Der Fuchs, der unbedingt einen Bären zum Spielen brauchte - eine verfuchste Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- vor 7 Stunden
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Es war einmal ein kleiner, feuerroter Fuchs namens Finn, der in einer gemütlichen Höhle unter den Wurzeln einer uralten Eiche wohnte. Sein Zuhause lag im Herzen des flüsternden Wunderwaldes, wo die Blumen nachts leuchteten und die Bäche Lieder aus reinem Silber sangen.
Finn liebte sein Heim, aber an diesem besonderen Morgen spürte er ein großes Kitzeln in seinem Bauch. Er wünschte sich einen Spielkameraden, der so richtig groß und flauschig war, damit man sich wunderbar an ihn anlehnen konnte.
"Ich brauche unbedingt einen Bären zum Spielen," rief Finn entschlossen in die kühle Morgenluft hinein. Er packte seinen kleinen Rucksack mit getrockneten Apfelspalten und einer Handvoll glitzernder Kieselsteine, die er im Bach gefunden hatte.
Der kleine Fuchs wusste genau, dass Bären hoch oben am Honigberg lebten, wo die Wolken wie Zuckerwatte an den Gipfeln hingen. Er marschierte mutig los und schnupperte mit seiner feuchten Nase an jedem Grashalm, der seinen Weg kreuzte.
Nach einer Weile erreichte er eine Brücke, die aus geflochtenen Weidenzweigen über einen tiefen Abgrund führte.
Dort saß ein blau schimmernder Schmetterling, der so groß wie ein Hut war und friedlich mit den Flügeln schlug. "Entschuldigung, lieber Schmetterling, hast du vielleicht einen Bären namens Balu gesehen?" fragte Finn höflich und legte den Kopf schief. Der Schmetterling flatterte auf und tanzte eine kleine Acht in der Luft, um dem Fuchs den richtigen Weg zu weisen.
"Folge dem Duft von wildem Thymian und den Spuren im weichen Matsch," antwortete das zarte Wesen mit einer Stimme wie feines Glockenspiel.
Finn bedankte sich und balancierte vorsichtig über die wackelige Brücke, während unter ihm ein kleiner Wasserfall fröhlich plätscherte.
Er wanderte durch ein Tal voller Riesenfarne, die so hoch wie Häuser waren und ihm angenehmen Schatten spendeten. Plötzlich hörte er ein Geräusch, das wie donnerndes Grollen klang, aber es kam nicht vom Himmel hinunter. Es war ein tiefes, zufriedenes Schnarchen, das aus einer Höhle drang, die mit weichem, grünem Moos bewachsen war.
Der kleine Fuchs schlich auf Zehenspitzen näher und sah ein gewaltiges Knäuel aus braunem Fell, das sich im Takt des Atems hob und senkte. "Bist du der große Balu, der so gerne spielt?" flüsterte Finn, während er vorsichtig an einem dicken Bärenohr zupfte. Der Bär öffnete ein Auge, das so braun wie eine Kastanie war, und gähnte so herzhaft, dass man seine weißen Zähne sehen konnte.
"Wer wagt es, mich aus meinem Mittagsschlaf zu wecken?" brummte Balu mit einer tiefen, aber sehr freundlichen Stimme. Finn erschrak kein bisschen, denn er sah das freundliche Funkeln in den Augen des riesigen Tieres sofort. "Ich bin Finn und ich suche einen Freund zum Toben und zum Klettern," erklärte der Fuchs mit stolz geschwellter Brust.
Balu setzte sich langsam auf und streckte seine gewaltigen Tatzen weit in die Höhe, bis es in seinen Gelenken leise knackte. "Ein kleiner Fuchs ist genau das, was mir an diesem sonnigen Nachmittag noch gefehlt hat," sagte der Bär und lachte so laut, dass die Blätter an den Bäumen zitterten.
Zuerst spielten die beiden ein Spiel, das Balu das Tannenzapfen-Werfen nannte und bei dem man sehr genau zielen musste. Finn war flink und wendig, sodass er fast jeden Zapfen fing, den der große Bär vorsichtig in seine Richtung warf.
"Du bist ja schneller als ein Blitz," lobte Balu seinen neuen Freund und klatschte begeistert in seine großen Hände. Danach rannten sie um die Wette zum gläsernen See, wobei Finn durch das hohe Gras schlüpfte, während Balu einfach mitten hindurch stapfte.
Am See angekommen, zeigte Balu dem Fuchs, wie man auf dem Wasser Steine hüpfen lässt, ohne die Fische zu erschrecken. Finn bewunderte die Kraft des Bären, aber er zeigte Balu dafür, wie man aus Schilf kleine Boote bastelt. "Schau nur, wie mein Schiffchen stolz über die Wellen segelt," rief der kleine Fuchs und klatschte vor Freude in seine Pfoten.
Die beiden Freunde vergaßen völlig die Zeit und genossen die gemeinsame Wärme der strahlenden Nachmittagssonne auf ihrem weichen Fell. Als es langsam Abend wurde, pflückten sie gemeinsam süße Waldhimbeeren, die an den Büschen wie kleine, rote Laternen leuchteten. Balu hob Finn mit seiner Tatze hoch, damit der Fuchs auch an die Früchte ganz oben an den Zweigen gelangen konnte.
"Zusammen sind wir ein unschlagbares Team," stellte Balu fest und stopfte sich eine riesige Portion Beeren in sein großes Maul. Finn kicherte, weil der Bär nun eine ganz rote Nase hatte und aussah wie ein lustiger Clown.
Der Wald färbte sich langsam lila und die ersten Sterne begannen am dunklen Firmament hell zu funkeln. Finn spürte, wie seine Beine müde wurden von all dem Laufen und Springen auf der großen Blumenwiese.
"Darf ich heute Nacht bei dir in deiner gemütlichen Höhle bleiben?" fragte Finn mit einer kleinen, schläfrigen Stimme. Balu nickte eifrig und bereitete ein Lager aus duftendem Heu und weichen Federn vor, die er im Wald gesammelt hatte.
Sie kuschelten sich eng aneinander und die Körperwärme des Bären fühlte sich an wie ein warmer Kachelofen im Winter. "Ich bin so froh, dass ich dich heute gefunden habe," murmelte Finn und vergrub seine Nase im dichten Fell von Balu. Der Bär brummte ein sanftes Wiegenlied, das von den Geheimnissen des Waldes und der Kraft der Freundschaft erzählte.
"Schlaf gut, kleiner Finn, denn morgen warten schon neue Abenteuer auf uns zwei," antwortete Balu ganz leise. Der Mond schien hell durch den Eingang der Höhle und warf lange Schatten auf den Boden aus festem Stein. Finn träumte bereits von fliegenden Walen und Bäumen, an denen statt Blättern bunte Bonbons wuchsen.
Er fühlte sich sicher und geborgen, denn er wusste nun, dass man niemals zu klein für einen sehr großen Freund ist. Die ganze Nacht über passte Balu auf den kleinen Fuchs auf, während die Eulen draußen ihre Lieder sangen.




