Das Meereswettrennen - eine tolle Gute-Nacht-Geschichte
- Michael Mücke

- 1. Mai
- 4 Min. Lesezeit

Tief unten im glitzernden Ozean, wo das Sonnenlicht wie flüssiges Gold durch das türkisfarbene Wasser tanzte, herrschte eine ganz besondere Aufregung. Heute war der Tag des großen Meereswettrennens, auf den alle Bewohner des Korallenriffs seit vielen Monaten gewartet hatten. Die bunten Fische wirbelten in großen Schwärmen umher und die Krabben klapperten aufgeregt mit ihren Scheren am Meeresgrund.
An der Startlinie, die aus einer langen Schnur aus leuchtenden Meeresalgen bestand, versammelten sich die sechs mutigen Teilnehmer des Rennens. Da war zuerst der Schwertfisch Silas, der seine lange Nase stolz in die Höhe streckte und seine glänzenden Schuppen im Licht funkeln ließ.
Direkt neben ihm schwamm der Orca Oskar, dessen schwarz-weißes Muster unter Wasser besonders kräftig leuchtete. Die kleine Meerjungfrau Marina rückte ihre Krone aus funkelnden Muscheln zurecht und lächelte ihrer besten Freundin zu, der Robbe Ronja, die vergnügt mit ihren Flossen im Wasser patschte.
Auch der Delfin Dario war mit von der Partie und sprang voller Vorfreude einmal hoch aus den Wellen heraus. Sogar der Hai Henry war gekommen, doch er schaute gar nicht grimmig, sondern grinste freundlich mit seinen vielen Reihen von Zähnen.
Eine alte Meeresschildkröte namens Schorsch war der Schiedsrichter und hielt eine große, purpurrote Muschel in ihren Vorderflossen.
"Macht euch alle bereit für das größte Abenteuer eures Lebens", rief Schorsch mit seiner tiefen und gemütlichen Stimme in die Runde. Die Zuschauer hielten den Atem an und die kleinen Seepferdchen klammerten sich fest an die Korallenäste.
Dann blies die Schildkröte mit aller Kraft in die Muschel und ein tiefer Ton hallte durch das weite Blau des Meeres. "Auf die Plätze, fertig, los", rief er und die sechs Schwimmer schossen wie kleine Raketen von der Startlinie weg.
Zuerst führte der Schwertfisch Silas das Feld an, weil er sich mit seinem schmalen Körper wie ein Pfeil durch das Wasser schnitt. Doch schon nach kurzer Zeit erreichten sie das erste große Hindernis des Rennens. Ein riesiger Wald aus klebrigem Riesentang versperrte den Weg und die langen grünen Blätter wiegten sich gefährlich in der Strömung.
"Passt gut auf, dass ihr euch nicht verheddert", warnte Marina die anderen Teilnehmer lautstark. Während Silas mit seinem Schwert versuchte, die Algen zur Seite zu schieben, nutzte der Delfin Dario seine Wendigkeit und schlüpfte mit geschickten Drehungen durch die kleinsten Lücken.
Die Robbe Ronja amüsierte sich prächtig und rutschte über die glatten Blätter wie auf einer Wasserrutsche im Freibad. Nachdem sie den Algenwald hinter sich gelassen hatten, wurde das Wasser plötzlich kühler und eine dunkle Schattenwand tauchte vor ihnen auf. Es war das Labyrinth der singenden Korallenfelsen, wo die Strömung ständig ihre Richtung änderte.
"Hier müssen wir ganz eng zusammenbleiben", schlug der Orca Oskar vor und ließ einen lauten Klicklaut zur Orientierung hören. Der Hai Henry zeigte nun, wie stark er wirklich war, und schwamm ganz ruhig voran, um den anderen einen Windschatten im Wasser zu bieten. Marina hielt sich am Rücken des Orcas fest und gemeinsam navigierten sie sicher durch die engen Felsspalten.
Plötzlich tauchte eine riesige Wolke aus Tausenden von kleinen, glitzernden Quallen auf, die wie bunte Lampions im Wasser schwebten. "Oh weh, wir dürfen diese kitzeligen Quallen auf keinen Fall berühren", rief die Robbe Ronja und machte einen weiten Bogen um die leuchtenden Wesen. Silas der Schwertfisch musste seine Geschwindigkeit drosseln, um nicht versehentlich gegen eine der weichen Quallen zu stoßen.
Der Delfin Dario nutzte diese Gelegenheit und vollführte elegante Sprünge über die Quallenwolke hinweg, was die Zuschauer am Rand zu lautem Jubel veranlasste. Es war ein faszinierendes Schauspiel, wie die verschiedenen Tiere ihre ganz eigenen Talente einsetzten, um voranzukommen.
Nun lag nur noch das letzte Stück der Strecke vor ihnen, eine lange Gerade, die direkt zu einer großen, goldenen Zielflagge aus Sand führte. Alle Teilnehmer gaben noch einmal ihr Bestes und die Flossen schlugen wild umher, sodass viel weißer Schaum im Wasser entstand.
"Ich kann das Ziel schon fast mit meiner Nase berühren", keuchte Silas vor Anstrengung, während er versuchte, seinen Vorsprung zu halten. Doch der Orca Oskar und der Hai Henry holten mit ihren kräftigen Schwanzflossen immer weiter auf. Marina die Meerjungfrau sang ein aufmunterndes Lied, das allen Schwimmern neue Kraft für den Endspurt verlieh.
Kurz vor dem Ziel passierte etwas ganz Unerwartetes, denn eine kleine, verirrte Krabbe saß genau auf der Ziellinie und wirkte sehr verloren. Alle sechs Freunde bremsten gleichzeitig ab, damit sie das winzige Tierchen nicht in Bedrängnis brachten oder verletzten. "Geht es dir gut, kleine Krabbe", fragte Ronja besorgt und stupste den kleinen Gast sanft mit ihrer feuchten Nase an.
Die Krabbe krabbelte schnell zur Seite und winkte den großen Schwimmern dankbar mit ihren Scheren zu. Da alle gleichzeitig angehalten hatten, schwammen sie schließlich gemeinsam und Flosse an Flosse über die Ziellinie.
Die alte Schildkröte Schorsch schwamm herbei und schaute sich das Ergebnis ganz genau aus der Nähe an. "Dieses Jahr gibt es nicht nur einen einzigen Gewinner", verkündete er feierlich und überreichte jedem Teilnehmer eine glänzende Medaille aus Perlmutt. Die Zuschauer jubelten so laut, dass man es bis an die Meeresoberfläche hören konnte, und alle Teilnehmer fielen sich glücklich in die Arme.
"Gemeinsam macht ein Wettrennen viel mehr Spaß als alleine", stellte der Delfin Dario fest und vollführte einen letzten Freudensprung. Müde, aber sehr zufrieden, schwammen die Freunde nach diesem aufregenden Tag nach Hause, während der Mond das Meer in ein sanftes Silberlicht tauchte.




