Kalli Kugelfisch und das neue Korallenriff - eine fantastische Unterwassergeschichte
- Michael Mücke

- 15. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Es war eine stillen Abendstunde, in der das Meer langsam dunkler wurde und die Wellen wie sanfte Atemzüge wirkten. Kalli Kugelfisch schwebte gemächlich zwischen hohen Seegrasfeldern hindurch, während winzige Sandwolken hinter ihm aufstiegen und wieder sanken.
Er mochte die langen Schatten, die sich am Meeresboden ausbreiteten, weil sie das Gefühl von Tiefe und Ruhe erzeugten. Die letzten Lichtflecken des Tages glitten wie wandernde Muster über seine runden Flossen, und er spürte, wie eine wohltuende Müdigkeit seine Gedanken streifte.
Als er einen besonders großen Seegrasbüschel umrundete, entdeckte er Tari, die Meerjungfrau, die ruhig auf einem breiten Felsen saß und mit der Hand über das Wasser strich. Kleine Fische folgten ihren Fingern und ließen leuchtende Spuren zurück. Tari wandte sich um, entdeckte Kalli und rief fröhlich „Komm her zu mir, ich möchte dir etwas Wundervolles zeigen“.
Ihre Stimme klang warm und glasklar, und Kalli spürte sofort eine steigende Neugier, die ihm einen leichten Schub gab. Er schwamm näher, während Tari elegant ins Wasser tauchte und sich mit fließenden Bewegungen entfernte.
Kalli folgte ihr durch einen breiter werdenden Felsenkanal, dessen Wände glatte Bahnen und verwitterte Linien trugen, als hätten sie selbst Geschichten zu erzählen. Der Kanal wurde immer dunkler, doch das Wasser blieb angenehm ruhig und fühlte sich fast schützend an.
Kalli fragte vorsichtig „Wie weit müssen wir noch schwimmen?“, und Tari antwortete „Wir sind ganz nah, du musst nur weiter mit mir kommen“. Ihre Stimme hallte leise an den Felswänden wider und machte den Weg fast feierlich.
Nach einigen weiteren Schwimmzügen öffnete sich der Kanal plötzlich zu einer großen Senke, über der ein hoher Felsenrand wie ein natürliches Amphitheater lag.
Der Grund war zunächst kaum zu erkennen, weil die Schatten beinahe alles verschluckten. Tari zeigte auf eine glatte Stelle am Boden und sagte „Lass uns ein wenig warten, denn der Mond steigt gleich über die obere Felskante“.
Kalli blickte nach oben und sah, wie das Wasser dort heller wurde, als würde eine silbrige Lampe langsam eingeschaltet.
In dem Moment, in dem der Vollmond vollständig über den Rand stieg, begann der Boden der Senke sich zu verändern.
Erst war es ein kaum wahrnehmbares Flimmern, doch dann breitete sich ein sanftes Wogen aus, als würde der Meeresgrund selbst aufwachen. Kalli riss die Augen auf, als ein riesiges Netz aus Korallenstrukturen sichtbar wurde, das sich zuvor im Dunkeln versteckt hatte.
Die Korallen schimmerten nicht gleichförmig, sondern wechselten ihre Farben in fließenden Übergängen, die weich und unvorhersehbar wirkten. Die Farben waren tief, kräftig, ungewöhnlich und dennoch harmonisch, und jede Struktur schien eigene Lichtadern zu besitzen, die in der Stille pulsierten.
Tari sagte leise „Diese Korallen schlafen am Tage und öffnen sich erst bei Vollmond, wenn das Licht genau im richtigen Winkel auf sie trifft“. Ihre Worte wurden von den bewegten Lichtreflexen begleitet, die über ihr Gesicht glitten. Kalli glitt näher und spürte die sanfte Wärme, die von den Korallen ausging.
Zwischen hohen Säulen und breiten Fächerformen erkannte er winzige Höhlen, aus denen feine Lichtpartikel strömten, als würden sie einen geheimen Atem besitzen.
Über einem besonders hohen Korallenturm schwebte ein Schwarm kleiner Fische mit langen schimmernden Flossen, die im Licht des Riffs wie wandernde Gläser aussahen.
