Die Drachen und das goldene Ei - eine mystische Ritter Geschichte
- Michael Mücke

- 9. Nov. 2025
- 5 Min. Lesezeit

In einem weit entfernten Königreich, das zwischen dunklen Tannenwäldern und eisbedeckten Gipfeln lag, lebte ein junger Ritter namens Arvid von Dalen. Er war nicht der stärkste Kämpfer des Landes, und er trug noch keine Narben des Ruhmes auf seiner Haut, doch sein Herz brannte vor Entschlossenheit.
Arvid war ehrlich, loyal und voller Sehnsucht nach Bedeutung. Seit seiner Kindheit hatte er den alten Geschichten gelauscht, in denen Helden gegen Riesen kämpften, Schätze fanden und für immer in den Liedern der Barden weiterlebten.
Eines Abends, als die Sonne hinter den Bergen versank und der Himmel in rotgoldenem Licht glühte, ließ der alte König Arvid in den Thronsaal rufen. Der Raum war groß und kühl, die Feuerstellen warfen tanzende Schatten an die Steinwände. Der König, müde und doch von wacher Weisheit, erhob sich langsam von seinem Sitz und sprach mit tiefer Stimme.
„Ritter Arvid,“ sagte er, „es gibt etwas, das dein Mut prüfen wird. Tief in den Nebelbergen, jenseits des Flusses der Stimmen, liegt das goldene Ei der Drachen. Es soll älter sein als unsere Zeit selbst. Wer es in die Burg bringt, dem wird Ehre und Ruhm zuteil, größer als je einem Ritter zuvor.“
Arvid neigte das Haupt, doch in seinem Innern kämpften Zweifel und Neugier miteinander. Niemand war je in die Nebelberge zurückgekehrt, nicht einmal die mutigsten Jäger. Dennoch versprach er, sich auf den Weg zu machen.
Am nächsten Morgen, während der Tau noch auf den Wiesen glitzerte, sattelte Arvid sein Pferd. Er nahm nur das Nötigste mit: ein Schwert, einen Schild, Brot, Wasser und das Amulett seiner Mutter – ein schlichtes Stück Silber, das ihm Mut spenden sollte. Der Wind wehte kühl über die Hügel, als er die Burg hinter sich ließ.
Die ersten Tage seiner Reise führten ihn durch Wälder, deren Bäume so dicht standen, dass kaum Licht auf den Boden fiel. Überall hörte man das Rascheln kleiner Tiere, und manchmal glaubte Arvid, Stimmen zu hören, die seinen Namen flüsterten. Nachts saß er am Feuer, blickte in die Flammen und fragte sich, ob Ruhm wirklich das war, wonach sein Herz verlangte – oder ob es etwas Tieferes gab, das er suchte.
Am siebten Tag gelangte er zu einem gewaltigen Gebirgspass. Die Pfade waren schmal, der Wind biss ihm ins Gesicht, und Schneeflocken tanzten in der Luft. Der Himmel wurde grau, und Donner grollte in der Ferne. In einer Höhle suchte er Schutz vor dem Sturm. Dort traf er einen alten Einsiedler, dessen Bart bis zur Brust reichte und dessen Augen wie glühende Kohlen schimmerten.
„Wohin führt dich dein Weg, junger Ritter?“ fragte der Alte.
Arvid antwortete ehrlich: „Ich suche das goldene Ei der Drachen. Man sagt, es bringe Ruhm und Ehre.“
Der Alte nickte langsam, und in seinem Blick lag ein Wissen, das Arvid frösteln ließ. „Viele haben das Ei gesucht,“ sagte er, „doch wer mit Gier im Herzen kam, kehrte nie zurück. Die Drachen sind keine Monster. Sie sind Wächter des Gleichgewichts. Hüte dich, das zu stören, was älter ist als die Menschen selbst.“
Diese Worte blieben Arvid im Gedächtnis, als er weiterzog. Nach Tagen des Kletterns, nach Nächten voller Träume von Feuer und Flügeln, erreichte er schließlich ein Tal, das so still war, dass selbst der Wind zu schlafen schien. Nebel kroch über den Boden, und ein leises Glühen erfüllte die Luft.
Dort sah er sie – die Drachen. Drei gewaltige Wesen ruhten auf den Felsen eines uralten Kraters. Ihre Körper glänzten im Dunst wie geschmolzene Edelmetalle. Der kleinste war silbern wie Mondlicht, der mittlere schimmerte grün wie ein tiefer See, und der größte, der wohl ihr Anführer war, trug Schuppen von dunklem Gold, durchzogen von feinen Linien aus Glut.
