Der kleine Pirat an Fastnacht - eine Fastnacht-Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- vor 38 Minuten
- 4 Min. Lesezeit

Es war ein nebliger, kühler Morgen, doch in Timmys Kinderzimmer brannte schon seit den frühen Morgenstunden ein helles, warmes Licht. Der kleine Junge stand auf Zehenspitzen vor dem großen Kleiderschrank und strich ehrfürchtig über den schweren Stoff seines Kostüms.
Seine Finger tasteten über die goldenen Knöpfe an seiner Weste, die wie kleine Sonnen im fahlen Licht der Nachttischlampe funkelten. "Heute ist endlich der Tag der großen Piraten", flüsterte er so leise, dass nur sein treuer Stoffbär im Bett ihn hören konnte.
Seine Mama kam leise zur Tür herein und hielt ein Schminkset in der Hand, um sein Gesicht in das eines echten Seeräubers zu verwandeln. Mit sanften Pinselstrichen malte sie ihm einen verwegenen Bart auf das Kinn und setzte einen schwarzen Punkt als künstliches Muttermal auf seine Wange.
Timmy betrachtete sich im Spiegel und rückte den schweren Gürtel zurecht, an dem sein hölzerner Säbel baumelte. Doch während er sich im Spiegel drehte, spürte er ein unangenehmes Flattern in seiner Magengegend, das ihn ein wenig verunsicherte. Das Kitzeln in seinem Bauch fühlte sich an wie eine Horde aufgeregter Schmetterlinge, die unbedingt ausfliegen wollten.
Als sie das Haus verließen, hingen schwere, bunte Girlanden über den schmalen Gassen und der Wind trug bereits die ersten Takte einer Posaune herbei. Überall auf den Gehwegen lagen winzige Papierschnipsel, die wie bunte Edelsteine im grauen Asphalt leuchteten.
Timmy hielt die Hand seiner Mama so fest umschlossen, dass seine Knöchel fast so weiß wie der Schaum auf den Meereswellen wurden. Er sah die ersten Gestalten, die sich auf dem Marktplatz versammelten, und sie wirkten in der Ferne wie fremde Wesen aus einer anderen Welt. Da waren riesige Gestalten in Pelzen und Masken, die mit schweren Glocken läuteten und dabei viel Lärm machten.
"Sind das alles echte Ungeheuer auf der Straße", fragte Timmy mit einer zittrigen Stimme und blieb wie angewurzelt stehen. Er beobachtete eine Gruppe von Piraten, die sich lautstark unterhielten und dabei ihre großen, schwarzen Fahnen im Wind schwenkten.
Diese Männer hatten dunkle Augenringe geschminkt und trugen zerlumpte Kleidung, die im Wind flatterte wie die Flügel großer Raubvögel. Einer der Piraten schwang ein langes Tau über seinem Kopf und stieß einen tiefen, kehligen Ruf aus, der durch die ganze Gasse hallte.
Timmy zog seinen Kopf ein und wollte am liebsten sofort wieder zurück in sein kuscheliges Kinderzimmer flüchten. Er stellte sich vor, wie diese wilden Seeräuber ihn auf ihr Schiff entführen und ihn Deck schrubben lassen würden.
"Ich habe doch nur ein kleines Holzschwert und kein echtes Schiff", gab er zu bedenken und blickte sehnsüchtig zurück in die Richtung ihres Hauses. Seine Mama kniete sich zu ihm nieder und strich ihm eine Strähne seiner Haare unter den großen Piratenhut.
"Schau genau hin, mein kleiner Kapitän, und achte auf ihre Augen", sagte sie mit einem aufmunternden Lächeln. Timmy kniff die Augen zusammen und beobachtete den gefährlichsten Piraten der ganzen Gruppe, der gerade seine Maske ein Stück nach oben schob. Darunter kam das freundliche Gesicht von Herrn Müller zum Vorschein, der sonst immer die Brötchen in der Bäckerei verkaufte.