Kalli beobachtete sie fasziniert und sagte „Ich wusste nicht, dass solche Lebewesen existieren“, worauf Tari antwortete „Sie zeigen sich nur hier und verschwinden wieder, sobald das Licht schwindet“.
In einer flachen Mulde am Boden bewegten sich kleine Garnelen, die von den Farbverläufen der Korallen angestrahlt wurden und dadurch wirkten, als trügen sie funkelnde Schichten auf ihrem Panzer.
Je weiter Kalli in das verborgene Riff hineinschwamm, desto klarer spürte er, dass dieses Becken mit einer ganz eigenen Stille erfüllt war.
Es war keine bedrückende Stille, sondern eine, die wie eine sanfte Decke wirkte und jede Bewegung weicher erscheinen ließ. Tari folgte ihm und sagte „Achte auf den äußeren Rand, dort findest du die ältesten Korallen“, und tatsächlich lagen dort breite und verzweigte Strukturen, deren Licht tiefer und langsamer pulsierte, als hielten sie eine uralte Geschichte fest.
Kalli entdeckte kurze Zeit später einen schmalen Spalt in einer Felswand, durch den ein dünner Strahl Mondlicht fiel. Der Strahl traf auf einen Korallenbogen, der daraufhin einen seidigen Schimmer erzeugte, der sich wie ein Schleier über die gesamte Umgebung legte.
Er fragte „Warst du oft hier, Tari?“, und sie antwortete „Nur selten, weil der richtige Zeitpunkt schwierig zu finden ist und das Leuchten sehr empfindlich auf Störungen reagiert“.
Kalli verstand, dass dieses Riff nur wenige Besucher kannte und seine Schönheit daher fast unberührt geblieben war.
Während sie weiter durch die schimmernde Landschaft glitten, sah Kalli plötzlich eine Reihe ganz feiner, fast durchsichtiger Röhrenkorallen, die im Rhythmus der Wasserströmung schaukelten. Ihre Bewegungen wirkten präzise und dennoch weich, als würden sie einer unsichtbaren Melodie folgen.
Tari zeigte auf sie und sagte „Diese Röhren öffnen sich nur bei ruhigem Wasser und kehren sofort zurück, sobald der Mond seinen höchsten Punkt verlässt“.
Kalli beobachtete sie so lange, bis ihr Leuchten sich ein wenig abschwächte, und fragte dann „Wie lange bleibt dieses Schauspiel sichtbar?“.
Tari antwortete „Nicht mehr sehr lange, denn die Nacht vergeht schnell und das Mondlicht wandert weiter“, während sich bereits die ersten Schatten über die äußeren Korallenbereiche legten. Das Leuchten wurde nach und nach schwächer, und die Farben zogen sich in das Innere der Strukturen zurück.
Die kleinen Fische verschwanden zwischen den Spalten, und die Garnelen krochen tiefer in ihre Nischen. Schließlich sank der Mond so weit, dass nur noch ein blasser Streifen über die Felswand reichte. Das Riff wirkte nun fast wieder wie gewöhnlicher Fels, nur mit einem zarten Schimmer, der sich langsam verlor.
Kalli schwamm zu Tari und sagte „Das war einer der schönsten Orte, den ich je gesehen habe“, worauf sie leise antwortete „Es freut mich sehr, dass du dieses Riff mit mir erlebt hast“.
Gemeinsam verließen sie die Senke und kehrten durch den ruhigen Tunnel zurück. Das Wasser im äußeren Meer wirkte nun dunkler, aber gleichzeitig vertrauter, und Kalli fühlte sich angenehm schwerelos. Tari begleitete ihn bis zu seinem Lieblingsplatz neben einer großen Muschel, wo sich der Sand weich und einladend anfühlte.
Sie flüsterte zum Abschied „Schlaf gut, kleiner Freund, und bewahre die Erinnerung an das Licht“.
Kalli rollte sich in den warmen Sand, während sanfte Strömungen leise um ihn flossen und die letzten Mondflecken über seinen Rücken glitten. Er schloss die Augen, atmete tief ein und stellte sich vor, wie das geheime Riff langsam wieder zu glühen begann.
Die Bilder der schimmernden Farben begleiteten ihn, bis er schließlich friedlich einschlief und das nächtliche Meer ihn behutsam in die Traumwelt trug.




