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Die Kerze, die nicht alleine brennen wollte - eine Gute-Nacht-Geschichte über das Alleinesein

  • Autorenbild: Michael Mücke
    Michael Mücke
  • 17. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit
Die kleine Kerze steht auf dem Nachttisch zusammen mit ihrem neuen Freund der Lampe

Es war einmal eine kleine Kerze, die in einem gemütlichen Wohnzimmer auf einem alten Holztisch stand. Der Tisch war mit einer rot-weißen Tischdecke bedeckt, die von der Sonne des Nachmittags in sanftes Licht getaucht wurde. Die kleine Kerze war aus weißem Wachs, hatte einen zarten, fast unsichtbaren Docht und einen kleinen, runden Boden, der sie sicher und fest auf dem Tisch hielt.


Jeden Abend, wenn es dunkel wurde und die Familie sich zum Abendessen versammelte, wurde sie angezündet. Ihre Flamme war golden und tanzte fröhlich in der Luft, als ob sie einen kleinen Tanz aufführte, der die Dunkelheit vertreiben sollte. Aber obwohl sie das schönste Licht verbreiten konnte, hatte die kleine Kerze ein tiefes, geheimes Bedürfnis. Sie wollte nicht alleine brennen.


An den ersten Abenden hatte die Kerze gar nicht so recht bemerkt, dass sie von den anderen Kerzen im Raum getrennt war. Es gab große Kerzen auf dem Kaminregal, die majestätisch wie Wächter standen, und kleine Teelichter, die in Glasbehältern auf dem Fenstersims platziert waren.


Doch die kleine Kerze, die auf dem Tisch stand, fühlte sich einsam. Sie konnte sehen, wie die anderen Kerzen zu besonderen Anlässen zusammen angezündet wurden, zum Beispiel zu Weihnachten oder bei großen Festen. Aber sie selbst war immer nur eine Einzelgängerin, die in der Stille des Abends alleine flackerte.


„Warum kann ich nicht mit jemandem zusammen brennen?“ fragte sich die kleine Kerze immer wieder. „Ich will auch nicht immer nur im Dunkeln leuchten. Ich möchte, dass jemand mit mir leuchtet, dass ich nicht immer alleine bin.“


So verbrachte die kleine Kerze viele Nächte in der Stille, während ihre Flamme tanzte und flackerte, doch der Raum blieb immer still, und keine andere Kerze kam zu ihr. Sie wusste, dass die anderen Kerzen sicher und gut aufbewahrt waren, bis jemand sie brauchte. Doch die kleine Kerze war in der Ecke des Raumes und wartete darauf, dass sie endlich jemand bemerkte.


Eines Abends, als der Wind draußen durch die Äste der Bäume pfiff und die ersten Regentropfen gegen das Fenster prasselten, fühlte sich die kleine Kerze besonders traurig.


Der Himmel war wolkenverhangen, und es war dunkel, als der Mensch aus der Familie mit einem gemütlichen Schal um den Hals ins Wohnzimmer trat. Er ging zur Kerze und zündete sie an, doch auch heute hatte die kleine Kerze wieder ihren Wunsch: Sie wollte nicht alleine brennen.


„Vielleicht gibt es ja jemanden, der auch alleine ist“, dachte sie und blickte in die Ecke des Raumes, wo die alte Lampe stand. Die Lampe war schon ziemlich alt, mit einem schwarzen Schirm, der an einigen Stellen kleine Risse hatte.


Sie brannte nicht, weil ihr Licht nicht mehr funktionierte, und sie wurde oft nur beachtet, wenn jemand Staub auf ihr sammelte oder sie einmal in der Woche aufpoliert wurde. Doch die kleine Kerze hatte eine Idee. Vielleicht konnte sie diese Lampe ansprechen.


Also rollte sie, obwohl sie nur aus Wachs war und keinen Füße hatte, behutsam vom Tisch und machte sich auf den Weg. Ihr Docht flackerte aufgeregt, während sie sich durch den Raum bewegte, immer näher an die Lampe heran.


