Wie Claudia und Giann den größten Regenbogen der Stadt jagten - eine bunte Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- 8. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Es war ein ganz besonderer Dienstagnachmittag in der kleinen Stadt Sonnenstein, als der Himmel plötzlich beschloss, Theater zu spielen. Während die dicke, goldene Sonne noch hell am Horizont leuchtete, begannen dicke, silberne Regentropfen leise gegen die Fensterscheiben zu klopfen.
Claudia und ihr kleiner Bruder Giann saßen auf dem weichen Teppich im Kinderzimmer und beobachteten das Spektakel durch das Glas. Plötzlich spannte sich ein riesiges Band aus leuchtenden Farben direkt über ihr Haus, als hätte jemand mit einem gigantischen Pinsel bunte Marmelade an den Himmel gestrichen.
Claudia sprang auf und rief voller Begeisterung, "Giann, schau dir das an, das ist der größte Regenbogen, den ich jemals gesehen habe."
Giann drückte seine Nase platt an die Scheibe und seine Augen wurden vor Staunen ganz groß. Er flüsterte leise, "Meinst du, wir können ihn anfassen, wenn wir ganz schnell rennen."
Claudia lachte und holte bereits ihre gelben Gummistiefel aus dem Schrank, während sie antwortete, "Wir werden ihn nicht nur anfassen, wir werden ihn jagen und das Ende finden."
Die beiden Kinder schlüpften in ihre bunten Regenjacken und rannten in den Garten, wo die Luft herrlich nach frischer Erde und Abenteuer roch. Der Regenbogen wirkte so nah, dass man fast meinen könnte, man müsse nur die Leiter aus der Garage holen, um hinaufzuklettern.
Sie liefen an den bellenden Nachbarshunden vorbei und bogen in den kleinen Stadtpark ein, wo die alten Eichen wie schlafende Riesen im sanften Regen standen.
"Dort hinten verschwindet das rote Ende hinter dem Eismann," rief Giann und zeigte mit seinem kleinen Finger auf den fernen Hügel. Sie rannten über die nassen Wiesen und ihre Stiefel machten lustige Klatschgeräusche im Matsch.
Plötzlich bemerkten sie, dass die Farben des Regenbogens anfingen zu glitzern und kleine, funkelnde Partikel wie Sternenstaub auf den Boden rieselten. Claudia streckte ihre Hand aus und ein violetter Funke landete direkt auf ihrer Nasenspitze, was sie zum Niesen brachte.
"Das ist kein normaler Regenbogen, das ist eine Zauberbrücke aus Licht," sagte sie mit einer Stimme voller Ehrfurcht.
Je weiter sie liefen, desto wunderlicher veränderte sich die Stadt um sie herum. Die grauen Pflastersteine begannen in allen Farben zu leuchten und die Pfützen sahen aus wie kleine Portale in eine andere Welt.
Ein kleiner Spatz landete auf Gianns Schulter und zwitscherte so fröhlich, als wollte er ihnen den rechten Weg weisen. "Folgt dem gelben Licht, dort wartet das Geheimnis auf euch," schien der kleine Vogel sagen zu wollen.
Die Kinder kletterten über eine kleine Steinmauer und fanden sich plötzlich auf einer Lichtung wieder, die sie noch nie zuvor gesehen hatten. In der Mitte der Lichtung stand ein alter Brunnen, aus dem kein Wasser, sondern flüssiges Sonnenlicht zu fließen schien.
Das Ende des riesigen Regenbogens tauchte direkt in diesen Brunnen ein und färbte alles in ein warmes, weiches Leuchten. Giann ging vorsichtig einen Schritt näher und fragte leise, "Glaubst du, da unten wohnt ein echter Schatz."
Claudia nahm seine Hand und antwortete mutig, "Der Schatz ist vielleicht nicht aus Gold, aber er ist sicher magisch."
Als sie in den Brunnen blickten, sahen sie keine Münzen, sondern tausende kleine Seifenblasen, die nach Erdbeeren und Abenteuern dufteten. Jede Blase enthielt eine schöne Erinnerung oder einen lustigen Traum, den die Kinder der Stadt einmal geträumt hatten.
Der Regenbogen saugte diese Träume auf und verteilte sie als bunte Farben am weiten Himmelszelt. Claudia lachte und versuchte eine der Blasen zu fangen, die sofort zerplatzte und einen sanften Glitzerregen hinterließ.
"Wir haben das Herz des Regenbogens gefunden und es ist wunderschön," rief sie glücklich in die kühle Luft hinaus. Giann wirbelte im Kreis und seine blaue Jacke leuchtete im Widerschein der vielen Farben fast violett. Doch so schnell wie der Zauber gekommen war, begann das Licht nun langsam schwächer zu werden.
Die Sonne sank tiefer hinter die Berge und der Regenbogen verblasste zu einem zarten Pastellton. "Komm schnell nach Hause, bevor es ganz dunkel wird," mahnte Claudia ihren Bruder sanft an.
Auf dem Rückweg fühlten sich ihre Beine schwer an, aber ihre Herzen waren leicht wie kleine Federn. Die Stadt sah wieder ganz normal aus, doch die beiden wussten nun, welches Geheimnis sich hinter dem Regen verbarg.
Als sie die Haustür erreichten, wartete ihre Mutter bereits mit zwei Tassen heißem Kakao und kuscheligen Decken auf sie. Sie blickte auf die schlammigen Stiefel und fragte lächelnd, "Na, habt ihr den Regenbogen eingeholt oder ist er euch entwischt."
Giann nahm einen großen Schluck von seinem Kakao und antwortete mit einem geheimnisvollen Grinsen, "Wir haben ihn nicht nur eingeholt, wir haben mit seinen Träumen gespielt."
Claudia kuschelte sich eng an ihren Bruder und flüsterte ihm zu, dass sie morgen wieder auf Entdeckungsreise gehen würden. Draußen am schwarzen Nachthimmel leuchteten nun die ersten Sterne und schienen den beiden Abenteurern zuzuzwinkern.
Es war die schönste Jagd ihres Lebens gewesen und in ihren Träumen ritten sie noch lange auf den bunten Farben über die schlafende Stadt.




