Luna, das erste Einhorn - eine magische Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- 7. Jan.
- 5 Min. Lesezeit

Vor langer Zeit, als die Welt noch ganz jung war und die Farben der Blumen viel kräftiger leuchteten als heute, gab es einen Wald namens Silbermondwald. In diesem Wald lebten viele Tiere, die alle miteinander sprachen und sich gegenseitig halfen. Doch unter all den Hirschen, Hasen und Vögeln gab es ein ganz besonderes Fohlen namens Luna.
Luna sah fast aus wie ein kleines Pferd, aber ihr Fell war so weiß wie der frisch gefallene Schnee im Winter und ihre Augen glitzerten wie kleine Saphire. Eines Abends stand Luna auf einer großen Wiese und schaute hinauf zum runden Vollmond. Ihre Mutter kam leise zu ihr und flüsterte ihr sanft ins Ohr.
"Heute ist eine ganz besondere Nacht für dich, mein liebes Kind." Luna wunderte sich über diese Worte und fragte neugierig nach.
"Was meinst du damit, liebe Mutter?" Die Mutter lächelte und erklärte ihr, dass Luna dazu bestimmt sei, etwas ganz Wunderbares zu erleben.
In dieser Nacht konnte Luna vor Aufregung kaum schlafen und spazierte alleine tiefer in den Wald hinein. Überall schwebten kleine Glühwürmchen umher und leuchteten ihr den Weg wie kleine Laternen.
Plötzlich hörte sie ein leises Weinen hinter einem alten, dicken Baumstamm. Dort saß ein kleiner Sternenstaubelf, der seinen glitzernden Zauberstab verloren hatte. Luna trat vorsichtig näher und fragte mit ihrer sanften Stimme. "Warum bist du so traurig, kleiner Freund?"
Der Elf schaute auf und antwortete mit zittriger Stimme. "Ich habe meinen Stab im tiefen Gras verloren und ohne ihn kann ich die Blumen nicht zum Träumen bringen."
Luna versprach sofort zu helfen und suchte mit ihren scharfen Augen den Boden ab. Nach einer Weile entdeckte sie etwas, das silbrig im Mondlicht funkelte. Sie hob den Stab vorsichtig auf und reichte ihn dem dankbaren Elf.
Der kleine Elf freute sich so sehr, dass er einen Freudentanz aufführte und Luna ein Geheimnis verriet. "Gehe zum See der Träume, denn dort wartet das Licht der Sterne auf dich." Luna folgte dem Rat des Elfen und lief galoppierend durch den Farn bis zum Ufer eines kristallklaren Sees.
Das Wasser war so ruhig wie ein Spiegel und reflektierte den gesamten Nachthimmel. Als sie ihren Kopf über das Wasser beugte, geschah etwas Magisches. Ein heller Strahl aus purem Sternenlicht fiel direkt vom Himmel herab und berührte Lunas Stirn.
Es kribbelte und kitzelte ganz fürchterlich, aber es fühlte sich auch warm und wunderschön an. Ein weises Eichhörnchen, das auf einem Ast über ihr saß, rief laut nach unten. "Schau dir nur dein Spiegelbild im Wasser an, kleines Wunderwesen."
Luna blickte in den See und traute ihren Augen kaum. Mitten auf ihrer Stirn war ein wunderschönes, spiralförmiges Horn gewachsen, das in allen Farben des Regenbogens schimmerte. Sie war nun kein gewöhnliches Fohlen mehr, sondern das allererste Einhorn dieser Welt. Luna genoss den weichen Boden unter ihren Hufen, während sie stolz ihr neues, schimmerndes Horn in der kühlen Nachtluft trug.
Das Licht ihres Horns war so sanft wie der Schein einer Kerze und tauchte die Umgebung in ein beruhigendes Pastellblau. Sie bemerkte bald, dass jeder ihrer Schritte kleine, leuchtende Blumen aus dem Boden sprießen ließ, die herrlich nach Vanille und frischem Regen dufteten.
Der kleine Sternenstaubelf, der Luna immer noch begleitete, hüpfte aufgeregt auf ihrer Schulter auf und ab. "Du musst unbedingt die alte Weide am Ende des Tals besuchen, denn sie braucht heute deine Hilfe."