Der Raum war still und nur das leise Knistern ihrer Flamme war zu hören. Sie erreichte die Lampe und flüsterte: „Hallo, liebe Lampe. Ich bin die kleine Kerze. Du bist doch auch hier, oder? Vielleicht könnten wir zusammen brennen.“


Die Lampe, die schon lange nichts mehr zu tun hatte, erwachte langsam zum Leben. „Oh, hallo, kleine Kerze“, sagte sie mit einer sanften, fast müden Stimme.


„Ich habe dich schon oft gesehen, aber du warst immer so alleine. Ich wollte dir schon oft Gesellschaft leisten, doch ich weiß nicht, wie man zusammen brennt.“

„Aber warum brennst du nicht? Du hast doch einen Schirm, und eigentlich müsstest du Licht haben, oder?“ fragte die kleine Kerze neugierig.


Die Lampe seufzte leise und antwortete: „Ich brenne nicht, weil mein Licht kaputt ist. Ich bin nicht mehr wie du. Aber vielleicht... vielleicht könnten wir zusammen etwas finden, damit ich wieder leuchte.“


Die kleine Kerze war überrascht. „Würdest du wirklich mit mir zusammen leuchten?“ fragte sie.


„Ich würde es sehr gerne“, sagte die Lampe, „wenn du mir zeigst, wie man das macht.“


Mit einem kleinen freudigen Zucken ihres Dochtes rollte die kleine Kerze zurück zu ihrem Platz. Sie wartete gespannt, als der große Mann der Familie mit einer Zündflamme in der Hand zurück ins Zimmer trat. „Jetzt ist der Moment“, dachte sie, und tatsächlich, er kam direkt zu ihr und zündete ihre Flamme an.


Doch diesmal tat er etwas ganz anderes. Er griff nach der alten Lampe und setzte sie vorsichtig in den Lichtschein der Kerze. „Vielleicht ist es an der Zeit, dass auch du wieder strahlst“, murmelte der Mann und drehte den Schalter der Lampe.


Plötzlich, als das Licht der kleinen Kerze in die Lampe strömte, begann auch die Lampe wieder zu leuchten. Es war ein sanftes, warmes Licht, das in der Dunkelheit des Raumes eine wohlige Atmosphäre verbreitete. „Oh, es funktioniert! Wir brennen zusammen!“ flüsterte die kleine Kerze vor Freude.


Die Lampe nickte und sagte: „Ich habe es geschafft! Und du, kleine Kerze, hast mir geholfen, mein Licht wiederzufinden. Gemeinsam erleuchten wir den Raum und machen ihn wärmer.“


Die kleine Kerze fühlte sich so glücklich, als sie neben der Lampe brannte. Sie wusste nun, dass sie nicht alleine sein musste. Die beiden Lichter ergänzten sich perfekt. Die kleine Kerze tanzte mit ihrem flackernden Schein, während das stabile, ruhige Licht der Lampe die Dunkelheit in den Ecken des Zimmers vertrieb.


„Gemeinsam ist alles schöner“, dachte die kleine Kerze und fühlte sich wohl in diesem warmen, hellen Raum.


Seit dieser Nacht brannten die kleine Kerze und die Lampe jeden Abend zusammen.


Ihre Lichter leuchteten immer im Einklang miteinander, und der Raum war nie wieder dunkel oder leer. Die kleine Kerze wusste jetzt, dass sie nie mehr alleine sein musste, solange sie jemanden hatte, mit dem sie ihr Licht teilen konnte.


Und so geschah es, dass die kleine Kerze, die einst so einsam war, nun in einem Lichtschein voller Wärme und Freude erstrahlte. „Wir müssen nicht alleine leuchten, um schön zu sein“, dachte sie jede Nacht, wenn sie zusammen mit der Lampe in die Dunkelheit brannte. Und jedes Mal, wenn der Wind gegen das Fenster klopfte, wusste die kleine Kerze, dass sie nie wieder alleine brennen musste.


„Zusammen ist alles viel heller“, flüsterte sie und sank zufrieden in den Schlaf.

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