat näher und betrachtete die Zuckerwatte, die in großen, weichen Wolken emporwuchs. „Mut wächst hier?“ fragte Lino und sah zu dem Vogel. „Aber wie?“
„Es ist ganz einfach“, sagte der Vogel und flatterte um Lino herum.
„Mut schmeckt süß, genau wie die Zuckerwatte. Du musst nur glauben, dass du mehr kannst, als du denkst. Manchmal fühlt sich der Mut an wie eine sanfte Brise, die dich anhebt, oder wie das weiche Gefühl von Zuckerwatte auf der Zunge – süß, zart und ein wenig unerwartet.“
Lino fühlte sich neugierig und nahm ein kleines Stück der Zuckerwatte. Es schmolz sofort auf seiner Zunge, hinterließ ein warmes Gefühl, das sich wie eine Umarmung anfühlte.
Es war, als ob etwas in ihm wuchs, ein sanftes, wohltuendes Gefühl, das ihm sagte, dass er mutiger war, als er je gedacht hatte. „Es ist wirklich süß“, sagte Lino und strahlte. „Aber ist Mut immer so süß?“
Der Vogel nickte, und seine Augen funkelten. „Ja, Mut ist oft süß, auch wenn er manchmal in anderen Formen kommt. Er kann sich wie der Duft von frischen Blumen oder der Klang eines fröhlichen Liedes anfühlen. Manchmal wird er leise, fast unsichtbar, und manchmal wird er laut, wie der Wind, der über die Wiesen zieht. Aber er ist immer da, wenn du ihn brauchst.“
Lino stand auf und fühlte sich plötzlich anders. Der ganze Garten, die Blumen, die in der Nacht leuchteten, die weiche Zuckerwatte, all das war nicht nur ein Bild aus seiner Fantasie. Es war real, und es war ein Teil von ihm.
„Ich glaube, ich kann jetzt alleine in die Nacht gehen“, sagte er mit einem Lächeln, das tief aus seinem Herzen kam. „Ich werde Mut finden, wann immer ich ihn brauche.“
Der Vogel nickte zufrieden und flog ein kleines Stück voraus, als wollte er Lino den Weg zurück zeigen. Sie flogen noch eine Weile über den nächtlichen Wald, und Lino bemerkte, dass die Dunkelheit nicht mehr beängstigend war. Sie war voller Abenteuer, voller Geheimnisse und voller Magie.
Als der Morgen langsam heraufzog und der erste Sonnenstrahl den Horizont berührte, wusste Lino, dass er den Mut in sich gefunden hatte. Er hatte gelernt, dass die Nacht genauso viel Schönheit und Freude bringen konnte wie der Tag.
Und er wusste, dass er immer einen kleinen Teil von diesem Mut bei sich tragen würde, süß, wie Zuckerwatte, und so stark wie der Wind.
„Danke, Vogel“, flüsterte Lino, als er sich von seinem neuen Freund verabschiedete. Der Vogel nickte und flog in den frühen Morgen, als wäre er nie da gewesen. Lino kehrte nach Hause zurück und kroch in sein Bett.
Die süßen, magischen Erinnerungen an die Nacht begleiteten ihn in den Schlaf, und als er die Augen schloss, wusste er, dass er keine Angst mehr vor der Dunkelheit hatte.
Von nun an würde er die Nacht mit den gleichen freudigen Augen betrachten wie den Tag, immer bereit für neue Abenteuer, die mit einem Lächeln und einem Hauch von Zuckerwatte begonnen werden konnten. Und so schlief Lino ein, träumte von den funkelnden Sternen und der süßen Zuckerwatte, die in der Dunkelheit wuchs.