Luna zögerte keinen Moment und trabte los, wobei ihr weißes Fell im Wind wie flüssiges Silber aussah. Als sie bei der alten Weide ankam, sah sie, dass die langen Äste des Baumes ganz schlaff und grau herunterhingen.
Ein kleiner blauer Vogel saß traurig im Geäst und zwitscherte ganz leise vor sich hin. "Die Quelle des Lebens ist versiegt und die Weide hat keinen Durst mehr auf das normale Wasser."
Luna verstand sofort, dass hier nur die Magie eines Einhorns helfen konnte, um den Baum zu retten. Sie trat ganz nah an den knorrigen Stamm heran und berührte die rissige Rinde vorsichtig mit der Spitze ihres glühenden Horns.
Ein goldener Funkenregen ergoss sich über den Baum und augenblicklich begannen die Blätter wieder in einem satten Grün zu leuchten. Die Weide schüttelte ihre Zweige und flüsterte mit einer Stimme, die wie das Rascheln von Laub klang. "Danke dir, edles Wesen, du hast den Geist des Waldes wieder zum Leben erweckt."
Luna fühlte eine tiefe Freude in ihrem Herzen und wollte noch mehr über ihre neuen Fähigkeiten lernen. Sie lief weiter zu einem verborgenen Wasserfall, wo die Wassertropfen wie Diamanten durch die Luft wirbelten.
Dort traf sie auf eine Gruppe von scheuen Waldrehen, die sich erst nicht trauten, aus dem Gebüsch zu kommen. Luna senkte ihren Kopf und sprach mit einer Stimme, die so klar wie eine Glocke klang.
"Habt keine Angst vor mir, denn ich bin hier, um den Frieden im Wald zu bewahren." Die Rehe kamen näher und staunten über das prächtige Horn, das nun in einem sanften Violett leuchtete.
Sie spielten gemeinsam Fangen auf der Lichtung, während Luna mit ihrem Horn bunte Seifenblasen in die Luft zauberte. Jede dieser Blasen enthielt ein schönes Bild von einer glücklichen Erinnerung, die die Tiere zum Lachen brachte.
Plötzlich verdunkelte sich der Himmel ein wenig, weil eine kleine Wolke den Mond verdeckte, und es wurde etwas kühler. Ein kleiner Igel, der gerade seinen Wintervorrat suchte, zitterte vor Kälte in seinem stacheligen Kleid. Luna kniete sich nieder und hüllte den kleinen Kerl in das warme Licht, das von ihrem ganzen Körper ausging.
"Komm ganz nah zu mir, kleiner Freund, und wärme dich an meiner Magie." Der Igel kuschelte sich dankbar in das weiche Fell an Lunas Beinen und schlief augenblicklich ein.
In diesem Moment begriff Luna, dass ihre größte Kraft nicht im Zaubern lag, sondern in der Güte, die sie anderen schenkte. Der Waldgeist, der in einer alten Eiche wohnte, sprach mit tiefer und gütiger Stimme zu ihr. "Du bist nun die Hüterin des Lichts und der Träume für alle Wesen hier."
Nachdem der Igel sicher in seinem Bau verschwunden war, machte sich Luna auf den Rückweg zu ihrer Familie. Die Mutter war gar nicht überrascht, sondern schaute Luna voller Liebe an. "Ich habe immer gewusst, dass du zu etwas Höherem bestimmt bist."
Von diesem Tag an wachte Luna über den Silbermondwald und sorgte dafür, dass jedes Kind und jedes Tier friedlich schlafen konnte. Wenn man heute in einer klaren Nacht ganz genau hinsieht, kann man manchmal einen silbernen Schimmer zwischen den Bäumen entdecken.
Das ist Luna, das erste Einhorn, das immer noch über unsere Träume wacht. Sie flüstert jedem schlafenden Wesen eine ganz besondere Botschaft zu. "Schlafe nun tief und träume von den Wundern dieser Welt." Mit diesem wohligen Gefühl im Herzen legte sich Luna im weichen Moos nieder und schloss ihre Augen für eine ruhige Nacht.




