Wie kleine Schwarzfeder die Büffel zähmte - eine Gute-Nacht-Geschichte mit Indianer
- Michael Mücke

- vor 3 Stunden
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Es war einmal ein kleiner Junge namens Schwarzfeder, der in einem Dorf inmitten der weiten, goldenen Prärie lebte. Schwarzfeder war zwar noch recht klein, doch sein Herz war so groß wie der weite Himmel über den unendlichen Ebenen.
Während die anderen Kinder des Stammes lernten, wie man schnelle Pfeile schnitzte oder schwere Lasten trug, saß Schwarzfeder oft am Rand des Dorfes und lauschte dem feinen Flüstern des Windes im hohen Gras. Er besaß eine ganz besondere Gabe, denn er verstand die geheime Sprache der Tiere und wusste genau, was die bunten Vögel in den Bäumen oder die fleißigen Käfer im Boden einander leise erzählten.
Die alten Leute im Dorf nannten ihn deshalb oft den kleinen Träumer, doch Schwarzfeder wusste, dass die Welt viel mehr war als nur das, was man mit den Augen sehen konnte.
Eines Tages, als die Sonne gerade rot und orange hinter den fernen Bergen versank, spürte Schwarzfeder ein tiefes Grollen im Boden direkt unter seinen nackten Füßen. Es klang wie ferner Donner an einem heißen Sommertag, doch am weiten Himmel war kein einziges graues Wölkchen zu sehen.
Die weisen Ältesten des Dorfes traten aus ihren bunt bemalten Zelten und blickten besorgt zum fernen Horizont, wo eine riesige, braune Staubwolke bedrohlich aufstieg. Eine gewaltige Herde wilder Büffel stürmte mit aller Kraft direkt auf das friedliche Dorf zu, denn die Tiere waren vor einem großen Waldbrand weit im Westen geflohen und nun völlig in Panik geraten.
Die Menschen im Dorf hatten schreckliche Angst, da die schweren Hufe der Tiere alles auf ihrem langen Weg gnadenlos niedertrampeln würden. Schwarzfeder sah die große Furcht in den glänzenden Augen seiner Freunde und wusste sofort, dass er etwas ganz Besonderes unternehmen musste.
Er nahm seine kleine Flöte, die sein geliebter Großvater ihm aus einem hohlen Ast einer alten Weide geschnitzt hatte, und rannte mutig der gewaltigen Staubwolke entgegen. Die starken Krieger des Dorfes riefen ihm erschrocken und mit lauter Stimme hinterher, doch der kleine Junge hielt für keinen Moment an. Er lief so schnell seine kleinen Beine ihn trugen, bis er direkt vor der rasenden Herde auf einer kleinen Anhöhe stand. Die Büffel waren so groß wie kleine Berge aus Fell und ihre Augen funkelten wild vor lauter Angst und großer Verwirrung.
Als der erste gewaltige Büffelstier nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, setzte Schwarzfeder die Flöte ganz sanft an seine Lippen. Er spielte keine laute oder schrille Melodie, sondern ein wunderbar leises Lied, das nach frischem Regen und weichem, grünem Moos klang.
Er schloss seine Augen ganz fest und rief den wilden Tieren mit seiner warmen Stimme entgegen: "Habt keine Angst, meine großen Brüder, denn hier bei uns seid ihr sicher und geborgen."
Die magische Musik legte sich wie eine unsichtbare, federleichte Decke über die aufgeregten und müden Tiere. Der große Leitstier, ein mächtiges Tier mit einem dichten Fell so dunkel wie die tiefste Nacht, bremste so plötzlich ab, dass der trockene Staub hoch in die kühle Abendluft wirbelte.
Alle anderen Büffel hielten ebenfalls sofort an und senkten ihre schweren Köpfe mit den großen Hörnern, um der wunderschönen Melodie des Jungen zu lauschen. Schwarzfeder ging nun ganz langsam und ohne Furcht auf den großen Stier zu und legte seine kleine, warme Hand sanft auf die weiche Nase des riesigen Tieres.
Er flüsterte dem mächtigen Anführer der Herde leise Worte des Trostes direkt ins Ohr: "Der Weg ist weit gewesen, doch nun dürft ihr euch auf den grünen Wiesen ausruhen und schlafen." Der gewaltige Stier schnaubte einmal kräftig aus seinen großen Nüstern, was wie ein tiefes Seufzen der Erleichterung klang, und leckte dem kleinen Jungen mit seiner rauen Zunge einmal über die ganze Wange.
Die Dorfbewohner trauten ihren eigenen Augen kaum, als sie sahen, wie der kleine Schwarzfeder die wilde Horde ganz allein zum Stehen gebracht hatte. Die Büffel waren nun völlig friedlich und begannen ganz ruhig am hohen, süßen Gras zu knabbern, anstatt das Dorf der Menschen zu zerstören. Der weise Häuptling des Stammes trat vor alle Leute und legte dem mutigen Jungen stolz eine Hand auf die Schulter.
Er sagte mit einer feierlichen und tiefen Stimme zu allen versammelten Menschen: "Heute hat nicht die Stärke der Waffen, sondern die reine Kraft der Sanftheit unser schönes Heim bewahrt." Von diesem besonderen Tag an war Schwarzfeder im ganzen Land als der Junge bekannt, der mit den Büffeln tanzte und den Frieden in die wilden Herzen der Natur brachte.
Die Büffel blieben den ganzen langen Winter über in der Nähe des Dorfes und beschützten die Menschen mit ihren großen Körpern vor der eisigen Kälte und den hungrigen Wölfen. Schwarzfeder besuchte seine neuen, großen Freunde jeden einzelnen Tag und spielte ihnen auf seiner hölzernen Flöte viele neue Lieder vor.
Er lernte dabei, dass jedes Tier eine eigene Geschichte hatte, die es ihm in der Stille der Natur erzählte. Wenn die Kinder im Dorf heute abends in ihren warmen Betten liegen, hören sie manchmal noch das leise und beruhigende Schnauben der Büffel im nächtlichen Wind.
Sie wissen dann ganz genau, dass sie sicher sind, solange ein Herz voller Liebe und schöner Musik über sie alle wacht. Schwarzfeder legte sich in jener wunderbaren Nacht glücklich in sein Bett aus weichen Fellen und träumte von weiten Wiesen, auf denen Mensch und Tier für immer die besten Freunde waren.




