Als der kleine Stern sein Funkeln verlor - eine liebevolle Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- vor 22 Minuten
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Es war einmal eine tiefe und samtene Nacht, in der die Wolken wie weiche Kissen am hohen Himmel hingen. Hoch oben im glitzernden Sternenmeer lebte ein kleiner Stern namens Funkel, der normalerweise so hell strahlte wie eine frisch geputzte Laterne.
Doch an diesem Abend fühlte sich Funkel seltsam leer und grau, als hätte jemand sein inneres Licht einfach ausgepustet. Plötzlich verlor er den Halt am Himmelszelt und purzelte wie eine leuchtende Murmel tief hinunter in den Garten der kleinen Fiora.
Fiora war gerade sechs Jahre alt geworden und schaute oft aus ihrem Fenster, um die Geheimnisse der Nacht zu entdecken. Sie sah einen hellen Schweif am fernen Horizont und rannte sofort im Schlafanzug hinaus auf die kühle Wiese. Dort lag ein kleiner, runder Gegenstand, der jedoch nicht aus gewöhnlichem Stein war, sondern aus mattem Gold bestand und leise vor sich hin schluchzte.
"Oh weh, ich habe mein Leuchten verloren und nun bin ich ganz allein auf der weiten Welt", flüsterte der kleine Stern mit einer Stimme, die wie feiner Sand klang. Fiora kniete sich vorsichtig in das hohe Gras und nahm den kleinen Besucher behutsam in ihre warmen Hände.
"Hab keine Angst, kleiner Stern, ich werde dir helfen, dein Licht wiederzufinden", versprach sie ihm mit einem mutigen Lächeln. Sie wusste sofort, dass der Stern einfach nur vergessen hatte, wie wichtig er für die Welt da unten eigentlich war.
Um sein Herz wieder zu erwärmen, begann Fiora ihm eine erste Geschichte von den mutigen Seefahrern auf den großen Ozeanen zu erzählen. Sie erzählte von riesigen Schiffen, die mitten in der dunklen Nacht auf den wilden Wellen tanzten und den sicheren Weg nach Hause suchten.
"Die Kapitäne blicken jede Nacht sehnsüchtig hinauf zu dir, damit du ihnen zeigst, wo der sichere Hafen liegt", erklärte Fiora dem staunenden Stern sehr ausführlich. Ohne dein helles Funkeln würden die Schiffe im Kreis fahren und niemals bei ihren wartenden Familien ankommen können.
Du bist wie eine goldene Lampe auf dem Meer, die den Fischern den Rückweg zu ihren Kindern weist. Als der kleine Stern das hörte, spürte er ein winziges Kitzeln in seiner Mitte und ein ganz schwacher Schimmer kehrte in sein Herz zurück. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass sein kleines Licht ein so wichtiger Wegweiser für viele Menschen auf dem tiefen Wasser sein könnte.
Fiora merkte jedoch, dass der kleine Stern noch viel mehr Ermutigung brauchte, um wieder richtig kräftig und hell strahlen zu können. Sie kuschelte sich enger an ihn und erzählte ihm von den kleinen Kindern, die manchmal Angst vor der großen Dunkelheit in ihren Zimmern hatten.
"Wenn die Kinder nicht schlafen können, schauen sie aus dem Fenster und suchen dich als ihren nächtlichen Wächter", flüsterte sie leise in die kühle Nachtluft hinein. Dein sanftes Licht schenkt ihnen Mut und sagt ihnen, dass sie niemals wirklich ganz allein im Dunkeln sein müssen. Sie sehen dich dort oben und wissen, dass ein Freund über ihren Schlaf wacht und alle bösen Träume vertreibt.
Der kleine Stern dachte an all die warmen Kinderzimmer und fühlte plötzlich eine angenehme Wärme, die durch seinen ganzen kleinen Körper floss. Ein kräftiges Gelb begann nun von seinem Rand bis in seine spitzen Zacken zu wandern und er leuchtete schon fast wie eine kleine Taschenlampe im Gras.
Doch Fiora kannte noch mehr Geheimnisse über die Sterne, die sie dem kleinen Funkel nun unbedingt verraten wollte. Sie erzählte ihm von den Tieren im tiefen Wald, die ebenfalls auf das Licht der Sterne angewiesen waren.
"Die kleine Eule braucht dein Funkeln, um den Weg zwischen den hohen Bäumen zu finden", erklärte sie mit einer sanften Geste in Richtung der dunklen Tannen. Auch der kleine Igel orientiert sich an deinem Schein, wenn er im Laub nach seinem Futter sucht. Du bist das Licht, das den Wald in einen zauberhaften Ort verwandelt, wenn die Sonne längst untergegangen ist.
Der kleine Stern fühlte sich nun schon viel stärker und sein Herz schlug ein kleines bisschen schneller vor lauter Freude. Er begann nun sogar wieder ein wenig zu vibrieren, während sein Licht immer goldener und kräftiger wurde.
Zum Schluss erzählte Fiora ihm die aller wichtigste Geschichte von allen, die von den großen Wünschen und den Träumen der Menschen handelte. Sie berichtete davon, wie die Menschen draußen innehalten und ganz tief einatmen, wenn sie einen besonders funkelnden Stern am dunklen Himmel entdecken.
"Jedes Mal, wenn du besonders hell strahlst, schicken wir dir unsere allerschönsten und geheimsten Wünsche nach oben", sagte Fiora mit leuchtenden Augen zu ihrem neuen Freund. Du bist der treue Hüter unserer Träume und ohne dich gäbe es viel weniger Hoffnung auf dieser großen Erde.
Wir bewahren unsere Wünsche bei dir auf, damit sie dort oben sicher sind und eines Tages vielleicht in Erfüllung gehen können. In diesem Moment geschah etwas wirklich Wundervolles, denn der kleine Stern begriff endlich, dass sein Funkeln aus der Liebe und dem Vertrauen der Menschen entstand. Er leuchtete plötzlich so hell auf, dass der ganze Garten von Fiora in ein magisches und warmes Gold getaucht wurde.
Der kleine Stern schwebte nun langsam aus Fioras Händen empor und stieg immer höher in den weiten Nachthimmel hinauf. "Danke, liebe Fiora, du hast mein Herz und mein Funkeln wieder zum Leuchten gebracht", rief er mit einer Stimme voller Freude von weit oben herab. Er nahm seinen alten Platz am samtenen Himmelszelt wieder ein und funkelte schöner als jemals zuvor in seinem ganzen langen Sternenleben.
Fiora winkte ihm noch einmal kräftig zu und kletterte dann müde aber überglücklich zurück in ihr warmes und weiches Bett. Sie wusste nun ganz genau, dass ihr kleiner Freund da oben über sie wachte und all ihre Träume bewachte. Wann immer sie nun in den klaren Himmel blickte, erkannte sie sofort das besondere Funkeln, das sie gemeinsam gerettet hatten.
Der kleine Stern blinkte ihr jedes Mal fröhlich zu, als wollte er ihr damit ein geheimes Zeichen geben. Die Nacht war nun nicht mehr dunkel, sondern erfüllt von einem magischen Licht, das die ganze Welt ein kleines Stückchen heller machte.