Zwischen ihnen lag das Ei. Es war so groß wie ein Wagenrad, glatt wie Glas und strahlte in einem warmen, sanften Licht. Die Luft um es herum vibrierte, als würde es atmen. Arvid spürte, wie sein Herz raste. Er war so nah am Ziel, dass er kaum wagte zu atmen.
Langsam trat er vor. Jeder Schritt hallte wie ein ferner Schlag auf Stein. Die Drachen rührten sich nicht, doch ihre Augen öffneten sich – Augen, in denen Jahrhunderte von Wissen ruhten.
Er hob die Hand, zögernd, und flüsterte: „Verzeiht mir, edle Wesen. Ich muss dieses Ei nehmen. Mein König verlangt es, und mein Name soll Ehre finden.“
Da erklang eine Stimme, so tief, dass sie in seinen Knochen widerhallte. „Ruhm ist wie Rauch,“ sprach der goldene Drache, „er steigt empor, doch der Wind trägt ihn davon. Was du suchst, ist nicht im Gold zu finden.“
Arvid senkte das Schwert. Der Drache erhob sich langsam, seine Schwingen spannten sich weit über den Krater. Funken tanzten in der Luft.
„Dieses Ei ist nicht Beute,“ sprach der Drache weiter. „Es ist das Erbe unseres Volkes. In ihm schläft das letzte Kind unserer Art. Wenn du es fortträgst, stirbt der letzte Gesang der Drachen.“
Arvid stand still. Er dachte an den König, an die Menschen, an die Hallen des Ruhms. Dann dachte er an den stillen Frieden dieses Ortes, an die Wärme des Lichts, das vom Ei ausging, und an die Worte des alten Einsiedlers.
Er kniete nieder, legte das Schwert vor sich und flüsterte: „Ich verstehe. Ich bin nicht hier, um zu nehmen, sondern um zu lernen.“
Da geschah etwas Unerwartetes. Der goldene Drache beugte sich zu ihm herab, bis Arvid seinen Atem spürte – heiß, aber nicht bedrohlich. „Du hast den wahren Mut bewiesen,“ sagte er. „Nicht, indem du kämpftest, sondern indem du verstanden hast.“
Ein Licht ging von dem Ei aus, heller als zuvor, und für einen Moment sah Arvid in seinem Inneren Bilder: Drachen, die über Täler flogen, Menschen und Tiere in Harmonie, ein Reich ohne Krieg. Als das Licht verblasste, war das Tal still, und Arvid fühlte, dass etwas in ihm verändert worden war.
Er ging, ohne das Ei zu berühren. Die Drachen sahen ihm nach, bis der Nebel ihn verschlang. Tage später, erschöpft, aber mit klarem Blick, kehrte er zur Burg zurück.
Der König empfing ihn ungeduldig. „Wo ist das Ei?“ fragte er streng.
Arvid legte Helm und Schwert nieder. „Majestät,“ sagte er ruhig, „das Ei gehört nicht uns. Es ist ein Herz, kein Schatz. Wenn wir es nähmen, verlören wir mehr, als wir gewännen.“
Der König sah ihn lange an, dann nickte er schweigend. Die Höflinge flüsterten, manche verspotteten Arvid, andere bewunderten ihn. Doch Arvid lächelte nur. Er wusste, dass sein Name vielleicht nie in den Liedern der Barden erklingen würde, aber er hatte etwas gefunden, das kein Ruhm je ersetzen konnte – Frieden in sich selbst.
Viele Jahre später, als Arvid längst ein alter Mann war, erzählte man sich, dass manchmal, wenn der Wind über die Nebelberge strich, ein tiefes, melodisches Grollen zu hören war. Es klang wie das ferne Lied eines Drachen, der dankbar den Namen jenes Ritters flüsterte, der verstand, wann man verzichten muss.
Und irgendwo, hoch über den Wolken, brach eines Tages ein junges, goldenes Drachenjunges aus seiner Schale, breitete seine Flügel aus und blickte in die Welt – eine Welt, die durch den Mut eines Menschen heil geblieben war.
Und so endete die Geschichte von Arvid von Dalen, dem Ritter, der den Ruhm suchte und die Wahrheit fand.