Herr Müller lachte so laut, dass seine Augen kleine Falten warfen, und teilte gerade eine Tüte Gummibärchen mit einem kleinen Mädchen im Marienkäferkostüm. Plötzlich verlor die wilde Piratenhorde ihren Schrecken und Timmy begriff, dass das alles nur ein großes, wunderbares Spiel war.
Der Umzug setzte sich mit einem lauten Knall in Bewegung und die erste Musikkapelle marschierte mit schmetternden Trompeten an ihnen vorbei. Die Luft war erfüllt vom Rhythmus der Trommeln, der so kräftig war, dass Timmy ihn sogar in seinen Fußsohlen spüren konnte. Ein großer Wagen in Form eines hölzernen Schiffes rollte langsam über das Kopfsteinpflaster und die Piraten darauf tanzten zur Musik.
"Komm hoch zu uns, kleiner Pirat, wir brauchen noch Verstärkung", rief eine Frau mit einer bunten Feder am Hut und streckte ihre Hand nach ihm aus. Timmy zögerte keine Sekunde mehr, ließ die Hand seiner Mama los und kletterte mutig auf die unterste Stufe des Wagens. Von hier oben sah die Welt ganz anders aus, viel bunter und voller lachender Menschen, die alle mit den Armen winkten.
Er griff in eine große Kiste voller Popcorn und warf die leichten Flocken mit vollen Händen in die jubelnde Menge unter ihm. Überall flogen Luftschlangen durch die Luft, die sich wie lange, farbige Schlangen um die Laternenmasten und Baumzweige wickelten.
Timmy fühlte sich, als würde er auf einer Welle aus reinem Glück durch die Stadt getragen werden. Er tanzte zur fröhlichen Musik und klatschte mit seinem hölzernen Säbel gegen die Bordwand des Piratenschiffes. Die Leute am Straßenrand riefen seinen Namen und freuten sich über jeden Goldtaler aus Schokolade, den er ihnen mit Schwung zuwarf.
"Ahoi und Helau, wir segeln heute über den Asphalt", schrie er aus vollem Hals und fühlte sich dabei so frei wie ein echter Vogel auf hoher See. Er sah eine Gruppe von Clowns, die mit gelben Fahrrädern um das Schiff herumkurvten und dabei lustige Grimassen in alle Richtungen schnitten.
Ein Hund mit einem kleinen bunten Umhang lief bellend neben dem Wagen her und schien genauso viel Spaß zu haben wie alle Menschen. Die Angst war nun vollständig verschwunden und an ihre Stelle war ein Gefühl von riesiger Stärke und großer Abenteuerlust getreten. Timmy bemerkte, dass die anderen Piraten auf dem Wagen gar keine fremden Männer waren, sondern Freunde, die alle das gleiche Ziel hatten.
Als die Sonne langsam hinter den Dächern der Stadt versank, leuchteten die Kostüme im Schein der Straßenlaternen noch einmal besonders hell auf. Der Umzug neigte sich dem Ende zu, doch das Lachen und die Musik klangen noch lange in den Ohren der Menschen nach.
Timmy kletterte vorsichtig vom Wagen und lief zurück in die Arme seiner Mama, die die ganze Zeit stolz neben ihm hergelaufen war. Seine Taschen waren nun schwer von all den Süßigkeiten und kleinen Schätzen, die er während der Fahrt gesammelt hatte.
"Morgen verkleide ich mich wieder als Pirat und wir machen unseren eigenen Umzug im Garten", verkündete er mit leuchtenden Augen. Er fühlte sich müde, aber auf eine ganz wunderbare und zufriedene Weise, die ihn innerlich ganz warm werden ließ. Die bunten Farben des Tages tanzten immer noch vor seinem inneren Auge, während sie langsam den Heimweg antraten. In dieser Nacht schlief er besonders tief, während sein Piratenhut sicher auf dem Nachttisch über seine Träume wachte.




