Das verstecke Dorf der Gnome - eine bunte Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- vor 2 Stunden
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Tief im Herzen des uralten Waldes, dort wo die Farne so hoch wie Kirchtürme wachsen und das Moos weicher als jedes Daunenkissen ist, lag ein Ort, den kaum ein Mensch jemals gesehen hat. Man nannte ihn das versteckte Dorf der Gnome, eine winzige Siedlung aus umgedrehten Kürbissen und hohlen Baumstämmen, die im sanften Licht von abertausenden Glühwürmchen schimmerte.
Hier lebten die Gnome in vollkommener Harmonie mit der Natur und jeder von ihnen war auf seine ganz eigene, herrlich verrückte Weise ein echtes Original. Da war zum Beispiel der Gnom namens Kiesel, der stets eine viel zu große Brille aus poliertem Libellenglas auf der Nase trug und der fest davon überzeugt war, dass Steine eigentlich nur sehr langsame Haustiere sind.
Eines Morgens kitzelte ein frecher Sonnenstrahl die Nasenspitze von Kiesel, woraufhin er laut niesen musste und fast von seinem Bett aus Pusteblumen gefallen wäre. Kiesel rieb sich die Augen und rief laut durch sein kleines Fenster: "Wacht auf, ihr Schlafmützen, die Sonne putzt sich schon die Zähne und der Wald wartet auf uns!"
Sofort kam Leben in das bunte Dorf und überall öffneten sich kleine Türen, die aus bunt bemaltem Pappelholz gefertigt waren. Heraus stolperte Brombeere, eine Gnomin mit knallrosa Haaren, die so wild abstanden, als hätte sie gerade in eine Zitrone gebissen. Brombeere war die offizielle Tierflüsterin des Dorfes und trug immer eine Tasche voller getrockneter Beeren und glitzerndem Sternenstaub bei sich.
Sie traf auf dem Marktplatz den dicken Gnom namens Kuller, der gerade versuchte, auf einem runden Kieselstein zu balancieren, was natürlich gründlich schiefging und in einem lauten Lachen endete. Kuller klopfte sich den Staub von seiner grünen Hose und sagte vergnügt: "Heute ist ein großartiger Tag, um den Eichhörnchen beim Nüsse sortieren zu helfen, bevor sie wieder alles vergessen!"
Plötzlich hörten die Gnome ein seltsames Geräusch, das wie ein verstopftes Abflussrohr klang, aber eigentlich das traurige Schluchzen eines Dachses war. Der alte Dachs namens Grimbart saß vor seinem Bau und hielt sich verzweifelt die Pfoten vor das Gesicht, weil sein wichtigster Vorratsschrank klemmte.
Die Gnome eilten sofort herbei und Kuller schleppte einen riesigen Eimer voll glitschigem Schneckenschleim an, um die Scharniere wieder gängig zu machen. Kiesel untersuchte das Schloss mit einer Lupe aus getrocknetem Harz und stellte fest, dass sich lediglich ein kleiner Kieselstein darin verkeilt hatte. Er klopfte vorsichtig gegen das Holz und sagte mit tiefer Stimme: "Keine Sorge alter Freund, wir knacken diese Nuss schneller als ein hungriger Specht den Baumstamm bearbeitet!"
Mit einem lauten Quietschen sprang die Tür auf und hunderte von goldgelben Maiskörnern rollten den Hügel hinunter, was Grimbart sofort wieder ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Die Gnome halfen dem Dachs den ganzen Vormittag lang beim Aufräumen und bekamen zum Dank eine Handvoll süßer Wurzeln geschenkt.
Doch kaum war diese Arbeit erledigt, da flatterte ein völlig aufgelöster Buntspecht herbei und landete direkt auf Kiesels großer Brille. Der Vogel pickte aufgeregt in der Luft herum und zwitscherte so schnell er konnte: "Der Wasserfall ist verstummt und der kleine Froschteich trocknet langsam aus, wir brauchen eure Hilfe!"
Die Gnome packten sofort ihre Werkzeuge aus geflochtenem Weidenbast zusammen und marschierten im Gänsemarsch in Richtung des großen Wasserfalls am Ende des Tals. Dort angekommen sahen sie das Unglück, denn ein dicker, morscher Baumstamm war direkt in den schmalen Wasserlauf gestürzt und blockierte den Fluss.
Brombeere pfiff einmal kurz auf ihren Fingern und augenblicklich kamen dutzende von fleißigen Waldameisen aus ihren Verstecken unter dem Laub hervor. Sie bildeten eine lange Kette und halfen den Gnomen dabei, den schweren Stamm mit Hebeln aus Birkenholz Millimeter für Millimeter zur Seite zu schieben.
