Der schüchterne Fuchs und der nächtliche Regenbogen - eine bunte Vorlesegeschichte
- Michael Mücke

- 28. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Es war einmal ein kleiner, schüchterner Fuchs, der in einem schönen Wald lebte. Der Wald war voller hoher Bäume, bunter Blumen und geheimnisvoller Wege, die nur die mutigsten Tiere kannten. Der Fuchs hieß Finley, und obwohl er so gerne neue Dinge entdeckte, hatte er oft Angst, sich in der großen, weiten Welt umzusehen.
Eines Abends, als die Sonne gerade hinter den Bäumen verschwand und der Himmel in sanften Orangetönen leuchtete, saß Finley auf seinem Lieblingsplatz. Es war ein kleiner Hügel, von dem aus er alles im Wald sehen konnte.
Der Wind strich durch die Blätter, und das Zwitschern der Vögel wurde immer leiser. Doch heute war etwas anders. Der Himmel war nicht nur orange, sondern schimmerte auch in allen möglichen Farben. Finley konnte kaum glauben, was er sah.
„Was ist das für ein Licht?“, flüsterte Finley leise zu sich selbst. Noch nie hatte er so einen Himmel gesehen. Der Wald schien im sanften Glanz zu baden, und überall glitzerten die Wassertropfen der Blumen im Licht. Ein besonders schöner Glanz strahlte von einem großen, alten Baum, der ganz in der Nähe stand.
Neugierig machte sich Finley auf den Weg dorthin. Der Boden unter seinen Pfoten war weich, und der Duft von feuchtem Moos lag in der Luft. Der Himmel wurde dunkler, und die ersten Sterne begannen zu funkeln.
Doch der besondere Glanz des Baumes war immer noch zu sehen. Als er näher kam, bemerkte er, dass der Baum selbst von einem geheimnisvollen Licht umgeben war, das von den Wolken oberhalb herabstrahlte.
„Was passiert hier?“, murmelte der Fuchs und schaute vorsichtig nach oben.
Zu seiner Überraschung sah er, dass die Wolken nicht wie gewöhnlich aussahen. Sie waren nicht grau oder weiß, sondern in allen Farben des Regenbogens, und sie bewegten sich so sanft, als ob sie mit ihm sprechen wollten.
Der Baum, der nun in all seinen leuchtenden Farben erstrahlte, schien zu flimmern und sich im Takt der Farben zu wiegen. Finley wusste, dass er etwas ganz Besonderes entdeckt hatte. Der kleine Fuchs setzte sich unter den Baum und schaute gebannt nach oben.
„Wie schön ist das!“, sagte er in einem staunenden Flüsterton. Noch nie hatte er so etwas Wundervolles gesehen. Der ganze Himmel schien sich zu bewegen, und die Farben tanzten miteinander, als ob sie ein großes, wunderschönes Geheimnis teilten.
Plötzlich hörte Finley ein leises Geräusch hinter sich. Er drehte sich erschrocken um und sah eine kleine, leuchtende Eule, die auf einem Ast saß. Ihre Federn glitzerten im Licht, und ihre Augen funkelten freundlich.
„Hallo, kleiner Fuchs!“, rief die Eule mit einer sanften Stimme. „Ich habe dich hier noch nie gesehen. Bist du auf einem Abenteuer?“
Finley, der sich normalerweise nicht traute, mit anderen Tieren zu sprechen, fühlte sich in diesem Moment ganz ruhig. Die Eule strahlte eine Wärme aus, die ihn beruhigte. „Ich… ich habe den Baum gesehen und wollte wissen, was passiert“, stotterte er schüchtern.
Die Eule nickte weise und sagte: „Dieser Baum ist der Baum der Farben. Er zeigt uns, wie der Himmel in dieser besonderen Nacht zum Leben erwacht. Die Farben, die du siehst, sind die Träume der Tiere, die in diesem Wald leben.“
Finley blickte verwirrt auf den Baum. „Träume der Tiere?“, fragte er neugierig.
„Ja“, sagte die Eule. „Jedes Mal, wenn die Nacht kommt, träumen die Tiere von den Dingen, die sie am meisten lieben. Und in dieser besonderen Nacht, wenn der Regenbogen sich am Himmel zeigt, ist der Baum der Ort, an dem all diese Träume zusammenkommen.“
Finley dachte darüber nach und sah dann wieder den leuchtenden Baum. „Das ist so wunderschön“, flüsterte er.
Die Eule nickte und erklärte weiter: „Manchmal ist es schwer, die eigenen Träume zu erkennen, aber wenn du ganz genau hin siehst, kannst du sie in den Farben des Himmels entdecken. Sie sind immer da, du musst nur lernen, sie zu sehen.“
Finley schloss für einen Moment die Augen und atmete tief ein. Er fühlte sich plötzlich ganz ruhig, als ob die Farben des Himmels ihn mit etwas Besonderem füllten. „Ich werde darauf achten“, sagte er schließlich. „Ich möchte meine eigenen Träume entdecken.“
Die Eule lächelte, und mit einem sanften Flügelschlag flog sie davon, um den anderen Tieren im Wald zu helfen. Finley saß noch lange unter dem Baum und betrachtete den Regenbogenhimmel, der sich langsam in die Nacht verwandelte. Die Farben begannen zu verblassen, aber der Glanz in Finleys Augen blieb.
In dieser Nacht, als der Fuchs in seinem kleinen Bau schlief, träumte er von all den wunderschönen Dingen, die er im Wald gesehen hatte. Er träumte von leuchtenden Sternen und sanften Winden. Und als er am nächsten Morgen aufwachte, wusste er, dass er die Welt mit neuen Augen sehen würde.
Und von diesem Tag an, wann immer der Regenbogen am Himmel erschien und der Baum der Farben erstrahlte, wusste Finley, dass er immer wieder nach den Träumen suchen konnte, die ihn umgaben. Sie waren da, in jeder Blume, in jedem Baum und in jedem leisen Windhauch. Und das wusste der kleine Fuchs: Träume sind immer da, man muss nur lernen, sie zu erkennen.




