Das Kind, das mit dem Mond sprach - eine verträumte Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- vor 8 Stunden
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In einem kleinen Haus am Rande eines tiefen, silbernen Waldes lebte ein Junge namens Elias, der die Nacht mehr liebte als den hellsten Sommertag. Wenn die Sonne hinter den Bergen verschwand und die Schatten der Bäume länger wurden, kletterte Elias auf seinen gemütlichen Fenstersitz.
Er wartete sehnsüchtig darauf, dass der Himmel seine tiefblaue Farbe annahm und die ersten Sterne wie kleine Glühwürmchen zu leuchten begannen. Sein bester Freund war jedoch kein anderer Junge und auch kein Haustier, sondern der große, runde Mond, der jede Nacht geduldig über der Welt wachte.
Eines Abends war der Mond besonders hell und schien so nah zu sein, dass Elias glaubte, er könne die kraterige Oberfläche fast mit seinen Fingerspitzen berühren. Er öffnete leise das Fenster und die kühle Nachtluft strich sanft über sein Gesicht. Elias blickte hinauf und flüsterte ganz leise in die Dunkelheit hinein.
"Guten Abend, lieber Mond, wie war dein Tag heute dort oben im weiten Sternenmeer?" Zu seiner großen Überraschung geschah etwas, das Elias niemals für möglich gehalten hätte. Der Mond begann sanft zu flimmern und ein warmes Licht erfüllte das gesamte Zimmer. Eine Stimme, die so ruhig und weich wie fallender Schnee klang, antwortete ihm direkt in seinem Herzen.
"Guten Abend, kleiner Elias, mein Tag war voller Stille, während ich darauf gewartet habe, dass die Sonne schlafen geht." Elias staunte mit weit aufgerissenen Augen und hielt sich am Fensterbrett fest, um nicht vor Schreck umzufallen.
"Du kannst mich wirklich hören und sogar mit mir sprechen?" fragte er mit zitternder, aber glücklicher Stimme. Der Mond lächelte ein unsichtbares Lächeln und neigte sich ein kleines Stückchen tiefer zu dem Jungen hinab.
"Ich höre die Wünsche aller Kinder und die Lieder der Nachtigallen, aber nur wenige sprechen so freundlich mit mir wie du." Elias fühlte sich plötzlich ganz mutig und wollte alles über die Geheimnisse des Nachthimmels erfahren. Er fragte den Mond, ob es dort oben einsam sei oder ob die Sterne gute Spielkameraden wären.
Der Mond erzählte ihm von den tanzenden Sternschnuppen, die gerne Wettrennen veranstalteten, und von den vorbeiziehenden Wolken, die sich wie weiche Schafe an ihn kuschelten.
"Manchmal kitzeln mich die Kometen an der Nase, wenn sie zu schnell vorbeifliegen." sagte der Mond und ein silberner Lichtstrahl tanzte lustig über Elias’ Bettdecke. Elias lachte leise und wünschte sich, er könnte nur ein einziges Mal die Welt von ganz oben sehen.
In diesem Moment löste sich ein kleiner, funkelnder Strahl vom Mond und formte eine zarte Leiter aus purem Licht, die direkt in Elias’ Zimmer reichte. "Komm herauf und sieh dir an, wie friedlich die Welt unter uns schläft." flüsterte die sanfte Stimme des Mondes.
Elias setzte vorsichtig einen Fuß auf die leuchtende Stufe und spürte eine angenehme Wärme, die seinen ganzen Körper erfüllte. Er kletterte höher und höher, vorbei an den Schornsteinen der Nachbarn und den Wipfeln der höchsten Tannen.
Je weiter er stieg, desto kleiner wurden die Häuser und die Autos unten auf der Straße sahen aus wie winziges Spielzeug. Oben angekommen setzte er sich auf eine weiche Wolke, die sich wie frisch geschlagene Sahne anfühlte. Von hier oben konnte er sehen, wie die Flüsse wie glitzernde Bänder durch das Land flossen und wie die Lichter der Stadt sanft pulsierte. "Es ist das schönste Bild, das ich jemals in meinem ganzen Leben gesehen habe." sagte Elias ehrfürchtig.
Der Mond schaute ihn liebevoll an und erzählte ihm, dass seine wichtigste Aufgabe darin bestand, über die Träume der Menschen zu wachen. "Ich schicke den Kindern die schönsten Bilder in ihren Schlaf, damit sie keine Angst vor der Dunkelheit haben müssen." erklärte der Mond mit Stolz in der Stimme.
Elias sah zu, wie der Mond mit seinen langen Lichtfingern kleine Traumblasen formte und sie sacht wie Seifenblasen nach unten zur Erde schickte. Eine Blase war hellgelb und roch nach Sommerwiesen, eine andere war tiefblau und klang wie das ferne Rauschen des Meeres. "Kann ich dir helfen, die Träume zu verteilen?" fragte Elias eifrig und streckte seine Hände nach einer glitzernden Blase aus.
Gemeinsam verbrachten sie Stunden damit, die Welt mit wunderbaren Gedanken und friedlichen Träumen zu füllen. Elias lernte, dass die Nacht nicht dunkel und beängstigend war, sondern eine Zeit der Ruhe und der magischen Wunder. Als der erste Schimmer des Morgengrauens am Horizont erschien, wusste der Mond, dass es Zeit für Elias war, in sein Bett zurückzukehren.
"Du musst jetzt gehen, kleiner Freund, denn die Sonne wird bald ihren Platz am Himmel einnehmen." sagte der Mond ein wenig wehmütig. Elias nickte und rutschte die Lichtleiter vorsichtig wieder hinunter, bis er wieder sicher auf seinem Fenstersitz landete.
Er kuschelte sich tief in seine Kissen und fühlte sich so geborgen wie noch nie zuvor in seinem Leben. Bevor er seine Augen schloss, blickte er ein letztes Mal hinauf zu dem verblassenden Licht am Himmel. "Danke für diese wunderschöne Reise und danke, dass du mein Freund bist." murmelte er schläfrig.
Der Mond zwinkerte ihm noch einmal ganz hell zu, bevor er hinter den fernen Bergen verschwand. "Ich werde jede Nacht hier sein und auf dich warten." war das letzte, was Elias hörte, bevor er in einen tiefen und traumhaften Schlaf sank. Von diesem Tag an wusste Elias, dass er niemals allein war, solange er den Mond am Himmel sehen konnte.




