Hoch oben über den flauschigsten Wolken, dort wo das Mondlicht am hellsten strahlt und die Sterne wie kleine Diamanten funkeln, befand sich ein Ort, den kaum ein Mensch je gesehen hatte. In einem Haus, das ganz aus schimmerndem Perlmutt erbaut war, wohnte der kleine Elf namens Aluna, den alle nur den Traummagier nannten.
Er trug einen langen Mantel aus blauem Samt, der mit echtem Sternenstaub bestickt war, und eine Brille, die so groß war, dass sie fast sein ganzes Gesicht verdeckte.
Jeden Abend, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwand, begann Aluna seine wichtige Arbeit in der magischen Werkstatt.
In diesem wunderbaren Raum standen unzählige Regale voller gläserner Fläschchen, in denen bunte Nebel wirbelten. Aluna rührte mit einem silbernen Löffel in einem riesigen Kessel, der mitten im Zimmer schwebte.
In diesen Kessel goss er vorsichtig ein wenig Mut von einem kleinen Löwen, eine Prise Abenteuerlust von einem mutigen Seefahrer und das sanfte Schnurren einer zufriedenen Hauskatze. Er mischte diese Zutaten sorgfältig zusammen, bis ein herrlicher Duft nach Vanille und warmer Sommerwiese den Raum erfüllte.
An diesem besonderen Abend geschah jedoch etwas völlig Unerwartetes in der Menschenwelt. Die Geschwister Marie, Jonas und der kleine Leo machten gerade eine Übernachtung im Garten in ihrem großen Zelt.
Als sie in den dunklen Nachthimmel blickten, sahen sie plötzlich eine leuchtende Treppe aus Licht, die direkt von den Wolken bis zu ihrem Kirschbaum hinunterreichte.
Neugierig und ohne Angst kletterten die drei Kinder die Stufen hinauf, die sich anfühlten wie weiche Watte unter ihren Füßen. Oben angekommen standen sie plötzlich vor der glitzernden Tür der Traumwerkstatt.
Aluna der Elf erschrak so sehr, dass ihm fast sein silberner Löffel aus der Hand gefallen wäre. Er rückte seine Brille zurecht und schaute die drei Kinder mit großen Augen an.
"Was macht ihr denn hier in meinem geheimen Reich, wo doch eigentlich alle Kinder schon längst schlafen sollten?" fragte er mit einer Stimme, die wie kleine Glöckchen klang.
Marie trat einen Schritt vor und antwortete mit staunendem Blick, dass sie einfach nur dem Licht gefolgt seien. Aluna lächelte daraufhin gütig und winkte sie näher an seinen großen Kessel heran.
Er erklärte den Kindern, dass er die Träume für die ganze Welt erschuf, damit niemand vor der Dunkelheit Angst haben müsse. "Seht ihr diese goldene Flüssigkeit hier in der Schale?" fragte der Traummagier und zeigte auf einen schimmernden Trank.
"Das ist die Freude eines Hundes, der über eine Wiese rennt, gemischt mit dem Lachen eines Kindes beim Karussellfahren."
Die Kinder beobachteten fasziniert, wie der Elf ein wenig von dem goldenen Licht in eine Seifenblase goss und sie sanft in Richtung Erde pustete.
Jonas wollte wissen, warum er die Träume so kompliziert zusammenmischte und nicht einfach für jeden das Gleiche machte. Aluna erklärte ihnen daraufhin sehr geduldig seine wichtige Aufgabe. "Jeder Mensch und jedes Tier braucht eine ganz eigene Mischung, um nachts Kraft für den neuen Tag zu schöpfen."
Der Elf nahm ein winziges Fläschchen mit violettem Nebel aus dem Regal und hielt es hoch gegen das Licht der Sterne. "Ein ängstliches Kind braucht Träume von Tapferkeit, während ein müder Waldarbeiter von Ruhe und sanftem Moos träumen möchte."
Die drei Geschwister durften dem Traummagier sogar ein wenig bei seiner Arbeit helfen. Leo suchte eine Zutat aus, die nach Erdbeeren und Sonnenschein duftete, während Marie einen Hauch von Meeresrauschen in den Kessel gleiten ließ.
Es war eine friedliche Atmosphäre, in der die Zeit stillzustehen schien und nur das leise Brodeln des magischen Kessels zu hören war. Aluna zeigte ihnen auch die Träume der Tiere, die oft von saftigem Futter und warmen Schlafplätzen handelten.
Nach einer Weile wurden die Augen der Kinder immer schwerer und sie mussten herzhaft gähnen. Aluna bemerkte ihre Müdigkeit und wusste, dass es Zeit war, sie zurück in ihr gemütliches Zelt zu schicken.
"Ihr habt mir heute eine große Freude bereitet, aber jetzt müsst ihr euch ausruhen." sagte der kleine Elf und überreichte jedem von ihnen einen unsichtbaren Beutel voller glitzernder Traumgedanken.
Er begleitete sie zurück zur leuchtenden Treppe und versprach ihnen, dass er heute Nacht einen ganz besonders schönen Traum für sie zusammenmischen würde.
Marie, Jonas und Leo stiegen langsam die weichen Stufen hinunter und schlüpften zurück in ihre warmen Schlafsäcke. Bevor sie ihre Augen schlossen, flüsterten sie sich noch einmal zu, wie unglaublich dieser Besuch beim Traummagier gewesen war.
In dieser Nacht träumten sie alle drei gemeinsam davon, wie sie auf dem Rücken eines riesigen, flauschigen Hundes über Regenbogenbrücken flogen.
Der Traummagier stand oben an seinem Fenster aus Perlmutt und winkte ihnen leise zu, während er bereits die nächste Portion süßer Träume in seinen silbernen Kessel rührte.

Jeden Sonntag die schönsten Geschichten der Woche
Trag dich ein und bekomm jeden Sonntag eine kurze Post von uns, mit den Geschichten, die diese Woche am besten ankamen. Als Willkommensgeschenk gibt es gratis Ausmalseiten und das erste Kapitel eines Schlummerpiraten-Buchs.
Ähnliche Gute-Nacht-Geschichten
8 Min. VorlesezeitNomi und die Wolkenpost
Wolken-Briefträgerin Nomi jagt einen verwehten Gute-Nacht-Brief durch den Nachthimmel und lernt unterwegs, auch einmal zu warten.
9 Min. VorlesezeitJuno und das Leuchtturm-Rätsel
Juno entdeckt, warum der Leuchtturm falsch blinkt, und setzt vorsichtig das Nest eines Seevogels um, damit das Fischerboot heimfindet.
10 Min. VorlesezeitFee Mara und das verschwundene Abendrot
Fee Mara holt das Abendrot aus einem verschlossenen Glas zurück, mit Hilfe eines Glühwürmchens, das den Schlüssel verschluckt hat.
9 Min. VorlesezeitSchneiderin Fenja und der Mantel aus Nebel
Schneiderin Fenja näht dem frierenden Wind einen Mantel aus Nebel, mit einem Faden aus Tau, den eine Spinne für sie spinnt.
10 Min. VorlesezeitSchaffnerin Yara und der Nachtzug nach Traumstadt
Eulen-Schaffnerin Yara sammelt im Nachtzug müde Fahrgäste ein, Station für Station, bis alle in Traumstadt friedlich eingeschlafen sind.
9 Min. VorlesezeitHanno und das Gewitter, das leise werden wollte
Die kleine Gewitterwolke Hanno erschrickt vor ihrem eigenen Donner. Ein Nachtfalter zeigt ihr, wie sich aus dem Grollen ein sanftes Regenlied machen lässt.