Kuller schwitzte so sehr, dass sein roter Bart ganz nass wurde, aber er gab nicht auf und feuerte alle Helfer lautstark an: "Noch ein kleines Stückchen ihr tapferen Helden, dann fließt das kühle Nass wieder in das Tal der Frösche!"
Mit einem gewaltigen Ruck löste sich die Blockade und das Wasser schoss mit lautem Getöse zurück in sein altes Bett, was eine Fontäne aus glitzernden Tropfen verursachte. Die kleinen Frösche am Ufer machten Freudensprünge und quakten so laut sie konnten, während sie im Schlamm herumtollten und das frische Wasser genossen.
Die Gnome waren mittlerweile von oben bis unten nass gespritzt und sahen aus wie kleine, bunte Wassergeister mit ihren tropfenden Zipfelmützen. Brombeere lachte so herzlich, dass sie Schluckauf bekam und sich den Bauch halten musste, während sie das Spektakel beobachtete. Sie schaute zu Kiesel und rief über das Rauschen des Wassers hinweg: "Das war die beste Dusche, die wir in diesem warmen Sommer jemals bekommen konnten!"
Auf dem Rückweg ins Dorf kamen sie an einer alten Eiche vorbei, in deren Rinde eine kleine Blaumeise mit dem Flügel feststeckte. Die Gnome bildeten sofort eine Räuberleiter, wobei Kuller die Basis bildete und Kiesel ganz oben auf seinen Schultern balancierte.
Mit einer Mischung aus Honig und warmem Quellwasser lösten sie das verklebte Gefieder, bis der kleine Vogel wieder frei in den blauen Himmel aufsteigen konnte. Die Blaumeise drehte drei Ehrenrunden über ihren Köpfen und verabschiedete sich mit einem fröhlichen Lied, das den ganzen Wald erfüllte.
Kuller wischte sich den Schweiß von der Stirn und bemerkte stolz: "Ein echter Gnom geht niemals schlafen, bevor er nicht mindestens drei gute Taten für seine tierischen Nachbarn vollbracht hat!"
Als die Dämmerung schließlich einsetzte und der Wald in ein sanftes, bernsteinfarbenes Licht getaucht wurde, kehrten die Freunde erschöpft nach Hause zurück. In der Mitte des Dorfes hatten die anderen Gnome bereits ein großes Festessen vorbereitet, das auf riesigen Pilzhüten serviert wurde.
Es gab süße Blaubeerpfannkuchen, die so klein wie Ein-Cent-Stücke waren und prickelnde Limonade aus wilden Himbeeren und kühlem Tau. Die Glühwürmchen versammelten sich in den Bäumen und bildeten leuchtende Girlanden, die den Festplatz in einen magischen Schimmer hüllten. Kiesel stand auf einem umgedrehten Eichelbecher und hob sein winziges Glas, um eine kurze Rede an alle Bewohner zu halten: "Heute haben wir bewiesen, dass man auch mit kleinen Füßen sehr große Spuren in der Welt hinterlassen kann!"
Alle klatschten begeistert Beifall und tanzten noch eine Weile zu der Musik, die eine Grille auf ihrer kleinen Geige für sie spielte. Sogar der alte Dachs Grimbart schaute kurz vorbei und brachte einen großen Topf mit herzhafter Käfersuppe mit, die er über dem Feuer aufwärmte.
Die Stimmung war ausgelassen und bunt, während die Sterne am dunklen Nachthimmel zu funkeln begannen wie kleine Diamanten auf einem Samtteppich. Schließlich wurden die Augen der Gnome immer schwerer und das Gähnen wurde im ganzen Dorf immer ansteckender wie eine sanfte Welle.
Brombeere kuschelte sich in ihre Decke aus getrockneten Blütenblättern und flüsterte müde zu ihren Freunden herüber: "Morgen wird ein weiterer wunderbarer Tag im Wald und ich freue mich schon jetzt auf unsere nächsten Abenteuer!"
Nach und nach erloschen die Lichter in den Kürbishäusern und die kleinen Gnome schlummerten friedlich ein, während der Wind leise durch die Wipfel der Bäume sang. Das Dorf war nun wieder vollkommen unsichtbar für alle anderen Wesen, geschützt durch den Zauber der Freundschaft und die dichten Blätter der alten Farne.
Kiesel rückte im Schlaf seine Brille noch einmal zurecht und murmelte leise vor sich hin, bevor er endgültig im Reich der Träume versank: "Gute Nacht mein lieber Wald, bleib immer so schön und geheimnisvoll wie in dieser wunderbaren Nacht!"




